Jeder fünfte Zeitarbeiter wird vom Kunden übernommen

Laut einer Umfrage in der Region haben Leiharbeiter ernsthafte Chancen, in eine normale Festanstellung zu kommen. Ist Zeitarbeit besser als ihr Ruf?

Chemnitz.

Seit 2002 hat sich die Anzahl der Zeitarbeiter in Sachsen auf derzeit rund 48.800 verdreifacht. Jeder 33. Beschäftigte im Freistaat ist inzwischen bei einer Leiharbeitsfirma angestellt. Das geht aus Zahlen der Arbeitsagentur hervor. Allerdings sind das demnach 2700 weniger als im Juni des vergangenen Jahres. In der Land- und Forstwirtschaft ging die Beschäftigung zurück.

Die südwestsächsischen Personaldienstleister haben offenbar zunehmend Probleme, neue Mitarbeiter zu gewinnen. Mehr als jede zweite Zeitarbeitsstelle ist derzeit bei ihnen offen. Das hat eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) ergeben, an der sich 65 Personaldienstleiter mit 3900Leihbeschäftigten aus Südwestsachsen beteiligt haben.

Ein Grund dafür könne sein, dass sächsische Unternehmen wegen des Fachkräftemangels potenzielle Zeitarbeiter zunehmend direkt einstellen, sagt Frank Vollgold, Sprecher der sächsischen Arbeitsagentur. Zudem seien gesetzliche Vorschriften für die Arbeitnehmerüberlassung verschärft worden. Der Arbeitsagentur sind zurzeit rund 40.000 offene Stellen gemeldet - jede dritte darunter von einer Zeitarbeitsfirma.

Laut IHK-Umfrage ist der typische Zeitarbeiter in Südwestsachsen 25 bis 54 Jahre alt, männlich und als Helfer oder Fachkraft in Vollzeit einsetzbar. Vor allem an das produzierende Gewerbe und an Dienstleister wird er entliehen. Bezahlt wird der Leiharbeiter laut Umfrage in mehr als 90 Prozent der Fälle nach dem mit den Gewerkschaften ausgehandelten Tarif für die Zeitarbeitsbranche. Das sind je nach Qualifikation derzeit zwischen 9,27 und 19,85Euro brutto pro Stunde. Zudem bekommen Leiharbeiter in der Regel Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

Dabei haben Leihbeschäftigte auch durchaus Chancen auf eine bessere Bezahlung durch eine Festanstellung bei dem Kunden, an den sie entliehen sind. Der IHK-Umfrage zufolge wird rund jeder fünfte Zeitarbeiter in Südwestsachsen vom Entleihbetrieb übernommen. Anderen bundesweiten Studien zufolge ist dieser Anteil, den Experten als Klebeeffekt bezeichnen, allerdings deutlich geringer. "Bei uns gibt es dazu keine Statistiken oder Erhebungen", sagt Arbeitsagentur-Sprecher Vollogold. "Wir gehen bei uns aber von mindestens zehn Prozent aus."

"Gerade die Zeitarbeit bietet für Arbeitslose und Geringqualifizierte wichtige Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt", sagt Martin Witschaß von der Chemnitzer IHK. Er erläutert: "71Prozent der Zeitarbeiter waren zuvor ohne Beschäftigung; mehr als jeder zweite übt Helfertätigkeiten aus. Zeitarbeit dient ebenfalls als Integrationsmotor für Flüchtlinge." Nach Zahlen der Arbeitsagentur haben sich allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 1338 Flüchtlinge in Sachsen aus der Arbeitslosigkeit in Jobs abgemeldet - rund die Hälfte davon in die Zeitarbeit.

Der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Sachsen hält Zeitarbeit dennoch für kein sinnvolles Instrument, um den Fachkräftemangel zu beheben. "Dadurch wird das Problem nicht gelöst, sondern nur ausgelagert", sagt Markus Schlimbach. "Dass knapp die Hälfte der Zeitarbeiter nur weniger als drei Monate im Entleihbetrieb bleibt, zeigt zudem, dass diese Leute weiter nur ausprobiert werden."

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2Kommentare
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  • 2
    1
    Freigeist14
    05.10.2018

    Kurze Frage : Leiharbeit-Besser als ihr Ruf ? Kurze Antwort : Nein . Mitnichten .

  • 9
    1
    cn3boj00
    04.10.2018

    Leiharbeit ist nicht besser als ihr Ruf! Egal ob jeder Fünfte oder eher jeder zehnte übernommen wird: Es bleibt ein Mißstand ohnegleichen. Ich kenne Leute die sind seit 15 Jahren als Leiharbeiter an ihrem Arbeitsplatz, direkt neben Stammarbeitern. Die Gesetze werden immer wieder umgangen. Die leute werden mal verliehen, dann macht man einen Werksvertrag, dann wieder was anderes. Die Leute machen 15 jhre den gleichen Job wie ihr nachbar am Schreibtisch / Werkbank zu zwei Drittel Lohn.
    Erst wenn mindestens jeder Dritte übernommen wird und jeder der länger als 2 jahre den Job macht wird es ein Instrument, das wirklich nur der Flexibilisierung dient und nicht dem Lohndumping. Denn da ist ja Sachsen sicher mal in einer Statistik nicht Schlusslicht sondern führend.



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