Kauf eines Elektroautos für viele Ostdeutsche noch kein Thema

Um die Klimaschutzziele doch noch zu erreichen, müssten künftig deutlich mehr Menschen mit Ökostrom fahren und heizen. Doch die Ostdeutschen denken gar nicht daran.

Chemnitz. Die Mehrheit der Ostdeutschen sieht in den kommenden fünf Jahren keine Veranlassung, beim Heizen und Fahren auf Ökostrom umzusteigen. Der Großteil will weitermachen wie bisher. Lediglich acht Prozent sind bereit, ihre Öl- oder Gasheizung zu modernisieren. Nur drei Prozent wollen auf Elektroheizung umstellen. Nur sieben Prozent können sich vorstellen, ein E-Auto anzuschaffen. Etwa zwei Drittel wollen auch in fünf Jahren noch einen Wagen mit Verbrennungsmotor fahren und erst einmal abwarten. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des mitteldeutschen Energieversorgers Envia-M hervor, an der sich 400 Ostdeutsche beteiligt haben.

Bislang beschränkt sich die Energiewende in Deutschland auf die Art und Weise, wie Strom erzeugt wird. Rund 80 Prozent des Energieverbrauchs und der damit verbundenen Emissionen sind jedoch dem Heizen und dem Verkehr zuzuschreiben. Deshalb müsse die Energiewende zu einer Wärme- und Verkehrswende weiterentwickelt werden, um die Klimaschutzziele doch noch zu erreichen, fordert Envia-M-Vorstandschef Tim Hartmann.

Deutschland hat sich gegenüber der Europäischen Union verpflichtet, bis zum Jahr 2020 bundesweit 18 Prozent des Bruttoenergieendverbrauchs durch regenerative Energien zu decken. Die Bundesregierung wird nach Prognosen von Experten diese Zusage aber nicht einhalten können, wenn die Politik jetzt nicht den Ausbau der erneuerbaren Energien drastisch beschleunigt. Laut Bundesverband für Erneuerbare Energien (BEE) stagniert der Anteil des Ökostroms am Endverbrauch derzeit bei rund 14,6 bis 14,8 Prozent. Ohne Kurskorrektur wird dieser Wert dem BEE zufolge bis 2020 bei nur 16 Prozent liegen.

Die Ostdeutschen sehen einer Verkehrs- und Wärmewende jedoch skeptisch entgegen. 45 Prozent der Bürger glauben der Envia-M-Umfrage zufolge zwar, dass es besser für das Klima ist, wenn sie künftig mit Ökostrom heizen und fahren. Allerdings meint aber nur rund jeder Fünfte, dass der Energieverbrauch auf diese Weise sinken wird. Demgegenüber befürchten sogar mehr als zwei Drittel der Befragten weiter steigende Kosten.
Um die Kosten im Griff zu behalten, soll der für die Wärme- und Verkehrswende erforderliche Ökostrom möglichst regional erzeugt werden. Dadurch müsste er nicht wie bisher über weite Strecken transportiert werden, sagt Hartmann. Auch bei der dezentralen Speicherung gehe es voran.

Rein rechnerisch steht schon jetzt in Teilen Ostdeutschlands ausreichend überzähliger Ökostrom zum Heizen und Fahren zur Verfügung. Im brandenburgischen Netzgebiet von Envia-M zum Beispiel wird etwa doppelt so viel Ökostrom produziert, wie vor Ort insgesamt an Strom verbraucht wird. Im gesamten Envia-M-Versorgungsgebiet sind es mehr als 85 Prozent des Gesamtverbrauchs, der durch Ökostrom abgedeckt wird.

Weil dieser Strom aber vor Ort oft nicht verbraucht oder wegen fehlender Leitungen nicht abtransportiert werden kann, müssen Windräder und Fotovoltaik-Anlagen abgeschaltet werden. Die Betreiber dieser Leerlauf-Anlagen erhalten dafür Entschädigungen. Allein im Jahr 2016 waren das laut Bundesnetzagentur 643 Millionen Euro. Bezahlen müssen das die Stromkunden über die Netzentgelte. Bei einer vierköpfigen Familie sind das fast 280 Euro im Jahr für Strom, der weder produziert noch verbraucht worden ist. "Dabei wäre es doch viel sinnvoller, diesen Strom zu nutzen, um regional Elektrofahrzeuge zu laden oder Heizungen zu betreiben", sagt Hartmann.

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