Mindestlohn-Studie: Ungelernte sind in Sachsen die Verlierer

Als Jobkiller hatte die sächsische Wirtschaft den Mindestlohn vor dessen Einführung gegeißelt. Die Gewerkschaften feiern ihn heute allerdings als Riesenerfolg. Was haben die 8,50 Euro Mindeststundenlohn wirklich gebracht?

Chemnitz.

Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums profitieren in Sachsen rund 250.000 Frauen und Männer von der Einführung des gesetzlichen Mindestlohns Anfang 2015. Mehr als jeder zweite Betrieb hat seither zumindest für einen Teil seiner Mitarbeiter die Löhne auf 8,50 Euro die Stunde oder mehr anheben müssen. Doch für Un- und Angelernte hat sich die Lage offenbar verschlechtert. Das geht aus einer gestern vorgestellten Studie der sächsischen Industrie- und Handelskammern (IHK) hervor, für die das Dresdener Ifo-Institut im Februar 2016 knapp 2700 Unternehmen im Freistaat befragt hat.

Der Befragung zufolge stellt fast jede dritte sächsische Firma, die ihre Löhne anheben musste, seither weniger gering qualifizierte Arbeitnehmer ein. Jedes fünfte dieser Unternehmen hat demnach die Anzahl der Billigjobber im eigenen Betrieb reduziert. Vor allem im Handel, in der Gastronomie und im Verkehrs- und Logistikgewerbe, wo zum Teil vorher weniger als sechs Euro Stundenlohn gezahlt wurde, sei es zu Stellenstreichungen gekommen, sagte der Chemnitzer IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich. "Besonders hart hat es dort die An- und Ungelernten getroffen, die eigentlich von der Anhebung der Löhne auf mindestens 8,50 Euro die Stunde profitieren sollten."

Darüber hinaus hat jedes dritte vom Mindestlohn betroffene Unternehmen das Weihnachts- oder Urlaubsgeld, Prämien oder die Wochenarbeitszeit gekürzt. "Manch Mitarbeiter hat jetzt zwar vielleicht einen höheren Stundenlohn, aber das, was bei ihm ankommt, ist längst nicht so viel, wie durch den Mindestlohns zu erwarten gewesen wäre", sagte Ifo-Wirtschaftsforscher Michael Weber.

Die sächsische Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Iris Kloppich, hatte kürzlich die Einführung des Mindestlohnes hingegen als eine "Erfolgsgeschichte" bezeichnet. Es habe keine massenhaften Entlassungen gegeben, sagte sie. Gerade im Gastgewerbe ist es laut DGB nicht zu einem Beschäftigungsabbau gekommen, sondern Mini-Jobs seien zu sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung umgewandelt worden. Auch die Preise seien kaum gestiegen.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung ging die Anzahl der geringfügig Beschäftigten in Sachsen von Januar 2014 bis Dezember 2015 zwar um 16.500 zurück. Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten stieg demnach aber im selben Zeitraum um rund 63.000.

Im Januar 2017 soll Mindestlohn erhöht werden

Eine Anhebung des Mindestlohnes lehnt mehr als die Hälfte der 2700 Betriebe ab, die das Dresdner Ifo-Institut in Sachsen jetzt befragt hat. Für viele Betriebe seien schon die 8,50 Euro ein Beschäftigungs- und Investitionshemmnis, so der Chemnitzer IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich. Er forderte deshalb eine "Anpassung mit Augenmaß". Hintergrund ist eine geplante Anpassung zum 1. Januar 2017. Bis Ende Juni sollen dazu Vorschläge vorliegen.

Laut Bundesregierung reichen die aktuell 8,50 Euro nicht, um der Armut zu entgehen. Demnach müsste ein Beschäftigter mindestens 11,50 Euro verdienen. Nur dann hätte er bei einer 38,5-Stunden-Woche nach 45 Jahren mindestens 769 Euro Rente - so viel wie die Grundsicherung. (juerg)

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9Kommentare
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    Haju
    10.05.2016

    @Jemand
    Exakt, Marktbereinigung nennt sich das. Für 6?* kann in manchen Branchen nahezu jeder Idiot Chef spielen.
    *aufgestockt mit Steuergeld von anderen

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    Haju
    10.05.2016

    Übrigens kein schlechtes Signal, daß die Ungelernten die Verlierer sind. Vor Jahrzehnten waren Ungelernte wohl im Wesentlichen die weniger als 1 Million Dauerarbeitslosen in den Altbundesländern, aber eben auch nur diese.

  • 4
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    Haju
    10.05.2016

    @Jemand
    Exakt, Marktbereinigung nennt sich das. Für 6?* kann nahezu jeder Idiot Chef mit goldenen Wasserhähnen zu Hause spielen. Die muß er jetzt selber putzen oder eine andere Firma dafür beauftragen; kostet mehr als die frühere eigene Angestellte, die dann womöglich dieselbe sein könnte. Ist alles real, mir wurde berichtet.
    *aufgestockt mit Steuergeld von anderen

  • 8
    0
    Jemand
    10.05.2016

    "Vor allem im Handel, in der Gastronomie und im Verkehrs- und Logistikgewerbe, wo zum Teil vorher weniger als sechs Euro Stundenlohn gezahlt wurde, sei es zu Stellenstreichungen gekommen, sagte der Chemnitzer IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich."
    Und wer macht da jetzt die Arbeit? Hatte man die Leute nur aus Mitleid beschäftigt, obwohl man sie gar nicht wirklich brauchte? So ein Unsinn!
    "Darüber hinaus hat jedes dritte vom Mindestlohn betroffene Unternehmen das Weihnachts- oder Urlaubsgeld, Prämien oder die Wochenarbeitszeit gekürzt."
    Na und - das ist immer noch besser, als wenn manche für einen Hungerlohn arbeiten. Außerdem stellt sich auch hier die Frage: Wenn die Wochenarbeitszeit gekürzt wird - wie wird dann die anfallende Arbeit noch geschafft?
    Die Sache ist ganz einfach: Wer keinen Mindestlohn zahlen kann, sollte keine Leute beschäftigen, der soll seine Bude zu machen oder die Arbeit selbst verrichten.

  • 3
    0
    saxon1965
    10.05.2016

    Es wird immer nur von der Erhöhung des Bruttolohnes gesprochen. Wie wäre es denn, wenn man, gerade bei Geringverdienenden die Steuerlast absenkt. Das Thema kalte Progression wird auch in dieser Legislaturperiode trefflich ausgesessen. Steuern bis 30 T? Jahresverdienst runter und bei Einkommen über 1 Mio/Jahr drastisch rauf, an Diäten, Verwaltung, Prunk- und BER-Bauten sparen und sonstige Steuerverschwendungen verhindern, dann muss der Deutsche Michel auch nicht mehr so viel steuern!

  • 5
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    GrafZ
    10.05.2016

    Es ist immer wieder schade, in der Freien Presse recht unkommentiert und nicht kontextualisiert Studien in Textform vorgestellt zu bekommen. Nicht, dass es keine entsprechende unerwünschte Folgen des Mindestlohnes gibt, aber es sollte schon daraufhingewiesen werden, welche politischen Forderungen das ifo seit Jahren erhebt - man denke nur an Hans-Werner Sinn. Wenn man deren unumstrittene Kompetenz dann in Verhältnis zu der Befähigung setzt, die letzten wirtschaftlichen Krisen vorherzusagen bzw. zu lösen, relativiert sich einiges.

  • 5
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    Sonnenschein123
    10.05.2016

    Da sieht man wieder wie wichtig es ist, in der Schule/ Berufsschule was zu LERNEN! Faulheit soll zwar die Glieder stärken, aber sonst...?

  • 8
    1
    ZwenAusZwota
    10.05.2016

    @Tohuwabohu recht sinnfreier Kommentar, oder?
    Die große Frage, die sich tatsächlich stellt und die die IHK NICHT beantwortet: bei wie vielen Unternehmern, bzw. Chefs schrumpfte der Gewinn durch die Einführung des Mindestlohnes? Insbesondere interessieren hier diejenigen, die Mitarbeiter entlassen oder deren Arbeitszeit kürzen mussten.

    Kann FP dies bitte recherchieren?

  • 0
    13
    Tohuwabohu
    10.05.2016

    Dürfen denn zum Mindestlohn überhaupt in den Medien solche kritischen Kommentare veröffentlicht werden? "sei es zu Stellenstreichungen gekommen" ...und ich dachte, solche Äußerungen sind mittlerweile der Presse verboten?!



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