Neue Allianz: Schule macht Betrieb

Berufsorientierung war für die Schulen lange kein Thema. Das hat sich geändert. Mittlerweile sind sie der wichtigste Partner für die Unternehmen.

Chemnitz.

Jana Kettner bereitet eine Premiere vor. In wenigen Tagen wird die Frisörmeisterin aus Döbeln das erste Mal vor einer Klasse stehen und dabei für eine Ausbildung in ihrer Firma werben. Sie hat dazu einen kleinen Wissenstest entworfen. An Puppenköpfen können die Schüler zudem selbst fönen, toupieren oder Locken drehen. Obwohl in ihrem 30-Mann-Betrieb mit sieben Geschäften jede Hand gebraucht wird, will sie solche Workshops künftig öfter machen. Denn die Lust der jungen Frauen und Männer auf den Frisörberuf ist nicht mehr so groß wie noch vor Jahren. Allein im Bereich der Handwerkskammer Chemnitz gibt es derzeit noch 53 freie Lehrstellen. "Der Nachwuchs will zu einem großen Teil in vermeintlich schöne Jobs in der Verwaltung", sagt Kettner. Die Diskussion um den Mindestlohn habe zudem den Eindruck vermittelt, im Frisörhandwerk werde generell wenig verdient, was nicht stimme.

Frank Müller, Chef der Chemnitzer Werbeagentur Haus E, bestätigt das: "Mit ihrem großen Bedürfnis nach Sicherheit orientiert sich die Generation Z auf Büro- und Verwaltungsberufe." Ihr Credo sei: Ich lebe nicht, um zu arbeiten. Projekte interessierten mehr als Tätigkeiten. Entspricht die Ausbildung nicht den Vorstellungen, dann wird sie abgebrochen, es gibt ja genügend Alternativen. Bei der Lehrstellensuche orientieren sich die Schülerinnen und Schüler am häufigsten im Internet auf Karriereseiten und Jobbörsen. Aber auch der Rat der Eltern hat noch einen hohen Stellenwert. Sie kommen häufig mit zu Ausbildungsbörsen und sprechen dort mehr als ihre Kinder. Einige Unternehmen, die sich dort präsentieren, verwickeln gezielt die Eltern in Gespräche, damit sich der Nachwuchs allein informieren kann.

Für eine langfristige und noch gezieltere Berufsvorbereitung haben die Schulen einen wichtigen Part übernommen. "Die Schulen sind unser wichtigster Partner wenn es darum geht, den Lehrlingen von morgen den Wert und die Chancen der dualen Ausbildung zu vermitteln", sagt Frank Wagner, Präsident der Handwerkskammer Chemnitz. Noch immer haben Handwerksberufe ein schlechtes Image unter Schülern: unattraktiv, geringer Lohn, körperlich anstrengend. Um diese Vorurteile auszuräumen, hatte die Kammer jetzt etwa einhundert Schulleiterinnen und Schulleiter aus Südwestsachsen eingeladen. Bei einem Rundgang durch das Bildungs- und Technologiezentrum wurde schnell klar: schwere Arbeit gehört der Vergangenheit an. "Am Anfang der Ausbildung müssen die Lehrlinge durchaus noch eine Woche lang Metall zu Spänen verarbeiten", sagte BTZ-Leiter Sven Wittig. Danach aber gehe es weiter mit modernster Technik. Mit derlei Wissen ausgerüstet, sollen die Schulen stärker für das Handwerk werben.

Die Mittelschule Eppendorf (Mittelsachsen) war im vergangenen Schuljahr sehr erfolgreich bei der Wissensvermittlung und der Berufsvorbereitung. "Bis auf eine Ausnahme haben alle Schüler eine Lehrstelle erhalten oder bereiten sich mit einem beruflichen Gymnasium auf eine Karriere vor", sagte Schulleiter Holger Bachmann. Mit der Berufsorientierung beginnt die Einrichtung - noch eher spielerisch - bereits in der fünften Klassen. Erkundungen in Handwerksbetrieben oder auf Bauernhöfen der Region sollen das Interesse wecken. Für die Schüler der neunten Klasse gibt es jährlich eine Ausbildungsbörse in der Turnhalle der Schule. Und sie lernen, eine Bewerbung zu schreiben. Angeregt durch den starken Personalmangel in Pflegeberufen, hat die Schule verstärkt in diese Richtung orientiert. Mit Erfolg: "Viele ehemalige Schüler sind in dieser Branche", meint Bachmann.

Mit Julia Schaufuß, einer ehemaligen Schülerin, gibt es seit diesem Jahr auch eine Praxisberaterin, die zwischen Schülern und Unternehmen vermittelt. Die Stelle konnte lange nicht besetzt werden. "Es war schwierig, eine geeignete Person zu finden", meint der Schulleiter. Damit, so hofft er, gewinnt die Berufsorientierung an der Schule noch weiter an Qualität.

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