Pipeline-Investor bläst im Erzgebirge der Wind entgegen

Gascade treibt den Bau einer Erdgas-Pipeline durch Mittelsachsen und das Erzgebirge voran - obwohl noch keine Baugenehmigung vorliegt.

Freiberg/Chemnitz.

Zu dritt liegen die Giganten auf den Waggons: 18 Meter lang, 15 Tonnen schwer, 1,40 Meter Durchmesser. Ein Kran hievt Stahlrohr für Stahlrohr auf die bereitstehenden Sattelzüge. 80 sind es pro Werktag, die zurzeit vom Verladebahnhof in Freiberg zu ihrer Rundtour zum Zwischenlager im erzgebirgischen Mannsche starten. Die Route für die Kolosse ist genau festgelegt: Etwa 45 Minuten brauchen die Fahrer für einen Weg. Hauptsächlich geht es über die Bundesstraße 101. "Wir sind nur auf genehmigten Straßen unterwegs", sagt Gascade-Sprecher George Wüstner.

Rund 10.000 Stahlrohre werden benötigt, um das rund 110 Kilometer lange Teilstück der Pipeline durch Sachsen zu bauen. Es gehört zur Europäischen Gasanbindungsleitung Eugal, durch die Gas von der Ostsee bis an die tschechische Grenze strömen soll. Wie die Gasleitung Opal, die vor acht Jahren entstand, soll auch sie im Erzgebirge den Windpark auf dem Saidenberg bei Dörnthal queren. Die Stadt Olbernhau, auf deren Flur sich der wesentliche Teil der 25 Windräder dreht, hat ihr Einverständnis für diesen Trassenverlauf aber versagt. Das Planfeststellungsverfahren läuft noch.

Windparkbetreiber Dirk Unger wehrt sich gegen den Bau mitten durch den Windpark. Er ist nicht gegen die Eugal an sich, aber er moniert grundsätzliche Verfahrensfehler. "Ziel des Planungsfeststellungsverfahrens muss es sein, die beste Trasse zu finden", sagt er. Querungen von Windparks müssten da eigentlich tabu sein. Bei der Planung sei dieses Ausschlusskriterium aber gar nicht erst berücksichtigt worden. Zudem seien weiträumige Alternativrouten für den gesamten Streckenverlauf durch Sachsen überhaupt nicht untersucht worden - obwohl zum Beispiel eine kürzere direkte Verbindung zwischen Mulda und Sayda möglich gewesen wäre, die den Windpark und das Windvorranggebiet nicht tangiert hätten. "Der Umweg über unser Areal ist deshalb nicht nachvollziehbar."

Unger führt darüber hinaus Sicherheitsbedenken ins Feld, die von der Stadt Olbernhau geteilt werden. Sollte nämlich einer der Windradtürme brechen, schlagen Getriebe und der Generator mit einer derartigen Wucht auf, dass sie sich - wie im Dezember 2016 im mittelsächsischen Windpark Sitten geschehen - zwei Meter tief in die Erde bohren könnten. Die Gasleitung würde beschädigt, sagt Unger. "Letztlich würde dann wohl ich als Betreiber von Windenergieanlagen dafür in Haftung genommen werden können. Das kann doch aber nicht sein, dass mir die Verantwortung für Risiken übertragen wird, die andere durch ihre Planungsfehler zu verantworten haben."

Dabei ist Unger ein gebranntes Kind. Denn schon die Opal-Gasleitung kreuzt seinen Windpark. Gerichtlich war er gegen deren Bau vorgegangen. Den Petitionsausschuss des Bundestages hatte er hinter sich. "Das sächsische Oberverwaltungsgericht hat aber zugeschaut, wie baulich bereits Fakten geschaffen wurden", sagt Unger. Das Gerichtsverfahren ruht derzeit, kann aber jederzeit wieder aufleben. "Wenn man sich beim Bau der Eugal an der nach wie vor nicht bestandskräftigen Opal orientiert, liegt es ja auf der Hand, dass das vor Gericht geht", sagt Unger. "Dabei ist doch keinem damit geholfen, wenn für beide Leitungen jahrelang keine Rechtskraft besteht."

Für Unger geht es dabei um die Existenz. "Neubauten oder Repowering liegen derzeit auf Eis", sagt er. "Und Eugal kann dazu führen, dass deren Betreiber sagen könnte, wegen der Erdgasleitung könnt ihr hier keine neuen Stromleitungen legen, da könnt ihr keine neuen Räder bauen, dort könnt ihr nicht mit dem Schwertransporter drüber fahren, um die Rotorblätter auszutauschen." Da zudem innerhalb des Windparks auch noch die schlechteste Eugal-Trassenvariante ausgewählt worden sei, werde der Windpark regelrecht ausgehöhlt.

Gascade hingegen sieht in Windparks und Erdgasleitungen keinen Widerspruch. Da die beantragte Eugal-Trasse dort eng neben einer schon vorhandenen Gasleitung liegen werde, werde sie keine signifikanten Auswirkungen auf die Entwicklung der Windenergie-Erzeugung haben, sagt Gascade-Sprecher George Wüstner. "Wir suchen uns die Trasse ja nicht nach Gutdünken aus, sondern sie kommt nach Abwägung aller möglichen Belange vom Umwelt- bis zum Naturschutz zustande." Deshalb halte Gascade an der geplanten Streckenführung fest.

Gascade will am geplanten Verlauf der Pipeline festhalten. Die Gefahren, die vom Windpark für die Gasleitung ausgehen könnten, schätzt Projektleiter Ludger Hümbs als sehr gering ein. "Wir liegen weiterhin im Zeitplan und gehen davon aus, dass alle Genehmigungen wie geplant vorliegen werden", sagt er. Bis Ende August rechnet Gascade mit einem Beschluss der Landesdirektion, der Baurecht schaffen würde. Danach soll sofort mit der Verlegung der Rohre begonnen werden.

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