"Sachsens Rohstoffe sind wieder gefragt"

Wirtschaftsminister Martin Dulig über Kompetenzen im Bergbau, innovative Technologien zur Rückgewinnung von Stoffen und die Bedeutung von Seltenen Erden.

Dresden.

Wie in Sachsen perspektivisch mit Rohstoffen umgegangen werden soll, ist in einem Strategiepapier geregelt. Wieso das wichtig ist, Seltene Erden ein Thema sind und der Freistaat auf die Rückgewinnung von Rohstoffen setzt, darüber sprach Jan-Dirk Franke mit Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD).

Freie Presse: Sachsen bleibt auch künftig Bergbauland, heißt es in der Rohstoffstrategie des Freistaates. Was macht Sie da so sicher?

Martin Dulig: "Alles kommt vom Bergwerk her", sagen die Bergleute. Das stimmt! Denn dass Sachsen so erfolgreich als Industrieland ist, hat ja etwas mit der Bergbautradition zu tun. Dort, wo einst Silber und Erze abgebaut wurden, siedelte sich auch die Verarbeitung an. Insofern hat sich eine industrielle Entwicklung von den Bergbauregionen ins Land gezogen. Deswegen ist auch Südwestsachsen nach wie vor unsere industrielle Herzkammer. Es gibt also eine Verbindung zwischen Bergbau, Rohstoffen und industriellem Erfolg. Und auch wenn sich die Nutzung von Rohstoffen verändert hat, brauchen wir sie weiterhin. Deswegen bleibt Sachsen Bergbauland.

Rohstoffe ja, aber brauchen wir den Bergbau? Der Bergbau, der in Sachsen heute in Größenordnungen betrieben wird - der Braunkohleabbau - hat doch eher keine Zukunft, oder?

Auch wenn die Kohle in Zukunft nicht mehr zum Verstromen genutzt wird, ist sie dennoch ein Rohstoff, welcher für andere Dinge verwendet werden kann. Außerdem haben wir auch wieder Berggeschrey - Stichwort Zinn und Flussspat. In der Lausitz liegt Kupfer, in Mitteldeutschland Seltene Erden. Rohstoffe, die immer wichtiger werden, in jedem Handy, Fernseher oder Akku verbaut sind. Bergbau ist kein Museum, sondern lebendige Tradition. Es wird dem Land und unserer Rohstoffstrategie nicht gerecht, wenn wir den Bergbau nur auf Braunkohle reduzieren. Hinzu kommt die Kompetenz, die wir hier haben - nicht nur mit der TU Bergakademie Freiberg, sondern auch mit Geo-Kompetenzzentren sowie verschiedenen Firmen und Forschungseinrichtungen. Diese ist national und international gefragt. Sie kann aber auch verschüttgehen, wenn sie vor Ort nicht mehr genutzt wird.

Was meinen Sie damit?

Ich sage das einmal wertfrei: Durch die Entscheidung, aus der Atomenergie auszusteigen, fehlen bei uns mittlerweile wissenschaftliche Kapazitäten zum Thema Kernenergie, die es vorher gegeben hat. Die Forschung findet nun primär in anderen Ländern statt. Das Gleiche wird beim Thema Braunkohle passieren. Wir müssen aufpassen, dass wir das wissenschaftliche Know-how behalten.

Der Bergbau spielt in der Rohstoffstrategie des Landes aber nicht die alleinige Rolle ...

So ist es. Wir haben 2012 eine Rohstoffstrategie aufgestellt, um die uns viele Länder beneiden. Und in diesem Strategiepapier, das wir 2017 entscheidend fortgeschrieben haben, geht es nicht nur um die einheimischen Primärrohstoffe, sondern auch um das Thema Sekundärrohstoffe, das wir inzwischen deutlich verstärkt haben. Die Frage, wie wir Stoffe wiederverwerten, wird unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten immer wichtiger.

Sachsen soll ein führender Standort für die Rückgewinnung von Rohstoffen werden, ist als Ziel in dem Strategiepapier formuliert. Wie soll das gehen?

Ein Beispiel: Innovative Verfahren zur Herauslösung von Rohstoffen aus Erzen beim Bergbau sind oft auch für die Rückgewinnung von Sekundärrohstoffen aus Abfällen interessant. Wir haben in Sachsen eine herausragende Forschungslandschaft für den Bereich Sekundärrohstoffe und eine Reihe von Firmen mit innovativen Rückgewinnungstechnologien. Unsere Kompetenzen wollen wir ausbauen und enger vernetzen. Höhere Recyclingquoten werden künftig neue Herausforderungen setzen. Dementsprechend sind die Wiederaufarbeitung und die Wiedergewinnung von Sekundärrohstoffen ein absolutes Zukunftsthema. Ich verbinde mit einem führenden Sekundärrohstoffland vor allem Innovationskraft.

Im Freistaat laufen eine ganze Reihe von Bergbau-Erkundungsuntersuchungen. Doch bei den heutigen Rohstoffpreisen ist ein Abbau wohl nicht in jedem Fall wirtschaftlich. Wird sich das noch ändern?

Ja, das denke ich. Es gibt eine Dynamik, die keinen Zweifel daran lässt, dass Sachsens Rohstoffe wieder gefragt sind. Man muss sich nur anschauen, welche Wertsteigerungen es in den letzten Jahren bei den Seltenen Erden gab, weil sie für die Herstellung von Smartphones und E-Autobatterien benötigt werden. Der Trend wird sich fortsetzen. Im Zuge von Künstlicher Intelligenz, Sensorik und des autonomen Fahrens dürfte das Einsatzspektrum von Seltenen Erden eher größer werden.

Bislang werden Seltene Erden in Deutschland ja komplett importiert, vor allem aus China. Und beim Recycling gibt es zwar Forschungsansätze, es wird aber kaum praktiziert ...

Ein Punkt in unserer Rohstoffstrategie heißt Rohstoffbewusstsein. Ich bin begeistert, dass sich junge Leute engagieren für Nachhaltigkeit und Klimaschutz, aber auch sie müssen sich fragen lassen, ob sie wissen, wie ihr Handy produziert wurde. Wir brauchen also ein Rohstoffbewusstsein, das verbunden ist mit Verantwortung und Nachhaltigkeit. Das heißt, man muss bereit sein, etwa für Seltene Erden, die unter anderen sozialen Standards in Deutschland exploriert werden, auch mehr Geld zu bezahlen, um vor Ort die Standards für Mensch und Natur zu verbessern.

Stichwort Digitalisierung. Was bringt das im Bergbau?

Eine Menge. Die Digitalisierung hat dort schon Einzug gehalten. Ich habe mir kürzlich einen Roboter angeschaut, der in Freiberg entwickelt wurde und der in der Lage ist, Erkundungen zu machen, wo der Mensch nicht hinkommt. Hinzu kommt: Dadurch, dass wir die Daten digitalisieren, sind künftig ganz andere Verknüpfungen von Informationen möglich.

Vom Erz zum Metall. Die Metallindustrie ist Sachsens Schlüsselbranche. Wo steht sie heute?

Wenn Sachsen sich zurecht als Industrieland beschreibt, dann hat das etwas mit Maschinen- und Anlagenbau und Automobilbau zu tun. Das sind genau die beiden Branchen, die eine klare Verbindung zur Rohstoffstrategie und zu Forschung und Entwicklung herstellen. Wir haben eine große Kompetenz beim Thema Leichtbau. Das kommt nicht von ungefähr, sondern hängt mit dem Wissen im Umgang mit Rohstoffen zusammen. Wir dürfen hier aber nicht stehen bleiben und müssen diese industriellen Kerne in die Zukunft führen. Aktuell stehen die beiden Industriezweige vor einem großen Transformationsprozess; beim Automobilbau ist es die Elektromobilität, beim Maschinenbau die digitale Vernetzung. Das ist die Herausforderung, die man nicht unterschätzen darf. Allein vom Automobilbau hängen in Sachsen 95.000 Arbeitsplätze ab.

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