Sachsens Unternehmer des Jahres: Berater, Sanierer, Chef

Unter seiner Leitung haben sich die Neuen Zahnradwerke Leipzig exzellent entwickelt. Zudem hat sich Hubertus Bartsch bereits nach der Wende als Sanierer der Eisenhüttenwerke in Thale verdient gemacht. Der Unternehmerverband Sachsen hat ihn für den begehrten Unternehmerpreis vorgeschlagen.

Leipzig.

Er könne andere begeistern und mitreißen. "Das sind meine größten Stärken", sagt Hubertus Bartsch über sich. Und: "Ohne eine engagierte Mannschaft ist man nichts." Keinen Zweifel lässt er daran, dass er sich für den Unternehmerpreis Sachsens nie selbst ins Spiel gebracht hätte. Der Unternehmerverband Sachsens hat den Chef der Neuen ZWL Zahnradwerke Leipzig vorgeschlagen. "Bartsch hat den Preis verdient", sagt Verbandspräsident Dietrich Enk.

Seit Hubertus Bartsch mit drei weiteren Partnern 1999 das insolvente Zahnradwerk übernommen hat, ging es stetig bergauf. Nur unterbrochen durch die Finanzkrise und im Vorjahr durch Corona.

Das Unternehmen ist nach der Wende aus dem Fahrzeuggetriebewerk Juliot Curie hervorgegangen - am Standort (ursprünglich Köllmann) werden bereits seit 1905 Zahnräder produziert. Arbeiteten 1999 noch rund 130 Mitarbeiter in Leipzig, sind es heute 500 - zusammen mit den Beschäftigten bei Tochterunternehmen in der Slowakei und China sogar 1050. "Wir wachsen solide. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelt sich etwa der Umsatz", sagt der 76-jährige geschäftsführende Gesellschafter. Unter den Kunden des international tätigen Produzenten von Motor- und Getriebeteilen ist alles vertreten, was in der Automobilbranche einen Namen hat: von A wie Audi bis Z wie ZF Friedrichshafen.

Hubertus Bartsch stammt nicht aus Sachsen. "Ich bin aber schon 1990 in den Osten gegangen und habe das nie bereut", sagt der promovierte Kernphysiker, der in Frau-stadt in Schlesien geboren wurde und lange im Ruhrgebiet lebte. Als Berater kam Bartsch in die Harzstadt Thale. "Das war eine verrückte Zeit", sagt er und man merkt, wie ihn das aufrüttelt.

Die Treuhand wollte damals die Eisen- und Hüttenwerke in Sachsen-Anhalt abwickeln. Das war die Stunde des Niedersachsen Ernst Albrecht (CDU). Weil er bei der Landtagswahl 1990 seinem SPD-Herausforderer Gerhard Schröder unterlag, engagierte sich der Ex-Ministerpräsident beim wirtschaftlichen Aufbau in den neuen Ländern. Albrecht übernimmt den Aufsichtsratsvorsitz der maroden Eisenhüttenwerke in Thale, erwirbt die Firma später zum symbolischen Preis von einer D-Mark. "Das war ein Schachzug", sagt Bartsch. "Die Treuhand hatte wirklich kein Interesse an dem Betrieb. Nur ein halbes Prozent vom Umsatz wurde im Westen erwirtschaftet. Und in Europa gab es im Stahlsektor gehörige Überkapazitäten."

Albrecht habe die Treuhand dazu gebracht, ihm die Millionen, für die sie das Unternehmen abwickeln wollte, als Anpassungshilfe mitzugeben. "Es gab immer wieder Rückschläge. Aber 1997 ist es uns gelungen, die Thale AG an die Schunk-Gruppe aus Gießen zu verkaufen.

Noch heute engagiert sich das Unternehmen in Thale. Die Belegschaft wurde sogar rückwirkend zum 1. Januar 1993 in das Betriebsrentensystem der Gruppe übernommen", erinnert sich Bartsch, der für die Thale AG das Sanierungskonzept erarbeitet hat und Vorstandschef war. Was ihm wichtig ist: Ein Großteil der Industriearbeitsplätze in der Harzstadt konnte dank Übernahme, Beschäftigungsgesellschaften, Tochterunternehmen und Ausgründungen erhalten bleiben. "Arbeitslosigkeit blieb nicht aus. Aber in Thale ist vieles besser gelaufen als an anderen Industriestandorten im Osten."

Mit dem Einstieg der Schunk-Gruppe im einstigen Eisenhüttenwerk endete Bartschs Aufgabe. Er suchte sich eine neue. "Ich wollte auf jeden Fall unternehmerisch tätig bleiben und mit Menschen arbeiten." Die Erfahrungen aus der Zeit im Harz, wo Bartsch seine Frau kennengelernt hat, und der Kontakt zur Automobilindustrie sollten sich in Leipzig als nützlich erweisen.

Volkswagen beispielsweise gab Thale früh die Chance, Sinterteile für den Konzern zu fertigen. Bartsch konnte den Konzern auch für sein neues Vorhaben in Sachsen als Großkunden gewinnen. Und auch sonst haben er und seine Mannschaft, wie er immer wieder betont, vieles richtig gemacht.

Dass die Neuen Zahnradwerke entgegen dem Trend in der Automobilindustrie relativ gut durch die Coronakrise gekommen sind, sei der Flexibilität des Unternehmens zu danken. Die Liebertwolkwitzer haben früh die Nachfrage nach automatischen Antrieben erkannt und sind in dem Segment stark vertreten. Doppelkupplungsgetriebe, so Bartsch, können nicht nur im Verbrenner, sondern auch in Hybrid- und in E-Antriebssystemen eingesetzt werden. Für diese Getriebe liefert das Werk die Synchronisierungsbaugruppen und auch die Zahnradantriebe. Das Unternehmen zog zudem Neuaufträge für E-Antriebe und Hybridsysteme sowie Räder und Wellen für den Nutzfahrzeugbereich an Land und will in diesen Bereichen weiter investieren.

"Diese Neuaufträge bilden die Grundlage für unser weiteres Wachstum in den nächsten fünf bis zehn Jahren", sagt der Firmenchef. "Doppelkupplungsgetriebe sind Automatik-Getriebe mit intelligenter Steuerungssoftware. Diese Antriebssysteme sind keine Auslaufmodelle." Bartsch geht davon aus, dass der Automobil-Weltmarkt weiter wächst - und zwar deutlich stärker als das erwartete Wachstum der Elektromobilität. Selbst bei einer Verdoppelung des E-Mobil-Wachstums, werde der verbleibende Markt für Hybrid- und Handschalttechnik nicht schrumpfen, ist er überzeugt.

Spurlos ging die Corona-Krise aber auch an den Leipzigern nicht vorbei. Erwirtschaftete das Unternehmen 2019 einen Umsatz von rund 107 Millionen Euro, wird er in diesem Jahr rund zehn Prozent darunter liegen. "Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir unsere Mitarbeiter im ersten Lockdown in Kurzarbeit schicken mussten", sagt der Firmenchef. Den Gedanken, dass die Politik mit einem Total-Lockdown auf das aktuelle Infektionsgeschehen reagieren könnte, will er nicht zu Ende denken. Das hätte für die Leipziger massive Auswirkungen weit über die Grenzen hinaus. "Wir sind wieder auf Wachstumskurs und hoffen da zu bleiben." lvz

Der Wirtschaftspreis"Sachsens Unternehmer des Jahres" und der Gründerpreis "Sachsen gründet - Start-up 2021" sind eine Initiative von "Sächsische Zeitung", "Freie Presse", "Leipziger Volkszeitung" und dem MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und der Gesundheitskasse AOK.

www.unternehmerpreis.de

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