Sinkender Fleisch-Appetit - "Wer steht schon gern bei 36 Grad vor dem Grill"

Viehzüchter und Fleischer beklagen mangelnden Appetit auf Fleisch durch die Hitzewelle. Trotzdem sorgt Futterknappheit für hohe Schlachtungszahlen.

Sinkender Fleisch-Appetit - "Wer steht schon gern bei 36 Grad vor dem Grill"

Für Sie berichtet: Jens Eumann (mit dpa)

Zunächst schlugen Bio-Bauern aus dem Raum Dresden Alarm. Die Hitze setze eine katastrophale Spirale in Gang. Aufgrund von Futterknappheit und fehlender Möglichkeiten, Ställe zu kühlen, sei man zu zusätzlichen Schlachtungen gezwungen. Sonst lasse die Hitze vor allem Ferkel, aber auch Schweine und Rinder wegsterben. So hatte es Bio-Landwirt Bernhard Probst, der im Raum Dresden zugleich zwölf Bio-Märkte betreibt, in der Vorwoche der "Sächsischen Zeitung" berichtet. "Aber ich kann nur so viel schlachten, wie in unseren Märkten verkauft wird", mahnte er und beklagte den derzeit fehlenden Fleischappetit seiner Kundschaft. "Jetzt macht keiner Rouladen oder Braten", so Probst.

"Das Problem ist natürlich nicht nur auf den Bereich der Bio-Produzenten begrenzt. Es trifft die ganze Branche", berichtete Fleischer Thomas Löbel der "Freien Presse". In Chemnitz betreibt er drei Filialen und steht der Fleischerinnung im Bereich Chemnitz/Mittelsachsen als Obermeister vor. Zwar gebe es nach wie vor so etwas wie Sommer-Renner: "Steaks von Rind und Schwein und Bratwurst", zählt Löbel auf, "die Grill-Klassiker eben." Aber selbst da sei ein Einbruch zu bemerken. "Wer steht schon gern bei 36 Grad vor dem Grill. Selbst Gemüsehändler heben ja derzeit die Hände", sagt der Innungsobermeister.

Dass im Sommer generell weniger Fleisch konsumiert wird, kennt die Branche zwar. Teilweise sorgt allein die Urlaubszeit dafür. Dadurch verdienten Tiere züchtende Bauern in den Sommermonaten stets etwas weniger, erörtert die Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) mit Sitz in Bonn. Aber in diesem Jahr sei durch die Hitzewelle alles extremer. Noch nicht mal aufs "herzhafte Steak" hätten die Leute Appetit, sagt AMI-Fleischexperte Matthias Kohlmüller. Dass die Bauern trotzdem mehr Kühe zum Schlachter brächten als sonst im Sommer, sorge für Preisverfall.

Normalerweise töteten Schlachter in den Monaten Juni und Juli 17.000 bis 19.000 Kühe pro Woche. In den vergangenen Wochen hätten sie jeweils 21.000 bis 22.000 Kühe geschlachtet. Dieses "Überangebot" verschärfe die Situation, sagt Kohlmüller. Zurzeit erhielten die Bauern für ihre Kühle 2,65 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Zum Vergleich: Im August 2017 waren es 3,18 Euro. Doch sei der jetzige Preis noch deutlich höher als in den Jahren vor 2007. Zudem haben die Bauern in den ersten Monaten 2018 deutlich mehr verdient als in den meisten früheren Jahren, betont die AMI. Von Herbst an können die Bauern nach AMI-Einschätzung wieder höhere Preise für ihre Schlachttiere erhalten, mit Ferienende steige die Nachfrage meist wieder deutlich.

Zumindest für die Viehhalter, denen wegen der wochenlangen Dürre Engpässe beim Futter drohen, hat Bundesagrarministerin Julia Klöckner (CDU) in der Vorwoche rasche Hilfen in Aussicht gestellt.

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