Unister-Trio: Ab vor den Kadi

Mit Geschäftspraktiken des Unister-Konzerns befasst sich ab Januar eine Leipziger Strafkammer. Drei Ex-Managern werden Betrug und Steuerhinterziehung vorgeworfen.

Leipzig.

Ein Managertrio des Internet-Konzerns Unister muss sich ab Januar wegen des Vorwurfs des Betrugs und der Steuerhinterziehung verantworten. Das Landgericht Leipzig bestätigte gestern Medienberichte, wonach die Anklage der Generalstaatsanwaltschaft Dresden zur Hauptverhandlung zugelassen worden ist. Am 11. Januar soll der Prozess beginnen. Bis zum Juni sind 18 Verhandlungstage anberaumt.

Zwei Angeschuldigten wird vorgeworfen, als verantwortliche Leiter die Kunden von Flugportalen in mehr als 87.000 Einzelfällen um insgesamt 7,6 Millionen Euro geprellt zu haben. Dabei sollen Unister-Mitarbeiter Lufthansatickets nach Regularien gekauft haben, die nicht den Geschäftsgrundlagen zwischen beiden Unternehmen entsprachen. Beim "Runterbuchen" versuchen Ticketing-Mitarbeiter, den Einkaufspreis eines Tickets nach dem Verkauf an den Kunden über Sondertarife oder Preisschwankungen nachträglich zu drücken. Am Ende hätten die Kunden zu viel bezahlt, so die Staatsanwaltschaft.

Beim Vorwurf des Steuerbetrugs und der Beihilfe dazu geht es um Umsatzsteuern in Höhe von 1,5 Millionen Euro, die zwischen 2010 und 2014 zu wenig bezahlt worden sein sollen. Gewisse Serviceentgelte, so die Staatsanwaltschaft, seien nicht vollständig der Besteuerung unterworfen worden. Ursprünglich ging die Staatsanwaltschaft von höheren Fallzahlen und Schadenssummen aus. Im Zwischenverfahren war die Strafverfolgung teilweise beschränkt worden.

Die Angeschuldigten, deren Namen das Landgericht am Mittwoch nicht mitteilte, hatten nach einem Bericht von "Süddeutscher Zeitung", WDR und NDR die Vorwürfe in der Vergangenheit zurückgewiesen. Der Unister-Gründer Thomas Wagner war am 14. Juli 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben gekommen. Das Verfahren gegen ihn wurde daraufhin eingestellt.

Unister, gegründet 2002, hatte mit aggressiv beworbenen Reise- und Flugportalen wie ab-in-den-urlaub.de und fluege.de in beiden Segmenten die Marktführerschaft bei der Onlinevermittlung erobert. Der vermittelte Reiseumsatz vor der Krise wurde von Branchenkennern auf rund zwei Milliarden Euro geschätzt. In Ostdeutschland gehörte Unister zu den größten privaten Arbeitgebern, stand aber auch in dem Ruf, Verbraucherrechte rücksichtslos auszuhöhlen. Seinen Namen (ein Kunstwort aus "Uni" und "Napster") verdankt das Unternehmen einer studentischen Tauschbörse, die die Anfangsjahre nicht überlebte. Stattdessen schossen ab 2004 bei Unister die Vermittlungsportale wie geld.de, kredit.de und auto.de wie Pilze aus dem Boden - teils auch nur als Klone schon vorhandener Seiten, um die Sichtbarkeit im Internet und bei der Websuche zu erhöhen.

Bereits vor dem Flugzeugunglück im Juli, dem zwei der Unister-Gründer zum Opfer fielen, gab es Medienberichte über Finanzprobleme im Konzern. Die verhängnisvolle Reise nach Venedig, die zum Absturz der beiden Frontleute führte, diente offenbar der Geldbeschaffung aus dunklen Quellen.

Die sächsische Justiz hatte die Aufsteiger aus dem Barfußgässchen seit Jahren auf den Schirm. So lieferte eine aufsehenerregende Razzia mit 130 Einsatzkräften kurz vor Weihnachten 2012 auch Beweismaterial für den kommenden Prozess. Drei Manager, darunter Thomas Wagner, verbrachten damals einige Tage im Gefängnis.

Im Januar 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Dresden Anklage. Sie wurde im März 2016 vom Landgericht Leipzig teilweise zur Hauptverhandlung zugelassen. Gegen die Teilablehnung legte die Staatsanwaltschaft Beschwerde ein, was den für April geplanten Prozessbeginn verzögerte. Die Staatsanwaltschaft legte den Unister-Managern ursprünglich auch "Streichpreise" zur Last: die Angabe von Phantasiepreisen, die den tatsächlichen Reisepreis als besonders vorteilhaft erscheinen lassen. Dieser Punkt sei nicht rechtskräftig eröffnet worden, sagte gestern Oliver Möller von der Dresdener Generalstaatsanwaltschaft.

Die Unister-Holding und mehrere Tochtergesellschaften mit insgesamt knapp 800 Mitarbeitern waren nur Tage nach dem Flugzeugabsturz in die Insolvenz gegangen. Anfang November wurde kurz-mal-weg.de mit 16 Mitarbeitern als erster Unternehmensteil an den Frankfurter Reiseanbieter Fit Reisen verkauft. Insolvenzverwalter Lukas Flöther konzentriere sich derzeit auf die Neuaufstellung und Sanierung der insolventen Unternehmen, um einen Verkauf zu bestmöglichen Konditionen zu erreichen, teilte gestern ein Sprecher auf Anfrage mit. Dafür gebe man sich Zeit bis "weit in 2017".

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