Wegen Corona: Sparkassen werden von Kunden mit Geld geflutet

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Die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank führt zu sinkenden Erträgen bei den Kreditinstituten. Das könnte auch für die Kunden Folgen haben.

Berlin.

Die negativen Einlagenzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) bringen die 44 Mitgliedssparkassen des Ostdeutschen Sparkassenverbandes (OSV) zunehmend in die Bredouille. Allein in den zurückliegenden drei Jahren ist das Betriebsergebnis der OSV-Sparkassen um 165 Millionen Euro gesunken. Das entspreche fast der Summe, die von den Sparkassen von 2017 bis 2020 für die Unterstützung von Kultur, Sport, Sozialem und Bildung ausgegeben wurde, sagte Michael Ermrich, geschäftsführender OSV-Präsident am Dienstag in Berlin. 2020 lag der Rückgang des Betriebsergebnisses bei rund 45 Millionen Euro auf 1,14 Milliarden Euro.

Die EZB-Geldpolitik und die zunehmende Bankenregulierung haben das Geschäft der Sparkassen nach Einschätzung von Ermrich stärker beeinträchtigt als die Coronapandemie. "Die anhaltenden Negativzinsen zwingen die Sparkassen ihren Auftrag und ihr Geschäftsmodell zu hinterfragen", erklärte der OSV-Präsident. Nach den Angaben von OSV-Geschäftsführer Wolfgang Zender sind die ostdeutschen Sparkassen zu 60 Prozent vom Zinsgeschäft abhängig.

Bislang hätte die Gegenmaßnahmen der Sparkassen verhindert, dass die negativen Vorgaben voll auf die Kunden durchschlagen. Dies sei aber auf Dauer nicht durchzuhalten. "Gebührenerhöhungen können wir nicht ausschließen", sagte Ermrich. Auch müsse man sich gegen "vagabundierendes Spargeld" wehren. Für Neukunden hätten deshalb einige Sparkassen ab bestimmten Beträgen Verwahrentgelte eingeführt, die ähnlich wie Negativzinsen wirken.

Die Einlagen der OSV-Sparkassen wuchsen 2020 um 9,6 Prozent auf rund 120 Milliarden Euro. Das Problem: Die negativen Einlagenzinsen der EZB führen dazu, dass wenn Kunden Gelder auf ihre Girokonten überweisen, die Sparkassen dafür Negativzinsen bei der EZB zahlen müssen. Zender führte die steigenden Einlagen auf das zusätzliche Sparen in der Coronapandemie zurück. Wenn kein Konsum und kein Verreisen möglich sei, würde das Geld auf den Konten liegen bleiben, meinte der OSV-Geschäftsführer. Die Kunden bevorzugten wie in den Vorjahren die kurzfristig verfügbaren Sichteinlagen auf Giro- und Tagesgeldkonten. Ihr Volumen stieg um 17,4 Prozent auf 76,7 Milliarden Euro. Begehrt waren auch Spareinlagen mit normaler Verzinsung, deren Anteil um 6,4 Prozent auf 15,8 Milliarden Euro wuchs. "Wir werden mit Sparbeiträgen geflutet", sagte Zender.

Trotz der Pandemie trauten sich viele mittelständische Unternehmen im Osten zu investieren. Die OSV-Sparkassen vergaben 2020 insgesamt neue Kredite in Höhe von 13,68 Milliarden Euro, ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr von 18,6 Prozent. Davon waren 7,2 Milliarden Euro für Unternehmen und Selbstständige, was einem Plus von 23,2 Euro entspricht.

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1212 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    0
    Hankman
    17.02.2021

    @macxs: Danke für die Erläuterung.

  • 3
    0
    macxs
    17.02.2021

    @Hankman
    Bei größeren Summen werden die Zinsen niedriger. Du bekommst Kredite für bspw. Hauskauf für unter 1%.
    Bei kleineren Krediten ist aber der Aufwand für Beratung, Prüfung und Bearbeitung verhältnismäßig höher. Deren Kosten können mit 1% nicht mehr erwirtschaftet werden. Die Mitarbeiter müssen schließlich bezahlt werden. Kleinkredite, die Du online abschließen kannst und die nahezu vollautomatisch geprüft werden, bekommst Du ebenfalls günstiger.

  • 4
    3
    gelöschter Nutzer
    17.02.2021

    Die Frage bleibt natürlich, ob das Investitionskredite an die Unternehmen sind oder nicht vielmehr politisch motivierte Überbrückungshilfen zur Überwindung dieser unsäglichen, unverhältnismäßigen und nicht zielführenden Lockdownpolitik.

  • 8
    1
    Hankman
    17.02.2021

    Komische Zeiten. Ich erinnere mich noch an Sparkonten mit zwölf Prozent Zinsen Anfang der 1990er-Jahre. (Kein Witz!) Seit eh und je werben die Banken fürs Sparen. Die Kunden sollten möglichst viel von ihrem Geld zur Bank tragen. Heute werden sie plötzlich dafür kritisiert.

    Als interessierter Laie frage ich mich aber auch, warum die Sparkassen bei der EZB Negativzinsen zahlen müssen, nur weil wir Kunden das Geld bei ihnen einzahlen. Kriege ich nicht auf die Reihe. Es gäbe sicher auch mehr Möglichkeiten für die Sparkassen, mit dem Geld ihrer Kunden zu arbeiten. Wie wäre es mal mit günstigen Privatkrediten? Wenn ich bei meiner Sparkasse so einen Kredit haben wollte, müsste ich derzeit einen effektiven Jahreszins von mindestens 3,76 Prozent zahlen. Für einen Autokredit sind es mindestens 2,99 Prozent. Also wenn man wirklich solchen Leidensdruck hat, weil die Kunden ihre Konten füllen, sollte man vielleicht mal über niedrigere Kreditzinsen nachdenken. Nur mal so als Idee.

  • 1
    2
    macxs
    17.02.2021

    @BuboBubo
    Danke für den Link! Leider erklärt der Artikel nur, wie das System mit der EZB funktioniert. Er erklärt nicht, warum die Bank das Giralgeld nicht bei sich lassen kann sondern trotzdem zu -0,4% anlegt.
    "Einen Teil davon müssen sie [die Banken] als Mindestreserve derzeit zinsfrei bei der EZB anlegen. Für Überschussreserven, die darüber hinausreichen, wird der Einlagesatz fällig."
    Der Einlagensatz sind besagte -0,4%. Das führt mich also wieder zum ersten Kommentar: warum zur Hölle machen die Banken das und lassen die Kohle nicht auf ihren eigenen Servern liegen? Oder lügen sie uns ins Gesicht und jammern, es gäbe Negativzinsen, die aber in Wahrheit niemand wirklich zahlen muss?

  • 13
    2
    gelöschter Nutzer
    17.02.2021

    Hallo zusammen sind wir stark aber die Sparkassenkunden werden immer mehr belastet
    Steckt doch alles an Geldanlagen in Alternativen damit auch wenigsten etwas für die Sparkassenkunden vom Kuchen übrig bleibt.
    Die EZB ist nicht mehr zu begreifen mit ihrer Finanzpolitik! !!
    Danke und bleibt gesund!

  • 10
    5
    MuellerF
    17.02.2021

    "Eine zweite Möglichkeit wäre es für Banken, das Geld auf dem Zentralbankkonto zu Bargeld zu machen und in eigenen Tresoren zu horten.[...] Vor allem im Sparkassensektor gibt es entsprechende Überlegungen."

    @Bubo: Zitat oben ist aus dem Merkur-Artikel.

    Da frage ich mich, warum die Sparkasse erst kürzlich die Gebühren für Münzgeldeinzahlungen massiv (!) angehoben haben, wenn das so ist, wie der Artikel vermeldet. Begründet wurde das ja mit Lagerkosten für Bargeld.

    Eine Lösung für private Kunden, die nur ein Girokonto & nicht gleichzeitig Kredite laufen haben, konnte ich dem Artikel allerdings nicht entnehmen.

  • 15
    4
    ShadowLight
    17.02.2021

    Wer Gebühren erhöht , der läuft Gefahr Kunden zu verlieren!

  • 10
    3
    gelöschter Nutzer
    17.02.2021

    Hier wird erklärt, warum Banken Geld bei der EZB "parken" und welche Alternativen es dazu gibt:
    https://www.merkur.de/wirtschaft/ezb-warum-banken-strafzins-zahlen-6709249.html

    Das Kundenkonto ist keine solche Alternative.

  • 23
    8
    MuellerF
    17.02.2021

    "...Summe, die von den Sparkassen von 2017 bis 2020 für die Unterstützung von Kultur, Sport, Sozialem und Bildung ausgegeben wurde"

    So traurig es ist, aber vllt. sollte man dann diese Förderungen einstellen und sich aufs Kerngeschäft für die Kunden konzentrieren, statt diese mit immer neuen Gebühren zu melken und Standorte zu schließen?
    Die Förderungen sind für die Banken ja auch noch steuerlich absetzbar, für die Kunden aber letztendlich ein Minusgeschäft.
    Ein fairer Deal sieht anders aus!

  • 14
    1
    macxs
    17.02.2021

    @nevidimka
    Wenn es so einfach wäre, gäbe es ja kein Problem.
    Mich würde das sehr interessieren. Gibt es jemanden, der sich auskennt?
    Offenbar ist es schlecht, wenn Banken überschüssige Liquidität in den Büchern haben und schieben das dann trotzdem zur EZB (Einlagenfaszilität). Aber warum bei Negativzinsen? Weil wir das immer schon so gemacht haben? *kopfkratz*

  • 43
    5
    nevidimka
    17.02.2021

    "Die negativen Einlagenzinsen der EZB führen dazu, dass wenn Kunden Gelder auf ihre Girokonten überweisen, die Sparkassen dafür Negativzinsen bei der EZB zahlen müssen." Es liegt an den Sparkassen selbst, ob diese Geld bei der EZB parken und erst dann Negativzinsen bei der EZB zahlen. Das hat so direkt mit den Girokonten der Kunden wenig zu tun.