Weniger Abbaugebiete - Geht Sachsen bald der Kies aus?

Im Freistaat gibt es ergiebige Sand- und Kiesvorkommen. Doch wo diese unverzichtbaren Rohstoffe künftig abgebaut werden sollen, ist strittig. Das könnte drastische Folgen für Wirtschaft und Verbraucher haben.

Chemnitz.

Der Entwurf der Fortschreibung des Regionalplanes Chemnitz weist in Südwestsachsen 108 Flächen als Vorranggebiete für den Abbau von Sand und Kies, Festgestein, Lehm und Ton aus. Das sind 20 weniger als derzeit. Der Unternehmerverband Mineralische Baustoffe (UVMB) und das Landesamt für Geologie sehen deshalb mittel- und langfristig die Versorgungssicherheit gefährdet. Die Branche droht mit Klagen, sollte der Plan so beschlossen werden.

In Südwestsachsen werden pro Jahr acht bis zehn Millionen Tonnen Sand, Kies, Ton, Schotter und Split für die Bauwirtschaft benötigt. Sachsenweit sind es 36 Millionen Tonnen. Rein rechnerisch verbraucht jeder Deutsche im Jahr rund acht bis neun Tonnen mineralische Rohstoffe. Denn die stecken nicht nur in Beton, Ziegeln oder Asphalt, sondern auch in Tassen, Fensterscheiben oder Zahnpasta. Bislang war es kein Problem, heimische Bauwirtschaft und Verarbeiter aus nahegelegenen Abbaustätten zu beliefern. "Doch in vielen Lagerstätten in der Region ist der Abbau bereits so weit fortgeschritten, dass Ersatzlagerstätten benötigt werden, um dem täglichen Bedarf an diesen heimischen Rohstoffen gerecht zu werden", sagt UVMB-Geschäftsführer Bert Vulpius. Das werde aber nicht ausreichend im Regionalplanentwurf berücksichtigt. Dasselbe gelte auch für die Ausweisung stadtnaher Abbaugebiete, die zur Versorgung von Ballungsräumen zwingend notwendig seien, um die Transportwege kurz zu halten.

Ein Beispiel dafür ist laut Landesamt für Geologie der Raum Zwickau, der derzeit noch gut aus stadtnahen Tagebauen versorgt wird. Dort sind zwar in der unmittelbaren Umgebung noch einige wenige gute Lagerstätten mit vergleichsweise großen Vorräten und Rohstoffqualitäten vorhanden. Die sind aber im Fortschreibungsentwurf aus dem aktuellen Regionalplan gestrichen worden. Eine Bürgerinitiative hatte jahrelang gegen die Erschließung der Kiesgruben gekämpft. Auch der Stadtrat hat dem Abbau eine Absage erteilt. Ursächlich dafür sind Ängste vor Emissionen, Lärm und Staub.

Da der Bedarf an Kies und Sand in Zwickau nicht zuletzt wegen der Milliardeninvestition von VW und dem Bau der neuen Justizvollzugsanstalt aber weiter hoch ist und bleiben wird, müssen der benötigte Kies und Sand künftig aus weiter entfernten Regionen herangefahren werden. "Das macht die Rohstoffe für die Abnehmer teurer, belastet zusätzlich die Umwelt entlang der Verkehrswege mit Lärm und Staub und entzieht der entfernten Lagerstätte Rohstoffe", konstatiert Falk Hofer vom Landesamt für Geologie. Auch der Sächsische Oberberghauptmann Bernhard Cramer fordert deshalb, vorausschauend zu planen.

Bei bestimmten Sorten für die Betonproduktion gibt es laut UVMB bereits akute Lieferengpässe zum Beispiel im Leipziger und im Dresdner Raum. "Auch Importe sind keine Lösung", sagt Bert Vulpius. Denn die tonnenschwere Last des Sandes macht Transporte teuer. "Ab einer Entfernung von 50 Kilometern ist das unwirtschaftlich", sagt Vulpius.


Warum Sand und Kies knapper werden

Wirtschaft fordert in Südwestsachsen Ausweisung von weiteren Abbauflächen - Städte und Bürgerinitiativen wehren sich

Gebäude, Kanalisation, Straßen, Glas, Keramik, sogar Laptops, Smartphones und Zahnpasta - das alles gäbe es ohne mineralische Rohstoffe nicht. Doch jedes Mal, wenn in Sachsen eine neue Abbaugrube entstehen soll, regt sich Widerstand. Dabei werden Sand und Kies in Teilen des Landes schon heute knapp. "Freie Presse"-Redakteur Jürgen Becker beantwortet dazu die wichtigsten Fragen.

Warum ist der Bedarf an Sand, Kies & Co. so groß?

Weil Sachsen auf Sand, Kies, Schotter und Splitt gebaut ist. Kein Bauwerk, kaum ein elektronisches Gerät, keine Scheibe kommt ohne diese Rohstoffe aus. Für einen Autobahnkilometer benötigt man zum Beispiel 216.000 Tonnen Sand, Kies und Splitt. Auch die Bahn braucht ordentlich Schotter: 35.000 Tonnen sind es pro Kilometer Schienenweg. Selbst für ein Einfamilienhaus werden Schätzungen zufolge 200 Tonnen Sand gebraucht, denn Beton besteht zu 80 Prozent aus Sand und Kies. Dabei übersteigt auch der globale Bedarf bei weitem das, was durch Verwitterung nachkommt.

Gibt es in Sachsen bereits Engpässe?

"Im Leipziger und Dresdner Raum zum Beispiel gibt es bei bestimmten Sorten für die Betonproduktion schon Versorgungsengpässe, die sich künftig sogar noch verschärfen werden", sagt Bert Vulpius, Geschäftsführer des Unternehmerverbands Mineralische Baustoffe (UVBM). "Auf bestimmte feine Mischungen müssen Sie dort heute schon 14 Tage warten. Die Folge: Baustellen stehen still, die Preise steigen."

Was sind die Gründe dafür?

Eigentlich ist Sachsen reich an Baurohstoffen. Doch die Vorkommen in vielen Baggerseen, Gruben und Steinbrüchen, die vor 25 Jahren zur Ausbeutung freigegeben worden sind, gehen zur Neige. Abbaugebiete müssten erweitert oder neu aufgeschlossen werden. Doch Erweiterungs- oder Neuaufschlussgenehmi- gungen sind nicht erteilt worden oder hängen in Verfahren fest. In Südwestsachsen zum Beispiel wird derzeit an der Fortschreibung des Regionalplans gearbeitet. Dieser Plan legt Vorranggebiete für Abbaugebiete fest. Die Rohstoffbranche, die Chemnitzer Industrie- und Handelskammer und das Landesamt für Geologie kritisieren allerdings den vorgelegten Entwurf. Sie sehen die Versorgungssicherheit gefährdet.

Was ist mit Versorgungssicherheit gemeint?

Der Landesentwicklungsplan legt verbindlich fest, dass für den kurzfristigen Bedarf - das sind 20 bis 30 Jahre - Vorranggebiete für den Rohstoffabbau zur Sicherung der Rohstoffversorgung festzulegen sind, die eine "sichere, bedarfsorientierte und regional ausgewogene Versorgung in diesem Zeitraum gewährleisten". Zudem sind Vorranggebiete festzulegen, die der langfristigen Sicherung dienen und die Möglichkeit der Rohstoffgewinnung für zu künftige Generationen erhalten.

Wie wird ermittelt, wie viel Fläche für den Abbau ausgewiesen werden muss?

Bei Kies- und Kiessanden wird der Mittelwert der tatsächlich in den vergangenen zehn Jahren verkaufbaren Produktionsmenge mit 30 multipliziert. Das ergibt dann die Kies- und Sandmenge, die gemäß Landesentwicklungsplan durch Vorranggebiete für den Rohstoffabbau in einem Regionalplan gesichert werden muss. Für die langfristige Sicherung von Rohstoff-Flächen fehlt aber im Landesentwicklungsplan eine zeitliche Einordnung. "Daher wird hier derzeit subjektiv unterschiedlich argumentiert", sagt Falk Hofer vom Landesamt für Geologie. " Sachsenweit bisher einzigartig ist aber die Herangehensweise der Planungsregion Chemnitz, die extrem wenig Langfrist-Flächen ausweisen möchte."

Was genau ist der Streitpunkt?

Der Fortschreibungsentwurf weist Flächen aus, die für 20 bis 30 Jahre den kurzfristigen Bedarf in ganz Südwestsachsen sichern - allerdings nur auf dem Papier, wie die Wirtschaft kritisiert. Auch nach Einschätzung des Landesamtes für Geologie reichen die vorgesehenen Flächen nicht, um praktisch die Versorgung wie bisher aufrecht zu erhalten. Denn wenn die derzeit noch produzierenden Lagerstätten wegen Vorratserschöpfung sukzessive schließen, seien zwar formal mengenmäßig genügend neue Flächen vorhanden., sagt Falk Hofer. Die befänden sich aber teilweise relativ weit weg von den Abnehmern. Das betreffe zum Beispiel den Großraum Zwickau. Umstritten ist also, ob im Landesentwicklungsplan mit "regional ausgewogen" die gesamte Planungsregion oder eigenständige Bedarfsräume wie der Großraum Zwickau gemeint sind.

Warum ist das von Bedeutung?

Die Sand- und Kies-Lagerstätten bei Zwickau zum Beispiel sind die südlichsten rentabel verwertbaren Vorkommen in Sachsen. "Von dort aus müssen die gesamten Transportbetonwerke im Erzgebirge und im Vogtland versorgt werden", sagt UVBM-Geschäftsführer Vulpius. Doch die Vorräte auf den dort aktuell ausgewiesenen Abbauflächen gehen absehbar zu Neige. "Bereits heute kann der Bedarf der weiterverarbeitenden Industrie in der Region nicht mehr gedeckt werden", sagt Vulpius. "Deshalb erfolgt die Versorgung derzeit aus dem Raum Penig - mit entsprechend langen Transportwegen und -kosten."

Warum sind mögliche Abbaugebiete aus dem Fortschreibungsentwurf des Regionalplans für die Region gestrichen worden?

In Zwickau zum Beispiel stemmen sich der Stadtrat und eine Bürgerinitiative gegen die Rohstoffgewinnung vor Ort. Es geht dabei um den Erhalt der Kulturlandschaft, um Lärm und Dreck, um einen möglichen Wertverlust der Eigenheime - und um Erschütterungen bei Sprengungen, auf die wie im erzgebirgischen Jahnsdorf Anwohner Risse in ihren Häusern zurückführen. Zweifelsfrei nachgewiesen ist das aber nicht. "Wo sollen dann aber die Rohstoffe zum Beispiel für die geplante Justizvollzugsanstalt herkommen?", fragt Vulpius.

Hat das Auswirkungen auf die Verbraucher?

Lange Transportwege schaden nicht nur der Umwelt. Sie verteuern auch die für viele Branchen unverzichtbaren Rohstoffe Sand und Kies. Sand hat sich zum Beispiel im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent verteuert, in Berlin oder Brandenburg waren es nach Angaben des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB) sogar binnen eines Jahres um die zehn Prozent. Dadurch wird Bauen teurer. Auch die Mieten steigen.

Ist das der einzige Kritikpunkt der Wirtschaft?

Nein, auch Lagerstätten bei Mühlau und Burgstädt in Mittelsachsen finden im Fortschreibungsentwurf keine Berücksichtigung. Die Rohstoff-branche hält deren Ausweisung als Vorranggebiet aber für unverzichtbar. Zudem pochen Tagebaubetreiber und Kunden auf die Einhaltung der Vorgabe "bedarfsorientiert" aus dem Landesentwicklungsplan. Die Wirtschaft verbindet mit dieser Formulierung nicht nur Quantitäten, sondern auch die für die Erzeugung von Produkten erforderlichen Rohstoff-Qualitäten.

Sand ist nicht gleich Sand?

Ja, so bemängelt das Landesamt für Geologie, dass die bisher zur Ausweisung vorgesehenen Flächen noch nicht genügend den qualitativen "Bedarf" abdecken. Damit Betone halten, müssen sämtliche Bestandteile in engen Grenzen verschiedenste Anforderungen erfüllen. In Südwestsachsen muss der originäre Kiessand der Lagerstätte deshalb in viele Fraktionen aufgeteilt werden, von denen nur einige - und dann in klar geregelten Mischungsverhältnissen - für Betone verwendet werden können. Das kostet Zeit und Geld. Eine Lagerstätte mit ungünstiger Korngrößenverteilung abzubauen, lohnt sich ökonomisch eigentlich nicht. "Und wohin dann mit den "abgeschlämmten" Teilchen?", fragt Falk Hofer.

Warum sehen die Wirtschaft und das Landesamt für Geologie auch die langfristige Versorgungssicherheit gefährdet?

Der aktuelle Regionalplanentwurf sieht laut Landesamt für Geologie für Kiessande lediglich eine einzige Fläche vor, deren Vorräte den quantitativen Bedarf der gesamten Planungsregion für etwa ein halbes Jahr decken könnten. Für die Wirtschaft und das Landesamt für Geologie ist dass keine ausreichende Menge für eine langfristige Sicherung. Deshalb fordern sie, die Kiessandlagerstätte Schneppendorf-Heidi bei Zwickau als Vorranggebiet für die langfristige Sicherung auszuweisen.

Ist Recycling eine Alternative?

Schon heute werden mineralische Bauabfälle nahezu vollständig verwertet. Nach Angaben des Bundesverbandes Baustoffe, Steine und Erden wird inzwischen mehr als zwölf Prozent des Bedarfs an Gesteinskörnungen durch Recycling-Baustoffe gedeckt.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 2 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...