"Wenn man Kunden gewinnen möchte, muss man präsent sein"

Der Chemnitzer Bankchef Gunnar Bertram über eine zunehmende Vermögensbildung und den Sinn von Filialen.

Chemnitz.

Die Volksbank Chemnitz blickt in diesem Jahr auf ihr 150-jähriges Bestehen zurück. Jan-Dirk Franke sprach vor diesem Hintergrund mit dem Vorstandschef von Sachsens drittgrößter Genossenschaftsbank, Gunnar Bertram, darüber, wie man zu niedrige Zinsen ausgleicht und weshalb die Geldeinlagen der Bank wachsen.

Freie Presse: 150 Jahre - das ist eine lange Zeit, in der es sicher auch die eine oder andere Schwierigkeit zu bewältigen galt ...

Gunnar Bertram: Na klar. Es gab Währungsreformen, in denen das Geld zeitweise mal nichts mehr wert war. Trotzdem haben wir es geschafft, die 150 Jahre zu durchstehen, und uns wird es auch weiter geben. Das hat auch mit unserer Grundstruktur zu tun. Das Wesensmerkmal einer Genossenschaftsbank ist Regionalität und Überschaubarkeit. Wir würden nie Geschäfte anfassen, die wir nicht verstehen. Ein weiterer Punkt ist das genossenschaftliche Solidarprinzip. In Deutschland existieren etwa 900 Volks- und Raiffeisenbanken, die alle eigenständig agieren. Es gibt aber einen genossenschaftlichen Verbund, der garantiert, dass jede einzelne Bank Bestand hat. Damit ist sichergestellt, dass eine Volksbank aus wirtschaftlichen Gründen nicht untergehen kann. Daraus entsteht eine hohe Krisenfestigkeit. Unter anderem auch wegen dieses solidarischen Prinzips wurde die Genossenschaftsidee vor drei Jahren ins immaterielle Unesco-Kulturerbe aufgenommen. Gerade in Zeiten, die immer globalisierter und unüberschaubarer werden, sind Volksbanken eine greifbare, vertrauenswürdige Antwort.

Wo liegen die aktuellen Herausforderungen?

Wir haben zwei große Themen, die uns beschäftigen. Das erste ist die anhaltende Regulierung des Bankensektors durch den Gesetzgeber. Das geschieht vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise vor gut zehn Jahren. Die Genossenschaftsbanken waren zwar die einzige Bankengruppe, die nicht vom Staat gestützt werden musste. Dennoch müssen auch wir uns den erhöhten Anforderungen stellen. So muss unglaublich viel dokumentiert und hinterlegt werden. Und wir müssen als Bank umfangreiche Stresstests absolvieren. Dadurch sind eine ganze Reihe von Mitarbeitern gebunden. Hinzu kommt ein intensiver - grundsätzlich zu begrüßender - Verbraucherschutz. Wobei aus unserer Sicht nicht immer klar ist, ob er dem Verbraucher wirklich nützt. Wer liest schon 57 Seiten Beipackzettel?

Sie sprachen von zwei Herausforderungen ...

Ja. Der zweite Punkt ist das Niedrig- und Negativzinsumfeld. Wir als Volksbank Chemnitz legen zwischen 850 und 900 Millionen Euro Geld am Kapitalmarkt an - und konnten da vor zehn Jahren für ein solides Wertpapier noch zwei, drei Prozent erzielen. Heute bekommen wir, wenn wir Glück haben, 0,2 Prozent Zinsen. Und auch bei Krediten, die wir ausgeben, erhalten wir nicht mehr die Zinsen, die wir eigentlich brauchen. Der Druck auf die Zinsspanne und damit auf die Ertragslage ist groß. Damit muss man als Bank umgehen.

Wie geht man denn damit um?

Es gibt zwei Strategien. Die erste ist, man fährt die Kosten herunter, schließt Filialen und streicht Personal. Die zweite Variante ist: Man legt einen Wachstumskurs hin. Wir haben uns für Letzteres entschieden und bekommen das auch - jetzt im neunten Jahr - gut hin. Wir wachsen jedes Jahr im Schnitt um zehn Prozent auf der Einlagen- und auf der Kreditseite. Es gibt hier einen sehr guten Mittelstand, den es zu begleiten gilt. Und wir haben auch eine zunehmende Vermögensbildung bei den Privatkunden. Das gibt uns den nötigen Spielraum, um die Nachteile aus dem Niedrigzinsgeschäft zu kompensieren.

Das Geschäft läuft trotz Niedrigzinsen?

Ja. Und damit können wir auch an unserer Filialstrategie festhalten. Wir werden weiter präsent in der Fläche sein. Unser neuer Standort "Zschopauer Tor" am Stadtrand von Chemnitz ist ein Beispiel dafür. Wir haben dort über fünf Millionen Euro investiert.

Filialschließungen sind also kein Thema ...

Nein. Wenn man Kunden gewinnen möchte, muss man präsent sein. Und dafür braucht man Filialen. Wir haben 28 Standorte, und die wollen wir möglichst behalten. Natürlich müssen auch wir immer wieder über Rationalisierungen nachdenken. Wir brauchen Einheiten in der Fläche, die groß genug sind, dass sie sich wirtschaftlich rechnen und Spezialisierungen in der Beraterstrecke ermöglichen. Zugleich müssen die Strukturen so gestaltet sein, dass die Mitarbeiter die Kunden kennen. Aber das funktioniert. Wir haben Geschäftsstellenleiter, die in der Region verankert sind und dort die Kontakte pflegen - vom Sport- bis zum Gewerbeverein. Das hat auch ein bisschen mit Gemeinwohlverantwortung zu tun, ist aber vor allem die Basis unseres Geschäftsmodells.

Was meinen Sie, wie lange müssen wir mit dieser Niedrigzinsphase noch leben?

Ich fürchte, das wird uns noch eine ganze Reihe von Jahren begleiten, weil natürlich alle Euro-Staaten von dem Niedrigzinsumfeld partizipieren, unter anderem die Bundesrepublik Deutschland. Insofern kann ich aktuell kein Signal erkennen, dass sich das von der Europäischen Zentralbank gesteuerte Zinsniveau nach oben bewegen wird. Hierbei muss natürlich anerkannt werden, dass es der EZB jetzt seit langer Zeit gelingt, ihr originäres Ziel, die Geldwertstabilität, zu sichern.

Wer Geld anlegen will, muss sich auch künftig mit anderen Anlageformen beschäftigen...

So ist es. Der klassische Zins wird es nicht hergeben. Allerdings ist der Deutsche nach wie vor weit von einer Aktienkultur, wie sie etwa in Amerika etabliert ist, entfernt. Auch ist Deutschland eines der Länder mit einer niedrigen Wohneigentumsquote. Hierzulande haben sich Menschen bei der Vermögensbildung eher auf die Zinsprodukte verlassen und nicht auf Sach- oder Immobilienwerte.

Der Immobilienmarkt brummt inzwischen. Vor allem in den Großstädten sind Immobilien gesucht und teuer. Wie sieht es hier in der Region aus?

Ich bin der Meinung, dass der Immobilienmarkt in Chemnitz und Umgebung, da würde ich Zwickau und das Erzgebirge einschließen, aktuell noch nicht überhitzt ist. Chemnitz ist sicher eine der preisgünstigsten Regionen in Deutschland. Das Preisniveau ist aus meiner Sicht solide. Das Verhältnis zwischen dem, was man aufwenden muss und was man an Miete bekommt, ist vernünftig. Für andere Regionen in Sachsen, insbesondere Leipzig und Dresden, würde ich das nicht mehr so sehen.

Muss man befürchten, dass, wenn die Immobilienmärkte in den Metropolen abgegrast sind, sich die Investoren auf die zweite Reihe stürzen und dann auch die Preise in Städten wie Chemnitz und Zwickau deutlich steigen?

Auch jetzt schon zieht es Investoren in unsere Region. Der Trend ist seit etwa drei bis vier Jahren klar spürbar. Es kommt also Bewegung in den Markt. Und die Immobilienpreise steigen im Zuge dessen. Vor zehn Jahren waren Investoren vielleicht bereit, das Zwölffache der Nettojahresmiete zu zahlen. Jetzt ist für Chemnitz sicher das 16- bis 18-fache realistisch. Aber in München zahlt man schon mal das 50-Fache. Im Moment ist viel Geld da und die Alternativen sind gering. Was wir durchgängig feststellen, ist, dass das private Baufinanzierungsgeschäft anspringt.

Digitalisierung lautet das Zauberwort in der Finanzbranche. Eine Studie des Internetbranchenverbands Bitkom kam jüngst zu dem Schluss, dass die Treue zur eigenen Hausbank im Zuge der Digitalisierung bröckelt. Was meinen Sie?

Natürlich ist eine Digitalisierungsstrategie wichtig, weil der Kunde das eine oder andere Finanzprodukt online kaufen will. Man sollte aber nicht den Fehler machen, zu glauben, dass die Digitalisierung ein Ersatz für das klassische Management wäre. Das wird nicht funktionieren. Der zwischenmenschliche Kontakt bleibt wichtig. Je unübersichtlicher die Welt wird, umso mehr ist der Mensch gefragt. In Zeiten der Digitalisierung gilt für uns mehr denn je: Menschen brauchen Menschen.

Die Volks- und Raiffeisenbanken sehen sich als Finanzierer der mittelständischen Wirtschaft. Wie steht es denn um den Mittelstand in der Region?

80 Prozent unseres Kreditgeschäfts machen wir im gewerblichen Segment. Wir sind also eine sehr firmenkundenorientierte Bank. Nach unserer Einschätzung geht es dem Mittelstand weiter sehr gut, man spürt allerdings eine gewisse Konsolidierung. Man könnte es so formulieren: Die Wirtschaft ist im Normalmodus angekommen, nachdem in den letzten Jahren über der Kapazitätsgrenze produziert und gearbeitet wurde. Die Kapazitäten sind aber weiter gut ausgelastet. Wir begleiten gerade einige größere Investitionen. Der Mittelstand ist also nach wie vor auch investitionsbereit. Was wir zudem beobachtet haben: In den zurückliegenden Jahren ist das Eigenkapital der Firmen gestiegen - und damit auch die Finanzierungskraft.

Der 1963 in Essen geborene Diplom-Kaufmann gehört seit 19 Jahren dem Vorstand der Volksbank Chemnitz an, seit 2018 steht er als Vorstandsvorsitzender an der Spitze. Bevor er nach Sachsen kam, war er in verschiedenen Positionen bei Volksbanken im Westen Deutschlands tätig. Bertram lebt seit 2000 in Chemnitz. Er übt noch mehrere Mandate aus, ist unter anderem Vizepräsident der IHK Chemnitz, Präsident der IHK-Regionalversammlung und sitzt im Aufsichtsrat der CWE Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungs GmbH.

 

 

 

 

Nahezu jeder dritte Kunde ist Genossenschaftsmitglied

Ein höheres Kreditvolumen, mehr Kundeneinlagen und Mitglieder - die Volksbank Chemnitz ist 2018 erneut gewachsen. "Der Wachstumspfad ist intakt", erklärte am Dienstag Vorstand Gerd Koschmieder. Die Bilanzsumme als Maßstab für die Größe einer Bank stieg um gut neun Prozent auf 1,76 Milliarden Euro. Das Institut ist damit die drittgrößte Volksbank in Sachsen nach den Häusern in Dresden und Mittweida. Im Ranking aller 873 deutschen Genossenschaftsbanken belegen die Chemnitzer Platz 131. Die Bank beschäftigt 319 Mitarbeiter sowie zwölf Azubis und BA-Stunden und betreibt 28 Filialen und sieben SB-Standorte. Etwa jeder dritte Kunde ist demnach Genossenschaftsmitglied. Deren Anzahl stieg um 501 auf 26.807. Der Jahresüberschuss lag mit 1,1 Millionen Euro auf Vorjahresniveau. Es soll eine Dividende von zwei Prozent ausgeschüttet werden.

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