Wie Firmen mit Behinderten dem Fachkräftemangel trotzen

Viele Menschen mit Behinderung sind oft jahrelang auf Jobsuche, auch in Sachsen. Dabei gibt es für Unternehmen viele Hilfen und finanzielle Anreize, um Menschen mit einem Handicap zu beschäftigen.

Chemnitz.

In Deutschland leben knapp acht Millionen schwerbehinderte Menschen, rund jeder elfte Einwohner lebt mit einem schweren Handicap. Doch mit der Teilhabe behinderter Menschen am Berufsleben hapert es noch immer, auch in Sachsen. Zwar ist die Anzahl arbeitsloser Schwerbehinderter im Freistaat von 11.227 im Jahr 2010 auf heute 8115 (Ende 2018) zurückgegangen, aber viele Betriebe scheuen sich noch, Menschen mit Handicap zu beschäftigen. Mit 4,1 Prozent der Arbeitsplätze erreicht Sachsen die zweitschlechteste Quote, nur Sachsen-Anhalt ist mit 3,4 Prozent noch schlechter.

Dabei sind schwerbehinderte Arbeitssuchende meist gut qualifiziert. Mehr als 70 Prozent haben in Sachsen eine betriebliche Ausbildung, 5,4 Prozent sind Akademiker. "Letztendlich ist die Leistung entscheidend, nicht eine vorhandene Behinderung", sagt Klaus-Peter Hansen, Chef der Landesarbeitsagentur Sachsen.

Das sieht auch Björn Gollenbeck, geschäftsführender Gesellschafter des Schär Werkzeug-Maschinenhandels in Crimmitschau so. Das kleine Dienstleistungsunternehmen kämpfte lange mit dem Fachkräftemangel, auch weil der Betrieb nicht mit den Großunternehmen der Region um die Arbeitskräfte konkurrieren konnte. Also suchte Gollenbeck nicht mehr nach Berufsqualifikationen, sondern nach Menschen mit den nötigen Fähigkeiten. So stellte er einen gelernten Logistiker mit guten IT-Kenntnissen ein, der wegen eines Organleidens körperlich nicht mehr belastbar war. Heute ist dieser Mitarbeiter für den Onlinehandel des Unternehmens verantwortlich. "Dieser Ansatz funktioniert, wenn ich bereit bin, mich mit dem Menschen selbst auseinanderzusetzen und seine Begabungen entdecken möchte", betont Gollenbeck.

Weil die Firma Schär damit gute Erfahrungen gemacht hat, werden heute zwei Jugendliche mit Behinderungen zu Industriekaufleuten ausgebildet. "Inklusion ist für uns ein Weg aus dem Fachkräftemangel heraus", versichert Gollenbeck. Für sein Engagement erhielt die Crimmitschauer Firma den Inklusionspreis für die Wirtschaft 2019.

Auf fast 20 Jahre Erfahrung mit Inklusion kann der Fachgroßhandel Schmaus GmbH in Hartmannsdorf bei Chemnitz zurückblicken. Derzeit beschäftigt der Dienstleister für Bürobedarf, Reinigungs- und Hygieneartikel, Gästebewirtungsbedarf sowie Werbeartikel im Logistikbereich sechs hörgeschädigte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie arbeiten bei der Kommissionierung mit einer Datenbrille, bei der alle notwendigen Informationen vor dem Auge des Nutzers eingeblendet werden. Die in einem dreijährigen Forschungsprojekt von der Technischen Universität München begleitete Lösung setzt auf eine rein visuelle Informationsdarstellung, wodurch gehörlose Mitarbeiter diese Technologie gleichwertig zu hörenden Kollegen nutzen können. "Wir haben mit der Inklusion gute Erfahrungen gemacht", sagt Daniela Schmaus. Es gehe bei der Einstellung nicht um die Behinderung, sondern um die Frage, ob der Mensch zum Unternehmen passe. "Wichtig ist, welche Aufgaben zu den Fähigkeiten der behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern passen", meinte die Prokuristin.

Erste Anlaufstellen für Unternehmen, die sich mit Inklusion beschäftigen, sind die Inklusionsberatungen der Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Handwerkskammer in Chemnitz. "Man muss sich bewusst sein, dass bei der Einstellung von Menschen mit Handicap ein höherer Zeitaufwand nötig ist", sagt IHK-Inklusionsberaterin Ines Petzold. Auch die Belegschaft müsse man informieren und mitnehmen. "Ohne Akzeptanz bei den Beschäftigten ist Inklusion nicht möglich", rät die Expertin.

Betriebe werden finanziell unterstützt, wenn sie schwerbehinderte Menschen einstellen. Dazu gehören Eingliederungszuschüsse der Bundesagentur für Arbeit, Beschäftigungsprämien, Zuschüsse für technische Arbeitshilfen und die Finanzierung der behinderungsbedingten Ausstattung von Arbeitsplätzen. "Viele Unternehmer, die Behinderte beschäftigen, sind der Beweis dafür, dass Inklusion gelingt, wenn man nur will", zeigt sich Klaus-Peter Hansen überzeugt.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...