Wie sächsische Betriebe mit dem Azubi-Mindestlohn umgehen

Der Bundestag hat einen Mindestlohn für Lehrlinge beschlossen. In Sachsen könnte jeder achte von ihnen davon profitieren - ein Problem für die Firmen?

Berlin/Chemnitz.

Mehr Geld für viele Auszubildende: Der Bundestag hat am Donnerstag eine Reform des Berufsbildungsgesetzes beschlossen, die die Einführung eines Azubi-Mindestlohnes von 515 Euro pro Monat im ersten Lehrjahr vorsieht. Der Betrag steigt in den folgenden Jahren weiter und soll 2023 bei mindestens 620 Euro im ersten Lehrjahr liegen. Für das zweite, dritte und gegebenenfalls auch vierte Ausbildungsjahr sind Aufschläge von 18, 35 und 40 Prozent gegenüber dem Betrag für das erste Lehrjahr vorgesehen. Ab 2024 soll der Mindestlohn dann jährlich an die durchschnittliche Entwicklung aller Lehrlingsentgelte angepasst werden.

Die Reform soll zum 1. Januar 2020 in Kraft treten, der Bundesrat muss noch zustimmen. Wer bereits eine Ausbildung begonnen hat, profitiert jedoch nicht von den Regelungen. Außerdem sind Ausnahmen möglich, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften für einzelne Branchen eigene Vereinbarungen treffen. Ausgenommen sind zudem landesrechtlich geregelte Berufe wie Erzieher und reglementierte Berufe im Gesundheitswesen wie Altenpfleger oder Rettungsassistenten.

Die Bundesregierung will damit die Berufsausbildung attraktiver machen. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sagte, die duale Ausbildung sei ein Markenzeichen Deutschlands. Erfolg sei aber kein Selbstläufer, betonte sie mit Verweis auf nicht besetzte Lehrstellen.

Rechnerisch könnten bundesweit 89.000 junge Menschen vom neuen Lehrlings-Mindestlohn profitieren. So viele Azubis verdienten laut Bundesagentur für Arbeit (BA) Ende 2018 weniger als 500 Euro im Monat. In Sachsen traf dies nach Angaben der Regionaldirektion der BA auf 7500 Azubis zu - und damit auf etwa jeden achten Lehrling.

Nach Einschätzung der Handwerkskammer Chemnitz stellt die neue Mindestvergütung "nur bedingt" ein Problem dar, da Betriebe in vielen Fällen schon heute Vergütungen zahlen, die über den geplanten Summen liegen. So erhält etwa ein Gerüstbauerlehrling im ersten Lehrjahr 700 Euro im Monat, im Maler- und Lackiererhandwerk sind es 650 und beim Fleischer 600 Euro. Für einzelne Gewerke sehe man aber durchaus die Gefahr, dass aus wirtschaftlichen Gründen die Ausbildungsbereitschaft sinkt. Schwierig könnte es wohl für so manchen Friseursalon werden. Die meisten Betriebe in der Region lägen mit ihren Lehrlingsentgelten weit unter den künftigen Beträgen, sagte Ulf Bernhard vom Bildungszentrum der Friseur- & Kosmetikinnung Chemnitz. Er sprach von rund 300 Euro, die im Schnitt gezahlt würden. "Da ist der Sprung groß", so Bernhard. Das müssten die Betriebe erst einmal erwirtschaften.

Auch im Bereich der Industrie- und Handelskammer (IHK) gibt es Berufsfelder wie Floristen, Buchhändler sowie Fachkräfte für Schutz und Sicherheit, wo die Azubi-Entgelte oft unterhalb von 500 Euro liegen. Bei der IHK Chemnitz geht man davon aus, dass maximal 15 Prozent der Mitgliedsbetriebe künftig mehr Geld zahlen müssen. "Die genaue Betroffenheit kennen wir aber nicht", sagte IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich. Man rechne nicht damit, dass deswegen signifikant weniger Ausbildungsplätze angeboten werden. Dafür gebe es keine Anzeichen.

10Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    0
    VaterinSorge
    01.11.2019

    ja, das ist eines der emotionalsten Themen, wo ich mich aber allein durch meine Kinder seit 20 Jahren engagiere und nicht nachlassen werde.
    1. Wer seinen Familienbetrieb liebt und mit Herz und Verstand aufgebaut hat, arbeitet entweder auf einen profitablen Verkauf oder einen exzellenten Generationswechsel hin.
    2. Entschließt man sich zu einem entsprechenden Generationswechsel mit entsprechender Nachwuchsregelung, dann macht es nur Sinn, eigene junge Fachkräfte auszubilden und mit Perspektiven und guten Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen zu halten. (Wir mit Mindestausbildungsvergütung und anschließendem Mindestlohn auskommen muss, wird scheitern!)
    3. aus sächs. Schulen kommen jährlich nur etwa 33.000 Schüler, davon wollen 35% studieren, 25% erst einmal chillen, 25% muss den Ausbildungswunsch mit Erreichbarkeit von Berufsschule und Ausbildungsbetrieb koordinieren, der Rest wird wahrscheinlich ziemlich sicher eine Ausbildung oberhalb der Mindestvergütung beginnen oder Erzieher- Pflege-oder Assistenzberufe lernen, für die die Regelung ohnehin nicht gilt. Also wie im Text richtig fest gestellt, viel Wind um nicht viel. Viel wichtiger ist zu klären, wie wir mehr junge Leute in unserem Land halten können, nicht nur in den Großstädten, sondern auch auf dem Land, wie wir sie für Berufe im Handwerk, Handel, dem Dienstleistungsgewerk oder gar der Landwirtschaft begeistern könnten, wenn wir Älteren zahlenmäßig mehr als drei Mal so viele, mit Handwerk, Handel, Dienstleistungsgewerken und Landwirtschaft so wenig wertschätzend umgehen? Fangt doch alle mal an, die kleinen, fleißigen Unternehmer freundlich zu grüßen und schielt nicht immer zu den Großkonzernen. Wenn die husten, haben ganze Regionen Schnupfen, aber der eigenständige Mittelstand und Handwerksbetrieb, der kann wenn er gute Azubis hat in Zukunft robust gegen halten.

  • 2
    1
    Zeitungss
    26.10.2019

    @759206: Arbeitsleistungen, in welche die Lehrlinge regelmäßig eingebunden werden, zählen bei den Betrachtungen offenbar nicht. Besonders auf dem Bau und im Dienstleistungssektor ist das Realität.

  • 2
    7
    759206
    25.10.2019

    @cn3boj00: Polemik ist nicht richtig. Unterhalten Sie sich doch bitte gelegentlich mit Unternehmen, die Fachkräfte suchen. Es handelt sich hierbei nicht ausschließlich um namhafte große Unternehmen, sondern auch um den sogen. kleinen Handwerker. Eine hohe Ausbildungsvergütung wird den Anteil derer, die Azubis suchen, sicher nicht erhöhen. Selbst die Finanzierung von Führerscheinen, Bahntickets sowie sachliche Zuwendungen in Form von Tablets o.ä. machen Ausbildung nicht attraktiver. Entweder man möchte ausgebildet werden oder eben nicht. Und wie die Sache mit den Mindestlöhnen umgesetzt wird... naja, lassen wir‘s lieber. Klar, die Wirtschaft wird immer weiter laufen. Entscheidend ist aber, in welche Richtung!

  • 8
    4
    cn3boj00
    25.10.2019

    @759... Polemik können Sie gut? Was wohl die Betriebe sagen, die Fachkräfte suchen, wenn Sie mit Ihren Plattheiten kommen?
    Wie beim Mindestlohn für die Arbeitnehmer (was hat man sich da ereifert!) wird man auch hier sehen, dass die Wirtschaft weiterläuft.

  • 7
    2
    Einspruch
    25.10.2019

    Zeitungs..Stimmt. Da fällt vieles unter den Tisch. Auf viele Beiträge kann man oft gar nicht antworten. Aber bestimmte Leute scheinen alles durch die Zensur zu bekommen.

  • 9
    1
    Zeitungss
    25.10.2019

    Komischerweise kommen beitragäge


    Komischerweise fallen hier einige Meinungen unter den Tisch, "bei der Übertragung ist ein Fehler aufgetreten". Wenn ich meine Abneigung gegen die AfD hier in den Ring werfe, ist der schon veröffentlicht obwohl der letzte Punkt noch nicht gesetzt ist, äußerst "merkwürden" wie ein deutscher Schauspieler (Hans Clarin)einmal formulierte.

  • 5
    9
    759206
    25.10.2019

    @ma27nd08y: Fachkräfte hat Deutschland seit 2015 genug!!! Mehr brauchen wir nicht...

  • 5
    6
    759206
    25.10.2019

    Was sollen derlei Festlegungen bringen, wenn doch im späteren Berufsleben weder Bezahlung noch Rahmenbedingungen stimmen. Da nützt es wenig, die Ausbildungszeit attraktiv zu gestalten. Ausbildungsbereitschaft ist entweder vorhanden oder nicht! Bisher war dies kein Grund, eine Ausbildung zu beginnen und zu beenden. In Zeiten von lebenslangem Hartz IV und Mindestlöhnen stellt sich vielmehr die Frage, ob sich Ausbildung lohnt oder nicht. Sollte man nicht an der Schraube drehen?

  • 12
    5
    ma27nd08y
    25.10.2019

    Ich finde diesen Mindestlohn für Azubis absolut wichtig, da es ja eh schon keine Fachkräfte gibt und somit vielleicht mal wieder eine Anreiz geschafft wird z. B. den Friseurberuf zu erlernen

  • 7
    15
    Hinterfragt
    25.10.2019

    Nun man darf gespannt sein.
    Solche Festlegungen können eben nur Leute machen, die die Gelder nicht selber erarbeiten müssen.
    Man sollte auch Politiker nach abrechenbarer Leistung bezahlen ...



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