Wilke-Wurst: Auch ein Sachse erkrankt

Im Skandal um mit Keimen belastete Wurst gibt es jetzt einen dritten Todesfall. Auch in Sachsen sind Firmen mit den Wilke-Produkten beliefert worden. Wie sicher sind die Verbraucher im Freistaat?

Chemnitz.

"Seit gestern wissen wir von drei Todesfällen", sagte Hessens Verbraucherschutzministerin Priska Hinz (Grüne) am Freitag. Nach einem Bericht des Robert-Koch-Instituts sind Patienten in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt "direkt oder indirekt an der Listeriose" verstorben. Der nordhessische Landkreis Waldeck-Frankenberg, der für die Überwachung und die Schließung der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH in Twistetal-Berndorf verantwortlich ist, hatte bislang von zwei Opfern aus Südhessen gesprochen.

Listerien sind Bakterien, die zu Durchfall und Fieber führen können. Als Grenzwert für eine gerade noch zulässige Anzahl dieser Keime gelten 100 koloniebildende Einheiten pro Gramm Lebensmittel. Eine Listerien-Erkrankung äußert sich meist innerhalb von 14 Tagen mit Durchfall und Fieber. Insbesondere Schwangere, Senioren und Menschen mit geschwächtem Abwehrsystem können auch schwerere Krankheitsverläufe mit Blutvergiftung und Hirnhautentzündung entwickeln. Bei Schwangeren kann, sogar ohne Symptome, das ungeborene Kind geschädigt werden.

Wilke-Lebensmittel haben auch in Sachsen zu einem Krankheitsfall geführt. Das bestätigte das Sächsische Sozialministerium der "Freien Presse". Es beruft sich dabei auf das Robert-Koch-Institut und das Bundesinstitut für Risikobewertung. Diese ordnen diese Erkrankung, die bereits Anfang des Jahres registriert worden ist, wegen derselben Bakterien-Eigenschaften den jüngst bekannt gewordenen Wilke-Fällen zu.

Von Januar bis Ende September 2019 seien in Sachsen insgesamt 36 Listeriosefälle gemeldet worden, sagte eine Sprecherin des Sozialministeriums auf Anfrage. Fünf Menschen seien gestorben. Nicht zwangsläufig seien diese Fälle aber auf den Verzehr von Lebensmitteln zurückzuführen. Denn Listerien seien überall weit verbreitet. Lebensmittelkontrolleure finden sie zum Beispiel auf Hackepeter, Rohwurst, Geflügel und Fleisch, aber auch auf Rohmilchkäse, Räucherfisch und vorgeschnittenen Salaten. Nach Angaben der Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen kommen Erkrankungen, die von Listerien hervorgerufen werden, in Sachsen ungefähr so häufig vor wie die Infektionskrankheit Legionellose, die ebenfalls durch Bakterien verursacht wird. Die Firma Wilke hat laut Sozialministerium 39 Firmen in Sachsen direkt beliefert. Überwiegend seien das Großhändler gewesen, die die Produkte an zahlreiche weitere Kunden und Verarbeiter weitervertrieben hätten. Hinzu kommen demnach viele andere Betriebe, die über einen oder mehrere Zwischenhändler aus anderen Bundesländern Wilke-Ware erhalten haben.

Derzeit läuft eine Rückrufaktion für die Ware der Firma Wilke. Eine konkrete Zahl, wie viele Betriebe im Freistaat davon betroffen sind, nennt das Sozialministerium nicht. Der Hersteller muss aber Betriebe, die er beliefert hat, informieren. Zudem können Verbraucher im Internet unter www.lebensmittelwarnung.de eine vollständige Liste mit mehr als 1000 betroffenen Produkten finden. Zudem ist über das Identitätskennzeichen auf der Verpackung "DE EV 203 EG" zu erkennen, welche Lebensmittel möglicherweise betroffen sind. Zu beachten ist dabei, dass Wilke-Waren auch unter anderen Markennamen verkauft worden sind. Das sind unter anderem die Marken Haus am Eichfeld, Metro Chef, Servisa, Pickosta, Sander Gourmet, Rohloff Fleischmanufaktur, Schnittpunkt, Korbach, Aro, Findt und Domino.

Um die Verbraucher zu schützen, prüfen die sächsischen Lebensmittelüberwachungsbehörden anhand der ihnen vorliegenden Lieferlisten, ob die betroffenen Firmen über den Rückruf informiert worden sind und ob sie die betroffene Ware vom weiteren Verkauf ausgeschlossen haben. "Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen der Rückrufkontrollen wurden die Produkte mit Bekanntwerden des Rückrufes sofort gesperrt", sagt eine Ministeriumssprecherin. "Wilke-Produkte wurden im Verkauf nicht vorgefunden."

Die Lebensmittelüberwachung ist Ländersache. Bundesweit sind mehr als 400 Behörden dafür zuständig. Die Verbraucherorganisation Foodwatch wirft dem Landkreis Waldeck-Frankenberg und dem Wurstproduzenten Wilke schwere Versäumnisse vor. Der dort für den Verbraucherschutz zuständige Dezernent ist zugleich für die Direktvermarktung verantwortlich. "Es kann nicht gut sein, wenn ein und dieselbe Behörde für Lebensmittelkontrollen und für die lokale Wirtschaftsförderung zuständig ist", sagte Foodwatch-Geschäftsführer Martin Rücker. "Diesen Interessenkonflikt müssen wir auflösen, indem die Bundesländer die Kontrolltätigkeit an sich ziehen und auf Landesebene organisieren."

Foodwatch bemängelt, dass der Landkreis bei der Lebensmittelüberwachung massiv gegen die Vorgaben verstoßen habe: 2018 führte er demnach nur etwa die Hälfte der vorgeschriebenen planmäßigen Betriebskontrollen durch. "Das ist politisches Versagen - ob dies auch im Fall Wilke eine Rolle gespielt hat, wird zu prüfen sein", so Rücker. In Sachsen ist laut Sozialministerium im vergangenen Jahr rund jede zweite von der Lebensmittelüberwachung erfasste Firma kontrolliert worden. Zudem sind 21.000 Lebensmittelproben untersucht worden. Rund jede Sechste wurde beanstandet. In mehr als 80 Prozent der Fälle gingen die Beanstandungen aber auf irreführende oder eine nicht vorschriftsgemäße Kennzeichnung zurück. Dennoch mussten aufgrund gravierender Hygienemängel auch 21 Betriebe geschlossen werden. Zudem leiteten die Behörden in 157 Fällen ein Bußgeld- und in 18 Fällen ein Strafverfahren ein.

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