"Wir müssen weg von den Pestizidmengen"

Ein Interview mit Sachsens bisherigem Bauernpräsidenten hatte im Internet hohe Wellen geschlagen. Darin hatte Wolfgang Vogel den Grünen jede Kompetenz für Landwirtschaft abgesprochen. Deren Agrarexperte geht nun trotzdem auf die Bauern zu.

Chemnitz.

Ein rotes Tuch sind Schlachthöfe für Wolfram Günther keineswegs. Im Gegenteil. Der agrarpolitische Sprecher der sächsischen Grünen würde gern einige davon im Freistaat etablieren. Abgesehen von kleineren, betriebseigenen Schlachtereien gibt es seit Jahren keinen Schlachthof mehr. Ein Manko. Die Dauer von Tiertransporten würde so unnötig verlängert. Und um Produkte regional vermarkten zu können, seien Verarbeitungsstätten vor Ort erforderlich. Die fehlten in Sachsen nicht nur im Schlachtbereich.

Für Sachsens Grüne ist das ein zentrales Thema: Wie lässt sich die regionale Wertschöpfung erhöhen? Wie kann mehr für den regionalen Markt hergestellt werden? Heute werde viel Masse für den Weltmarkt produziert. Das sei der falsche Weg und auch der Grund dafür, dass Teile der Branche mit dem Rücken zur Wand stünden. "Es gibt nicht eine einzige Marktfrucht im Freistaat, die ohne Subventionen gewinnbringend produziert wird", sagt Günther. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt sinke seit Jahren. Das zeige, dass die Branche strukturelle Probleme habe. Günther: "Wir wollen, dass die Landwirtschaft einen viel höheren Beitrag zur Wertschöpfung im Land leistet."

Er weist aber auch darauf hin, dass die Landwirte einen "wesentlichen Beitrag" zu Klima- und Artenschutz leisten müssten. Von den heutigen Pestizidmengen müsse man runterkommen. Nötig sei eine Reduktion, jedoch kein Verbot. In der Tierhaltung seien Praktiken wie das Schnäbelkupieren "nicht mehr hinnehmbar". "Wir wollen die Tierproduktion nicht kaputtmachen, aber wir müssen artgerechter und nachhaltiger produzieren. Wenn Futtermittel aus Südamerika importiert werden, weil die Betriebe nur so ihre Tiere ernähren können, und die Gesellschaft dann auf der anderen Seite ein Gülleproblem hat und das Trinkwasser aufwendig aufbereitet werden muss, dann ist einiges durcheinander geraten", so Günther.

Man wolle aber "ausdrücklichgemeinsam" mit der Landwirtschaft an Lösungen arbeiten. Beschimpfungen nützten keinem etwas, sagte Günther mit Blick auf Aussagen von Wolfgang Vogel, bis vorige Woche Präsident des Landesbauernverbandes. Vogel hatte im Interview in der "Freien Presse" davor gewarnt, den Grünen in einer Koalition in Sachsen das Agrarministerium zu überlassen und ihnen "jede Kompetenz für die Landwirtschaft" abgesprochen. "Wenn der Bauernverband das so sieht - alle anderen Verbände sehen das anders", sagte Günther.

Kritik an den Aussagen Vogels kam von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). "Was soll man von jemandem halten, der das Insektensterben mit dem Hinweis auf seine Frontscheibe wegredet? Der offensichtlich keine Ahnung hat, dass die verbotenen Neonikotinoide nicht nur dem Rapserdfloh den Garaus machen, sondern auch vielen Wildinsekten - und sogar Feld- und Singvögeln Probleme bereiten? Und der nicht wahrhaben will, dass der Rückgang der Artenvielfalt auch mit den übergroßen Schlägen und den damit fehlenden Hecken und Saumstrukturen zu tun hat", so AbL-Landeschef Michael Grolm.

Bewertung des Artikels: Ø 4.8 Sterne bei 5 Bewertungen
9Kommentare
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  • 4
    2
    Inke
    19.09.2019

    Lesemuffel, Diffamierung liegt mir ebenfalls sehr fern und ich habe kein Problem mit anderen Meinungen. Wenn man aber an den Haaren herbeigezogene Äußerungen abgibt, die noch dazu in keinstem Zusammenhang mit dem Inhalt des Artikels stehen, muss man auch harte Kritik aushalten können. Einfach nur plump zu provozieren, ruft eben auch zu entsprechenden Gegenreaktionen auf. Lesen Sie doch einfach in Ruhe und vorurteilsfrei den Artikel. Günther spricht von der Förderung regionaler Wertschöpfung, Verringerung von Pestizidmengen und vor allem der gemeinsamen Suche nach Lösungen. Was ist denn dagegen bitte einzuwenden? Was haben die Grünen in Sachsen mit der Ernährung der zunehmenden Weltbevölkerung zu tun? Hier werden wir eher weniger, abgesehen von den Großstädten. Sie dürfen natürlich weiterhin, auch entgegen aller Fakten, auf ihrer Meinung beharren. Übrigens gehört Photovoltaik für mich auf bereits vorhandene Dachflächen und nicht auf wertvolle Grünflächen. Vielleicht beruhigt Sie das etwas. Beste Grüße!

  • 5
    3
    cn3boj00
    19.09.2019

    @Lesemuffel vielleicht versuchen Sie mal den Begriff "regionale Wertschöpfung" zu verstehen. Wenn Sie das mit "Obst aus der ganzen Welt hierherkarren" übersetzen und dann noch behaupten, dass dies eine Idee der Grünen sei weil diese ja für die aktuelle Handelspolitik verantwortlich sind kann Ihnen wohl nicht mehr geholfen werden. Sie dürfen natürlich jede Meinung haben, aber diese sollte zumindest ein ganz kleines bisschen zu den Fakten passen, gegen die Sie wohl resistent sind.
    Im Übrigen dient das, was auf unseren Feldern in schöner Reihenfolge Jahr um Jahr angebaut wird - Raps, Winterweizen, Mais - keinesfalls unserer Ernährung, bestenfalls indirekt als Viehfutter für die Massentierhaltung.
    Und das ist - das sage ich ganz ausdrücklich - keine persönliche Diffamierung, davon distanziere ich mich.

  • 8
    2
    cn3boj00
    19.09.2019

    @Lesemuffel: Sie haben wohl den Namen nach der Tat.
    Vermutlich haben Sie weder gelesen, was Herr Günther gesagt hat, noch haben Sie jemals gelesen, wie das CDU-regierte Landwirtschaftsministerium den Zustand unserer Landwirtschaft selber einschätzt. Aber ich will mich hier nicht wiederholen, zum Beitrag des Bauernoberlobbyisten habe ich das bereits ausführlich dargelegt, für die welche zu faul sind Studien zu lesen.

  • 2
    9
    Lesemuffel
    19.09.2019

    Ja, Inke, ich antworte Ihnen mit K. Tucholsky :"Toleranz ist der Verdacht, dass der andere recht haben könnte." Diesen Verdacht haben Sie natürlich nicht, gemeinsam mit einer großen Gruppe hier im Forum, die gegenteilige Meinungen glaubt widerlegen zu müssen, indem Sie den User persönlich diffamieren. Klimaangst schüren ist übrigens ausser populistisch sogar noch hysterisch.

  • 12
    2
    Inke
    18.09.2019

    @Lesmuffel: Glauben Sie ernsthaft daran, dass die Grünen zurück zu mittelalterlichen Anbaumethoden wollen? Denken Sie, irgendjemand möchte wieder mit dem Ochsen pflügen oder wie? Wenn Sie den Artikel und Günthers Aussagen verstanden hätten, würden Sie hier nicht so einen Unsinn schreiben. Es geht um KOMPROMISSE. Was Sie hier bieten ist Populismus vom Feinsten.

  • 2
    13
    Lesemuffel
    18.09.2019

    Also, wie Recht hat Vogel mit seiner Einschätzung der GRÜNEN. Landwirtschaft in Sachsen zurück zur Drei-Felder-Wirtschaft, dafür dann Obst und Gemüse aus der ganzen Welt hierher karren. Gut gespritzt, damit es auf der langen Reise nicht verdirbt. GRÜNEN - Populismus hat noch nie positive Resultate gebracht. Wie die beschleunigt wachsende Erdbevölkerung ernährt werden soll wissen GRÜNE nicht. Sie sollten mal die Böden für Ackerbau nutzbar machen, die für die Energiewende mit Photovoltaik - Anlagen zugepackt werden............

  • 9
    2
    cn3boj00
    18.09.2019

    Im Gegensatz zum Lobbyisten Vogel, der populistisches Grünenbashing betreibt, zeigt der Grünen-Chef Kompetenz und Vernunft. Und er kritisiert nicht die Bauern, sondern deren Lobbyvereine und eine seit 30 Jahren verfehlte Agrarpolitik. Sehr begrüßenswert.
    Wer angesichts dessen weiterhin behauptet, dass man mit Grünen keine gute Politik machen könne (obwohl das vielerorts erfolgreich praktiziert wird) muss ganz schön verblendet sein.
    Leider wird es möglicherweise so ausgehen, dass Kretschmer den Lobbyisten folgt und Umwelt- und Landwirtschaftsministerium trennt, damit es weiter so gehen kann. Ich bin gespannt, wie die Grünen bei den Verhandlungen aussehen werden.

  • 13
    0
    saxon1965
    18.09.2019

    Scheint ein vernünftiger Mann zu sein, der Herr Günther.
    Warum sind denn die regionalen Schlachtbetriebe verschwunden? Könnte etwas mit Vorschriften, Billiglohn und Verkehrspolitik zu tun haben. Es hängt oftmals zusammen, was man gar nicht vermuten würde.
    Auf alle Fälle muss bei Vielem umgedacht werden, besonders was die so hochgelobte Globalisierung betrifft!

  • 19
    4
    Inke
    18.09.2019

    Im Gegensatz zu Vogel ist Günther kompromissbereit und äußert hierzu durchweg vernünftige Ansichten. Veränderungen in der Landwirtschaft sind dringend notwendig. Da muss man aufeinander zugehen und nicht anderen von vornherein Kompetenzen absprechen.



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