Wo Kühe nur in der Werbung weiden

Tierschützer haben Molkereien und Lebensmittelkonzerne zur Haltung der Kühe gefragt, deren Milch sie verarbeiten. Ergebnis: Nur bei drei Marken wird das Werbeversprechen Weideidylle gehalten. Für die Tierschützer ist das Verbrauchertäuschung. Eine Marketing-Professorin sieht das anders.

Chemnitz.

Die Bilder auf Packungen versprechen oft Bauernhofidylle: Milchkühe grasen auf saftig-grünen Wiesen. Aber stammt die Milch, der Käse oder Joghurt wirklich von Tieren, die auf der Weide standen? Die Welttierschutzgesellschaft hat bei 20 milchverarbeitenden Firmen nachgefragt, bei denen mit Landschaftsbildern und weidenden Kühen auf Verpackung, Webseite oder in Logos und TV-Spots geworben wird. Das Ergebnis ist ernüchternd: Lediglich bei drei von 29 Produkten wird das Werbeversprechen auch vollständig eingehalten.

So haben nur bei der Marke Arla Bio, der Weidemilch von Hansano und der Bio-Heumilch der Gläsernen Molkerei alle Tiere Zugang zur Weide. Bei den übrigen Bio-Artikeln der Gläsernen Molkerei, die auch von sächsischen Bauern beliefert wird, gilt dies für über 95 Prozent der Kühe. Mit Abstand folgen weitere sechs Marken, bei denen der Weideanteil aber viel geringer ausfällt.

Bei der Mehrzahl der Produkte jedoch blieb offen, ob und wie viele Kühe Zugang zur Weide hatten oder ob sie noch im Stall angebunden werden. Zwei Drittel der befragten Hersteller - darunter Haribo, Ehrmann, Alpenhain oder die Molkerei Alois Müller - hätten auf die Fragen der Welttierschutzgesellschaft entweder gar nicht reagiert oder die Frage nach dem Weideanteil unbeantwortet gelassen, hieß es. Häufig zu hören bekamen die Tierschützer dagegen Äußerungen wie "Landwirte sind eigenverantwortliche Unternehmer" oder "die Milchlieferanten halten sich an alle einschlägigen Gesetze". "Lediglich Dr. Oetker, DMK, Hochland und Zott waren so ehrlich zuzugeben, dass sie die Zahlen schlichtweg nicht kennen", heißt es.Dem Verein geht es mit der Umfrageaktion vor allem um eines: Transparenz schaffen für Verbraucher. Schließlich suggerierten die Bilder auf den Verpackungen oder in den Werbespots, dass alle Kühe, deren Milch in die Produkte fließen, "glücklich und zufrieden auf der Weide grasen und dies ein wesentlicher Aspekt ihrer Haltung darstellt".

Doch ist das auch so? Und gibt es Vorgaben, die den Weidezugang sicherstellen? Das sind zwei von acht Fragen, die die Tierschützer gestellt haben. Denn gesetzliche Regeln gibt es nicht: Abgesehen vom allgemeinen Tierschutzgesetz existieren keine Mindeststandards für die Kuhhaltung. Nur im Öko-Bereich werden Vorgaben gemacht. Generell gehe der Trend aber zur ganzjährigen Haltung im Stall, in dem noch immer jede vierte Kuh zeitweise oder ganzjährig angebunden ist, heißt es.

Gefragt haben die Tierschützer auch, wie oft und wie lange die Kühe auf die Weide kommen. Bei den meisten Herstellern bestehen allerdings keine Vorgaben. Nur bei der Heumilch der Gläsernen Molkerei, der Hansano-Weidemilch und den Bergbauern von Arla ist vorgeschrieben, dass die Tiere mindestens an 120 Tagen im Jahr für sechs Stunden auf die Weide müssen. Bei den Arla-Bio-Produkten wiederum gelte dies nur teilweise. Konkrete Vorschriften gebe es nur für die in Dänemark ansässigen Höfe. Für die deutschen Höfe hingegen würden nur die "unkonkreten Vorgaben" der EU-Öko-Verordnung ("so oft als möglich") greifen. Bei Milram, Osterland, Tuffi und Südmilch existierten Bonussysteme als Anreiz für die Bauern, ihren Kühen den Gang zur Weide zu ermöglichen. Doch diese seien freiwillig.

Seltenheitswert hingegen haben laut Welttierschutzgesellschaft Laufhöfe als Lösung, um den Kühen Auslauf im Freien zu ermöglichen. "Die einzige Marke, bei der alle Kühe ohne Weidegang auf den Laufhof kommen, ist die Gläserne Molkerei", schreibt der Verein. Kaum Vorgaben gibt es auch beim Futter. Nur bei den Bio-Produkten von Arla und der Gläsernen Molkerei sind 60 Prozent wiederkäuergerechtes Raufutter wie Gras und Heu vorgeschrieben.

"Die intensive Werbung mit naturnaher Milchproduktion ist vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse mehr als fragwürdig zu bewerten", erklärt Mitautorin Katharina Tölle. "Mit falschen Werbeversprechen, die nicht annähernd die Realität widerspiegeln, werden Missstände in der Milchwirtschaft verschleiert und der Verbraucher bewusst getäuscht", fügt sie hinzu.

Cornelia Zanger, Professorin für Marketing und Handelsbetriebslehre an der TU Chemnitz, sieht das etwas anders: Die verwendeten Bilder seien klassische Werbemotive, mit denen die Käufer Frische und Natur assoziieren sollten. So etwas könne man nicht verbieten. "Das ist die Freiheit der Werbung." Etwas anderes wäre es, wenn auf der Packung das Wort "Weidemilch" stehen würde, die Kühe aber die Weide nicht gesehen hätten. Das wäre nicht erlaubt. Transparenz im Herstellungsprozess hält sie dennoch für wichtig. Die Marketingexpertin schlägt ein Gütesiegel analog der Eier-Kennzeichnung vor, bei dem nach der Haltung der Tiere differenziert werde. Dann könne der Kunde entscheiden, was er unterstützen möchte.

Die Tierschützer hingegen wollen, dass der Staat mehr Vorschriften macht: Es werde höchste Zeit, dass Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt eine eigene Haltungsverordnung für Milchkühe einführt, die Mindeststandards definiert, sagt Tölle. Doch auf eine entsprechende Anfrage der "Freien Presse" ging das Ministerium nicht konkret ein. In der Antwort heißt es nur, das Ministerium arbeite an einer freiwilligen Vereinbarung zur Tierwohlverbesserung bei der Rinderhaltung. Dazu sei man mit den Verbänden der Rinder- und Kälberhalter im Gespräch. Zudem unterstütze man finanziell besonders tiergerechte Haltungsformen wie Laufställe mit Einstreu. "Grundsätzlich gilt jedoch: Wir brauchen wettbewerbsfähige Lösungen, die auch am Markt Bestand haben. Nur so lässt sich verhindern, dass sich die Produktion von Lebensmitteln ins Ausland verlagert", so eine Sprecherin.

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