Wirtschaftsforscher: "Ein Lockdown wie im Frühjahr wäre eine Katastrophe"

Selbst Konjunkturforscher winken ab: Eine seriöse Vorhersage, wie lange die Coronakrise noch spürbar sein wird, gebe es noch nicht. Dennoch spricht der Bundeswirtschaftsminister von guten Nachrichten.

Chemnitz/Berlin.

Für den Chef der Bundesagentur für Arbeit ist es ein "deutlich abnehmender Trend": Bundesweit hätten im Juli nur noch 512.000 Betriebe in Kurzarbeit gesteckt. "Dahinter haben sich 5,36 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verborgen", sagt Detlef Scheele. Im April und Mai seien es noch jeweils knapp sechs Millionen gewesen. Bei einem geschätzten Arbeitszeitausfall von 40 Prozent geht Scheele von mehr als zwei Millionen gesicherten Jobs aus.

Für Sachsen meldete die Regionaldirektion 27.000 Betriebe, die im Mai für insgesamt 238.000 Beschäftigte Kurzarbeitergeld in Anspruch nahmen. Im August hätten vorsorglich 357 Betriebe neu Kurzarbeit für 6079 Beschäftigte angezeigt.

Im Freistaat waren im August 137.900 Frauen und Männer ohne Job. Die Arbeitslosenquote stieg im Vergleich zu Juli um 0,2 Punkte auf 6,5 Prozent - dies wird vor allem auf saisonale Gründe wie das Ende von Schule und Ausbildung zurückgeführt. Bundesweit waren im August 2,955 Millionen Menschen ohne Job. Die Arbeitslosenquote stieg um 0,1 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) spricht bereits von einem einsetzenden Aufholprozess der deutschen Wirtschaft. Doch der Weg zurück zu alter Stärke ist lang. Das liegt vor allem an der schwachen Weltwirtschaft, die den deutschen Export belastet. Dazu kommt, dass viele Branchen in Deutschland immer noch deutlich weniger Umsätze machen. Aus Sicht von Wirtschaftsverbänden gibt es noch keine Entwarnung. Viel dürfte davon abhängen, ob "ein zweiter Lockdown" vermieden werden kann, der massive Folgen haben würde.

"Ein umfassender Lockdown wie im Frühjahr wäre für die deutsche Wirtschaft eine Katastrophe", warnt der Vizechef der Dresdner Ifo-Niederlassung, Joachim Ragnitz. "Das würde nicht nur die Rezession bis weit ins nächste Jahr hinein verlängern, sondern wohl auch dazu führen, dass viele Unternehmen, die heute noch gerade so überleben können, dann schließen müssten." Das aktuelle Infektionsgeschehen deute aber nicht darauf hin, dass eine solche restriktive Maßnahme nochmals nötig werden könnte.

Auch Oliver Holtemöller, Vizepräsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), hält einen flächendeckenden Lockdown für unwahrscheinlich: "Wir gehen davon aus, dass die Epidemie mit gezielten, regionalen Eindämmungsmaßnahmen in Schach gehalten werden kann", sagte er am Dienstag der "Freien Presse".

Das Vorkrisenniveau wird laut IWH erst wieder 2022 erreicht werden können, während Ifo dies auch schon 2021 für möglich hält. Minister Altmaier hob derweil die stabilisierte Inlandsnachfrage hervor und verwies dazu auf die vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer.

Laut einer von ihm präsentierten neuen "Zwischenprognose" wird beim Bruttoinlandsprodukt für dieses Jahr ein Minus von nur noch 5,8 Prozent (April: 6,3 Prozent) erwartet - was immer noch der schwerste Einbruch der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte wäre. Dafür soll das Wachstum 2021 nur noch bei 4,4 statt 5,2 Prozent liegen. fp/dpa

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