Nahe am Schmelztiegel der Sprache

Das Erzgebirge ist einzig - auch wegen der Sprache. "Freie Presse" und Erzgebirgsverein schauen dem Volk aufs Maul. Heute: Der Olbernhauer Christfried Seidel. Er sammelt nicht nur Bergbaugegenstände.

Olbernhau.

Die erzgebirgische Mundart ist eine aus verschiedenen Kulturräumen gespeiste und noch heute die Bergbauregionen verbindende Sprache. Das sagt Christfried Seidel. Einst als von der Pike auf gelernter Steiger unter Tage tätig und später als studierter Produktionsplaner im Bergbaukombinat Albert Funk Freiberg beruflich aktiv, kennt der 82-Jährige die Arbeitswelt und das kulturell-soziale Lebensumfeld der Bergleute. "Und da gehört die Sprache in ureigenster Weise genauso dazu, wie markante Bräuche und Sitten", so der Niederneuschönberger. "Dabei wurde bei uns in Neischimmersch am Buttermilchbach an der Grenze von Sachsen (heute Stadt Olbernhau) eigentlich nie ein spezieller Zungenschlag gepflegt", erinnert sich Christfried Seidel an seine Jugendzeit. "Meine frühen Erlebnisse mit Erzgebirgisch sind jene Lieder und Gedichte von Anton Günther, Max Nacke, Hans Soph und anderen, die in der Familie gerade zur Weihnachtszeit gesungen und deklamiert wurden."

Doch mit dem beruflichen Werdegang näherte sich der Absolvent der ABF Freiberg und der Berg- und Hütteningenieurschule Eisleben auch der Thematik Mundart. "Alles kommt vom Bergbau her - das trifft auch auf sprachliche Eigenheiten zu", so der agile Erzgebirger. "Im 12. Jahrhundert ging von Freiberg das Berggeschrei aus und aus allen deutschen Landen kamen Menschen, um hier Arbeit und Brot zu finden. 300 Jahre später waren es Silberfunde im Erzgebirge, die ein zweites Berggeschrei ertönen ließen. Wieder kamen Bergleute aus Franken und aus dem Harz. Sie alle brachten ihre Sprache, Sitten und Gebräuche mit", so der frühere Schichtsteiger. "Der Bergbau ist wie kein anderer Berufszweig ein Schmelztiegel des Verstehens und Vereinens. So entstand die erzgebirgische Mundart, die wir heute pflegen und fortsetzen. Die Bergleute waren einst die tragenden Kräfte in den Dörfern. Und auch da wurde schon von Grube zu Grube anders gesprochen. Als die Ausbeute erloschen war, mussten die einen sich neue Erwerbszweige suchen, andere zogen nach Generationen in ihre frühere Heimat zurück und nahmen auch Sprachelemente mit", sagt Christfried Seidel, der ungezählte Zeitdokumente studiert hat, Nachforschungen anstellt und Schriftkontakt mit Bergleuten in unterschiedlichen Revieren pflegt.

Längst hat er die Musik und die Literatur als Ausgleich zu einem einst fordernden Berufsalltag für sich erschlossen. "Ich schreibe Gedichte und verfasse Liedtexte", so Christfried Seidel. Wenn er nachts nicht schlafen könne, liege immer ein Notizbüchlein bereit, um spontane Gedanken festzuhalten. Er schätzt die Literatur und konstatiert, dass das Reimen helfe, das Herz in Versen auszuschütten. "Der Bergmann ist ein Beruf mit Berufung", sagt er und zeigt sich überzeugt, dass ein jeder Untertagearbeiter - im Stollen den mächtigen Naturgegebenheiten gegenüberstehend - auf seine Weise gläubig ist und ein Gebrauchs-Christentum pflege, welches Mut machte.

Nicht nur seiner Ehefrau hält er im 59. Jahr die Treue, seit 72 Jahren engagiert er sich im Chorgesang, ist aus seiner Neuapostolischen Kirchgemeinde der Stadt der Sieben Täler ebenso wenig wegzudenken, wie aus dem hiesigen Erzgebirgszweigverein. Mit Ausweisnummer 03 zählt er zu den Akteuren, die die frühere Interessengemeinschaft 1993 wieder neu gründeten und maßgeblich an deren inhaltlicher Orientierung mitgearbeitet haben. Angeregt von historisch belegten Forschungsarbeiten und TV-Beiträgen, die die enge Verbindung von erzgebirgischen und Oberharzer Bergbau nachweisen, nahm er in den 1990er- Jahren Kontakt zu jener Bergbauregion auf und begann die Mundartverwandtschaft in den Harz zu pflegen. "Erstaunlich und bewegend war für mich, im Bereich Clausthal-Zellerfeld in einer Mundartoase fachspezifische Begriffe und sprachliche Eigenheiten zu finden, die wie im Erzgebirge verwendet werden", erklärt Seidel.

Mit einer Portion Sorge verfolgt der bodenständige, weit gereiste Bergmann die Internationalisierung der Wirtschaftsprozesse, aber auch die weltumspannenden verschmelzenden kulturellen Ereignisse. "Damit gehen regionale Eigenheiten immer mehr verloren. Und auch auf die Sprache hat dies Einfluss." In einer Hinsicht hat der Vater und Opa für sich eine klare Definition getroffen: Erzgebirger sind hier geboren, Erzgebirgler wohnen hier.

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