Heller Kopf mit genialen Ideen

Ein Gedenkstein im Klingenthaler Tierpark erinnert an Julius Berthold, der sich vor 150 Jahren daran machte, die Harmonikaindustrie zu revolutionieren.

Klingenthal.

Besucher des Klingenthaler Tierparks werden ihn vielleicht entdeckt haben, den Stein, der an Julius Berthold erinnert. 1927 hatte der Mann, der die Harmonikaindustrie maßgeblich prägte, der Stadt Klingenthal ein Areal auf der Alberthöhe geschenkt. Ab 1930 veranstaltete dort das Klingenthaler Stadtorchester unter Leitung von Ernst Uebel die ersten Konzerte mit Unterhaltungsmusik. Seit 1963 hat dort der Tierpark sein Domizil.

Julius Berthold ist eine Schlüsselfigur für den Aufschwung der Klingenthaler Harmonikaindustrie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Der junge Mann, der in Chemnitzer Maschinenfabriken als Eisengießer, Schlosser und Maschinenbauer gearbeitet hatte, war 1866 nach Klingenthal gekommen. "Ich hatte eigentlich nichts als meine geschickten Hände und meine Augen mitgebracht", soll er einmal gesagt haben. In Klingenthal steigt er zunächst 1867 als Partner in eine Schmiede ein, die ihr Domizil in Brunndöbra hatte. 1870 trennte Berthold sich von seinem Partner und begann mit dem Aufbau eines Spezialunternehmens, das vor allem dem Harmonikabau den Weg vom Handwerk zur Industrie ebnete.

Der Wissenschaftler Gotthard Richter schreibt dazu: "Als erstes veränderte Berthold die zahlreichen Hand- und Fußstanzen, mit denen Stimmplatten aus Zink- und Messingtafeln und die Tonzungen aus Messingblech getrennt wurden und konstruierte effektivere und leichter zu handhabende Hebelpressen."

Berthold beschränkte sich nicht nur auf die Harmonikabranche und auf Klingenthal. Bereits ab 1870 belieferte er die Blechblashersteller in Graslitz, ab 1872 hatte er Kunden in Warschau und St. Petersburg.

Als wichtigste Erfindung für die Harmonikabranche gilt die Stimmfräsmaschine. Die erste dieser Art, damals noch mit Wasserkraft betrieben, wurde am 17. August 1878 an die Firma Ernst Leiterd in Brunn- döbra geliefert. Vorher hatten die Tonzungen in Handarbeit so lange bearbeitet werden müssen, bis sie den gewünschten Ton von sich gaben. Von der Maschine wurde n innerhalb von 15 Jahren rund 120 Stück in ganz Europa verkauft.

1880 erfolgte der Neubau der Fabrik an der heutigen Talstraße, in dem 40 Arbeiter tätig waren. Bereits 1886 war eine Erweiterung nötig. 1897 trat der Ingenieur William Tau als Teilhaber in die Firma ein, die er dann 1902 allein übernahm.

Julius Berthold verlor in der Nachkriegsinflation 1923 fast sein gesamtes Vermögen. Er starb am 26. Januar 1934 in Klingenthal, wenige Tage vor seinem 89. Geburtstag.


Wichtigste Erfindungen

1870 Herstellung der ersten Plattenstanzen und -pressen für die Harmonikaindustrie sowie der ersten Tafelscheren aus Gusseisen.

1876 Entwicklung von Scheren, Stanzen und Pressen für die Herstellung von Musikspielwaren.

1878 Bau der ersten Stimmplattenfräsmaschine, die noch mit Wasserkraft betrieben wurde.

1881 Erste Plattenstanzmaschine sowie erste Maschinen für die Bürstenindustrie in Schönheide.

1884 Erste mechanische Musikwerke, darunter eine Notenstanzmaschine.

1889 Revolverbohrmaschine für medizinische Zwecke.

1893 Erste 10-fach Stanzmaschine für Spieldosen und Notenblätter für Musikautomaten.

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