Premiere im Annaberger Theater: Und es duftet lecker nach Kartoffelsuppe

Wüster Küchendisput im Annaberger Theater: Eine Hartz-IV-WG kocht, singt, bittet zu Tisch und hat am Ende auch noch eine Überraschung.

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11 Kommentare

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    Balubeerpilot
    16.01.2018

    Alternativrezension:BLAUBEERPILOT 2018

    " Kartoffelsuppe mit Band "
    Eduard von Winterstein Theater Premiere Freitag 12.01.2018

    Wie bin Ich bloß hier hergekommen? Zum Casting einer Arbeitsagentur?
    Achja über den Flyer des Stücks.

    Schick gekleidete junge Darsteller posierend vor dem sogenannten Arsch von Annaberg
    in Ihrer Ausstrahlung selbstbewusst, zielstrebig in die Ferne blickend-durchaus seriöse und rein äußerlich leicht zu vermittelbares Klientel für die Arbeitsagentur.

    Doch was sie dann auf der Studiobühne des Eduard von Wintersteintheaters Annaberg erwartet, ist nun fast ambivalent zum suggerierten Bild des Erfolgs.

    Eine Wohnzimmerküche, spärlich eingerichtet, jedoch mit Klavier und Schminktisch ist
    besetzt mit den 4 Hauptakteuren, die Sie in Ihrer Erscheinung hier kaum wiedererkennen werden. Im sportlich legeren bis abgewrackt schmuddeligen Kleidungsstil präsentieren sich hier die Protagonisten.

    Das Stück beginnt, die Schauspieler greifen nun tief in die Schubladen von Klischees und liefern sich primär Wortgefechte bis weit unter die Gürtellinie des Erträglichen.

    Auf dem Klavier spielt und singt Davina, gespielt von Peggy Einfeldt, zu den verschiedensten Anekdoten der Akteure. Der zweite Teil ihrer Rolle besteht darin, Dialoge mit Komplimenten zu unterbrechen, die weh tun. Dafür wiederum werden von Ihren Mitbewohnern auf die Figur bzw. das Aussehen reduzierte Kommentare erwidert, die sie dann kassiert, und mit einem herzlichen "Fick dich" abrundet.

    Beeindruckend gespielt wird die Rolle des Ronnys von Marvin Thiede.
    Sein Facettenreichtum fließt immer wieder anders stark in die gespielten - sich im Stück wandelnden Charaktere. Er schafft es selbst, sinnentleerte alkoholisierte Lebensrealitäten in romantischem Licht erstrahlen zu lassen. Dennoch versiegt der Glanz aufgrund von Antipathie zur Person mit Ihrer Haltung zum System und anderen Menschen. Diese Haltung drückt sich schmerzhaft intensiv in ihrer Distanzierung aus und wird fixiert mit harten, gefühlslosen, das Gegenüber innerlich fast zerstörenden Dialogen.
    Ein Glück das dieses Gegenüber meist rein fiktiv ist.

    Das Bild, was Kevin, gespielt von Phillip Adam von einem sogenannten Schwulen malt,
    bleibt in seiner Essenz ungefähr so verhaftet.
    Ronny, ein extrovertierter junger Mann, lebt seine Sexualität intensiv und thematisiert diese unentwegt unterschwellig und direkt aus der untersten Schublade heraus.
    Durch die extreme Bildgewalt seines Ausdruckes, zb. " ich hätte den Mund gern mal wieder so richtig voll" wird der Zuschauer in eine besondere Situation gebracht, sich zum Thema Sexualität von homosexuellen zu positionieren und dieses auch tun zu müssen.
    Denn Ronny läuft nicht nur durch das Publikum und nimmt interaktiv Körperkontakt zu Ihnen auf , er zeigt auch selbstbewusst Haut. Dazu spielt Davina am Klavier und singt ein Lied mit dem ungefähren Wortlaut: "wo sind die Männer, bzw. wo ist der Mann, der zu mir passt?"
    Kein Wunder also wäre, wenn Mann (hetero) sich innerlich davon abgrenzt, während sich der Homosexuelle wohl eher angezogen fühlen könnte.
    Dennoch kommen beide nicht besonders gut dabei weg, weil sie im Grunde oberflächlich thematisiert, auf ihr "bestes Stück", reduziert werden. Einen tieferen Einblick in puncto Gleichgeschlechtlichkeit darf man hier also nicht erwarten.

    Die Rolle von Shania gespielt von Jana Burkert verbindet das Stück insgesamt mit einer Prise Liebenswürdigkeit und dazu überspitzt gespielter Dummheit.
    Unreflektiert selbstverliebt, mit mangelnder Allgemeinbildung gibt sie allerlei Vorlagen, die das blauäugige Verhalten jüngere Menschen und Ihre Realitätsbezüge, die sich vornehmlich in der Virtuellen Welt befinden, offenbaren und verdeutlichen.

    Etwas später, nach der nun servierten Kartoffelsuppe die offensichtlich gut angenommen wird, verabschiedet sich das Künstlerquartett.
    Ganz plötzlich sprengen sie ihre Rollen mit geistiger politisch religiöser Substanz, welcher auf die Schnelle fast nicht zu folgen war. Bibelzitate, Religion und Hartz IV gab es also zum Nachtisch to go .

    Die Kartoffelsuppe jedoch bestand vornehmlich aus:

    Denunzierenden Klischeeglutamatcharakteren
    Ausgeschmückten Betunkenrealitäten
    Von Trieben gesteuerten Äußerlichkeiten
    Homophoben Grenzperspektiven
    dazu etwas ?Flach? bis ?Tief? unter der Gürtellinie

    Mit einem Hauch von Mitgefühl
    für alle die,
    die mit diesen Menschen zusammenleben müssen
    bzw. sollten.

    Die Künstlerinnen und Künstler haben es geschafft, die Klischeebilder und tiefen Eigenarten abseits von Fein - und Mitgefühl in groben ausdrucksstarken Dialogen zu verpacken, diese mit Bildern zu schmücken, die Frau bzw. Mann sich nicht an die Wand hängen möchte.
    Gerade deshalb fordert das Stück auf, sich im Nachhinein aktiv von diesen Bildern zu befreien, um den Menschen, die auch nur ansatzweise einigen dieser Klischees entsprechen, offen gegenüberstehen zu können.

    Der auf den ersten Blick erweckte Eindruck durch das Werbematerial -
    für die Vorstellung, kann durchaus mit dem Bild für Erfolg verbunden werden,
    und dennoch entsteht zwischen Text und Bild eine unmittelbare Diskrepanz.
    Genau diese Diskrepanz spiegelte sich im subjektiven Empfinden
    der Darstellung gegenüber wieder, welche wiederum die Sehnsucht
    nach Verbundenheit miteinander entfachte, und ganz vielleicht
    sollte dieses Stück genau das bezwecken . . .

    Blaubeerpilot 2018