Pro und Kontra: "Aufstehen" nötig?

Zur linken Sammlungsbewegung von Sahra Wagenknecht

Pro: Wer das Projekt als Egoprojekt von Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine abtut, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt, meint Dresden-Korrespondent Tino Moritz.

Was ist Oskar Lafontaine von seinen Genossen nicht alles nachgesagt worden, als er 1999 als SPD-Chef und Finanzminister hinschmiss, 2005 aus der Partei austrat und sich bereiterklärte, für eine neue Linke in den Bundestagswahlkampf zu ziehen. Über einen "populistischen Narrenzug" ätzte der damalige Außenminister Joschka Fischer. Wenig später war der Grüne dank der von Lafontaine und Gregor Gysi angeführten Konkurrenz seinen Job los.

Wer den Sumpf trockenlegen will, darf nicht die Frösche um Erlaubnis fragen. Alles, was den Parteispitzen von Linken, SPD und Grünen gerade zu "Aufstehen" einfällt - und das ist hanebüchen wenig - , kommt ziemlich interessengeleitet daher. Dabei belegen alle Umfragen, dass das Projekt Rot-Rot-Grün eine Frischzellenkur dringend nötig hat: Kümmerliche 41 bis 42 Prozent werden derzeit für SPD, Grüne und Linke ausgewiesen. Dass das eines gar nicht so fernen Tages trotz der von der AfD durcheinander geschüttelten Berliner Mehrheitsverhältnisse wieder mehr werden - dieses Ziel darf man Lafontaine und Wagenknecht getrost abnehmen. Na klar soll "Aufstehen" die (linken) Parteien verändern - aber eher mehr als weniger links machen. Grundsätzliche Fragen stellt eben nicht die SPD in der GroKo, sondern "Aufstehen".

Zum Vorwurf taugt auch nicht, dass "Aufstehen" gerade diejenigen ansprechen will, denen als Zeichen ihres Protestes zuletzt nichts Besseres einfiel als die AfD zu wählen. Dass nach Umfragen in Sachsen jeder Vierte nur noch darin einen Ausweg sieht, ist nicht das Verschulden von Lafontaine und Wagenknecht. Wie viele wären es erst, wenn es das weit über die eigenen Blasen hinaus populäre Duo nicht mehr gäbe?

KONTRA: Sahra Wagenknecht ist unglaubwürdig. Denn als es linke Mehrheiten gab, verweigerte sie die Zusammenarbeit, sagt Berlin-Korrespondent Alessandro Peduto.

Die Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht hat einen neuen außerparlamentarischen Nebenjob. Sie ist Anführerin einer von ihr gegründeten Sammlungsbewegung namens "Aufstehen". Mit ihr will Wagenknecht all jene Menschen zusammentrommeln, die sich von den Parteien im Bundestag nicht mehr vertreten fühlen. Zugleich ist Wagenknecht dort seit mehreren Jahren Fraktionschefin. Ein unverbrauchtes Gesicht, das für Neuanfang steht, ist sie somit nicht. Dasselbe gilt für Oskar Lafontaine, einst Vorsitzender und Kanzlerkandidat der SPD, dann Gründer und Chef der Linken, jetzt Mitbegründer von "Aufstehen".

Lafontaine und seine Frau Sahra Wagenknecht wollen einen Politikwechsel. Mal wieder, muss man sagen. Denn das war seinerzeit schon das Ziel der Linken. Doch davon hat sich das Polit-Duo offenbar verabschiedet. Der Aufruf der Bewegung liest sich wie eine Anklage an die etablierte Politik. Nur, die Linke ist inzwischen Teil davon. Von daher wirkt es schizophren, wenn Wagenknecht indirekt einräumt, als Fraktionschefin das politische Plansoll der Linken verfehlt zu haben, um zugleich mit einer linken Sammlungsbewegung Druck auf die Parteien im Bundestag auszuüben. Wagenknecht geht damit in Opposition zu sich selbst. Es wäre konsequent, sich für eine der Rollen zu entscheiden.

Kurios ist auch, dass Wagenknecht den Verlust der rot-rot-grünen Bundestagsmehrheit beklagt. Als es sie gab, pflegten Wagenknecht und Lafontaine größte Distanz vor allem zur SPD. Jetzt die Republik aufzurufen, für linke Mehrheiten zu streiten, wirkt unglaubwürdig. Denn vor allem an diesen beiden Politikern lag es, dass ein solches Projekt nie zustande kam.

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9Kommentare
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    Hinterfragt
    06.09.2018

    Medialer Nachtrag:

    https://www.youtube.com/watch?v=8vFL0QWxugI

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    Hinterfragt
    06.09.2018

    @Freigeist14; "...Heute werden wohl noch die Opfer ihrer Politik der letzten 20 Jahre auch noch verhöhnt..."

    wenn man anderweitig keine Beachtung mehr findet, versucht man es eben so.

    Muss gerade an ein Zitat von Rosa Luxemburg denken, welches ich heute Morgen gelesen habe ...

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    Freigeist14
    06.09.2018

    Der "Vorwärts" steht hier übrigens nur beispielhaft für Mitforisten,die erklären,was alles nicht geht und persönlichen Groll für Allgemeingut halten .

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    Freigeist14
    06.09.2018

    Die SPD-Parteizeitung "Vorwärts" nennt das neue Bündnis eine "Bewegung für Verlierer " . Klar,wenn man sich auf der Seite der Gewinner sehen will ist Häme die zu erwartende Reaktion. Früher wollte die SPD einmal für Verlierer da sein. Heute werden wohl noch die Opfer ihrer Politik der letzten 20 Jahre auch noch verhöhnt. Geordnet in den Untergang.

  • 1
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    Zeitungss
    06.09.2018

    Eines muss man dieser Dame lassen, sie spricht gelegentlich DEUTSCH, was bei den Etablierten keiner mehr kann, will oder darf. Denen fehlen meist die Gegenargumente, was bei Auftritten von Gysi auch schon der Fall war. Lasst sie mal machen, es bringt die eingeschworenen "Vereine" wieder etwas auf Schwung, bevor diese sich NUR NOCH um ihre EIGENE Alterssicherung kümmern. Rot muss man deshalb gleich sein, aber ein kleines Beben ist nicht schlecht.

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    2
    acals
    06.09.2018

    Letzter Absatz Pro weiter oben:

    " ... Zum Vorwurf taugt auch nicht, dass "Aufstehen" gerade diejenigen ansprechen will, denen als Zeichen ihres Protestes zuletzt nichts Besseres einfiel als die AfD zu wählen. Dass nach Umfragen in Sachsen jeder Vierte nur noch darin einen Ausweg sieht, ist nicht das Verschulden von Lafontaine und Wagenknecht. Wie viele wären es erst, wenn es das weit über die eigenen Blasen hinaus populäre Duo nicht mehr gäbe? ... "

    Da impliziert der Pro-Kommentator erneut zielgerichtet: Wenn es das Duo nicht gaebe bestaende durchaus eine Chance das das sogenannte Aufstehen zum stehen kommt, sprich mehr Befuerworter haette. Wem aber die SPD nicht gut genug war und wer sich jenseits dieser profilieren wollte, der glaubt ja nicht allen Ernstes das diese jetzt auch nur im Ansatz auf ihn zugeht ... und genau das ist ihm auch klar und zeigt ein wiederholtes Mal das Kalkuel hinter dieser Aktion. Letztlich ein nachhaltiger Schaden fuer alle die aus innerer Ueberzeugung links sind.

  • 0
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    acals
    06.09.2018

    Selbst der Pro Kommentar führt doch den Sinn des sogenannten Aufstehens als "reductio ad absurdum" vor. Ich kann dazu nur gratulieren - denn das r-r-g "eine Frischzellenkur" braucht ist nun nichts phänomenal Neues. Es zeigt, das die Verwesung weiter fortschreitet.
    Aufstehen greift in auf den Müllhaufen der Geschichte - andere würden von Mottenkiste sprechen - auf dem das entsorgte Experiment zum Sozialismus liegt.

    Dieses zu schreiben ist i.Ü. nicht antisozialistisch - sondern blendet einfach nicht-alzheimerhaft o.a. schizophren gelebte Geschichte aus. Diese gelebte Geschichte bezieht sich ja nicht nur auf einen Teil Deutschlands, nein, sie bezieht sich auf Jahrzehntelange Erfahrungen in einer Hälfte des europäischen Kontinents.


    Ein neues Aufstehen kann erst dann funktionieren, wenn dem alten Experiment bewusst eine Absage erteilt wird wozu auf dieses explizit zu verweisen ist - und wie anstelle dieses alten Experiments vorzugehen wäre.
    Auf diese Beschreibung warte nicht nur ich ...
    Noch leben die Opfer dieses alten Experimentes und sie werden immer wieder ihre Stimme erheben.

  • 3
    3
    supras
    05.09.2018

    Es liegt nicht an der Linken, wenn mit der SPD keine Zusammenarbeit möglich ist. Diese Partei ist nicht mehr sozialdemokratisch, sondern nur noch ein Anhängsel der C-Parteien. Ihre Außenpolitik, insbesondere die Zustimmung zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, z. B. die Beteiligung an den Nato-Manövern an der russischen Grenze, die Zustimmung zur weiteren Aufrüstung und zu Waffenexporten ist für die Linke unannehmbar.
    Es ist zu hoffen, dass die meisten Leser nicht auf die gegenteilige Darstellung des Herrn Preduto hereinfallen.

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    Freigeist14
    05.09.2018

    Herr Peduto sollte seine persönliche Abneige gegen die Bewegung nicht dafür hergeben, Unwahrheiten zu wiederholen.Als es 2005 rechnerisch eine Mehrheit von 51 % im Bundestag gab ,tat die SPD alles um als verlässlicher Juniorpartner der CDU mit Merkel zu koalieren. Es gab nie ernste Absichten,auf die PDS zu zugehen. Im Gegenteil. Und nun soll das Ehepaaar Wagenknecht /Lafontaine schuld haben ? Und dabei wird ihnen noch das Streben nach einem Politikwechsel abgesprochen Was für eine dreiste Verdrehung der Tatsachen .



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