Protest statt Schule: Tausende Schüler bei Demonstrationen

Sie lassen den Unterricht ausfallen und mischen sich ein, denn es geht um ihre Zukunft. In Davos liest eine junge Schwedin Top-Managern und Spitzenpolitikern die Leviten.

Berlin.

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft klaut" - dieser Ruf ist am Freitag in Berlin zu hören. Während die Kohlekommission über den Ausstieg aus dem fossilen Energieträger debattiert, sagen vor dem Bundeswirtschaftsministerium und dann am Kanzleramt Tausende Schüler aus ganz Deutschland der Politik ihre Meinung. Es ist eine fröhliche, friedliche und zugleich kraftvolle Demonstration für den Klimaschutz. Jetzt müsse gehandelt werden, "weil es morgen zu spät ist", sagt eine Sprecherin der Initiative "Fridays for Future" (Freitage für die Zukunft).

Das Bündnis und die Grüne Jugend, die Nachwuchsorganisation der Grünen, haben zu der Demonstration aufgerufen. Junge Leute aus ganz Deutschland reisen an und lassen dafür ihren Unterricht ausfallen. "Wir sind hier richtig viele", freut sich Luisa Neubauer für die Bewegung. Während die Organisatoren von 10.000 Demonstranten berichten, nennt die Polizei eine Teilnehmerzahl im mittleren vierstelligen Bereich. Viele haben selbst gebastelte Plakate dabei.

Ein Mädchen hat einen grünen Regenschirm aufgespannt. Auf dem steht: "There is no planet B" (Es gibt keinen Planeten B). Schülerin Pauline aus Köln sagt: "Ich bin wütend, dass die Bundesregierung unsere Zukunft verspielt." Die 14-jährige Hannah von einem Gymnasium aus Berlin-Friedrichshain findet Umwelt wichtiger als Schule. "Es bringt ja nichts, für eine Zukunft zu lernen, die es nicht gibt." David aus Bielefeld ist als Einziger aus seiner Klasse nach Berlin gefahren. "Kohle muss komplett abgeschafft werden", meint er. Öffentliche Verkehrsmittel sollten kostenlos werden.

Kurz vor Beginn der Demo überbringt eine Schülerdelegation Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ihre Forderung nach einem schnellstmöglichen Kohleausstieg. Danach zeigt sich eine Sprecherin enttäuscht: "Wir haben nicht das Gefühl, dass er verstanden hat, worum es eigentlich geht." Altmaier sagt später, die jungen Leute hätten ihr Engagement "nachdrücklich" gezeigt - und meinte damit die lauten Buh-Rufe. Zu ihm kämen aber auch Menschen, die Angst um ihre Jobs hätten. Er nehme die Proteste ernst, versichert der Minister. In der Hauptstadt ist an diesem Tag die Kohlekommission, die Wege in eine Zukunft ohne diesen Energieträger suchen soll, zu ihrer vielleicht entscheidenden Sitzung zusammengekommen.

Dass Schüler sich einmischen, mitreden wollen und dafür auf die Straße gehen, hat auch mit der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg zu tun. Die 16-Jährige protestiert - statt zur Schule zu gehen - seit Monaten immer freitags gegen den Klimawandel unter dem Motto "Schulstreik fürs Klima" vor dem Reichstag in Stockholm. Am Freitag liest die Schülerin beim Weltwirtschaftsforum in Davos Top-Managern und Spitzenpolitikern die Leviten (siehe Beitrag unten). Schon die bisherigen Aktionen der Aktivistin haben international Beachtung gefunden und auch anderswo Neues angestoßen. Vor einer Woche hatten bereits in mehr als 50 deutschen Städten Tausende Schüler und Studenten nach Thunbergs Vorbild für mehr Klimaschutz demonstriert.

In München gehen am Freitagvormittag rund 3500 Schüler für dieses Anliegen auf die Straße. Die Kundgebung verläuft laut Polizeiangaben friedlich. Die Jugendlichen kommen bereits den zweiten Freitag in Folge zusammen. Nachdem eine Woche zuvor in mehreren bayerischen Städten demonstriert wurde, konzentriert sich der Protest im Freistaat diesmal vor allem auf München.

"Für uns ist selbst unfassbar, wie viele gekommen sind", sagt der Schüler Ludwig Felder. Gemeinsam mit Kameraden hatte er Schüler in ganz Bayern - überwiegend über Whatsapp-Gruppen - zu der Demo in München aufgerufen; angemeldet waren 750 Teilnehmer. Für kommenden Freitag haben die Schüler eine neue Demonstration angekündigt, danach wollen sie laut Felder sehen, wie und wo weiter für den Klimaschutz gekämpft werden kann.

Auch in anderen deutschen Städten demonstrieren die Schüler. Dass die Proteste während der Unterrichtszeiten stattfinden, hat eine Diskussion ausgelöst, ob Schüler für einen solchen Zweck den Unterricht schwänzen dürfen. Ihnen steht offiziell kein Streikrecht zu.

David aus Bielefeld rechnet so auch damit, dass er nach seiner Teilnahme an der Berliner Demonstration am Freitag wahrscheinlich eine 6 fürs Fehlen kassiert. "Das nehm' ich in Kauf."dpa/hr

Klima-Demo entschuldigt Fehlen in der Schule nicht

Wer bei den "Fridays for future" für Klimaschutz demonstriert, verfolgt sicher gute Absichten - es ist aber keine Entschuldigung für das Fehlen in der Schule. "Die Teilnahme an einer Demo rechtfertigt nicht in jedem Fall ein Fernbleiben vom Unterricht", erklärt Wilhelm Achelpöhler, Anwalt für Verwaltungsrecht aus Münster. Da es sich um eine Ordnungswidrigkeit handelt, könne theoretisch ein Bußgeld verhängt werden.

Die Höhe ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich festgelegt, betrage etwa in Nordrhein-Westfalen bis zu 5000 Euro. Achelpöhler ist allerdings kein Beispiel dafür bekannt, dass ein Bußgeld in dieser Höhe jemals verhängt wurde - schon gar nicht für die Teilnahme an einer Demo oder wegen einmaligen Fehlens. Aber auch erzieherische Maßnahmen in der Schule sind möglich. "Das kann zusätzlicher Unterricht sein, eine Verweisung in andere Klassen oder die Benachrichtigung der Eltern."

Der Rechtsanwalt verweist jedoch auf ein Urteil des Verwaltungsgerichts Hannover von 1991. Damals hatten sich Schüler für die Teilnahme an einer zweistündigen Demo gegen den Golfkrieg eine Unterrichtsbefreiung erstritten. Das Gericht hatte die Schulpflicht gegen das Versammlungsrecht abzuwägen. Es entschied, dass durch die Teilnahme an der Demonstration nur verhältnismäßig wenig Unterricht ausfallen würde.

In der Praxis greifen manche Schulleiter eher zu weichen Sanktionen. So könnte den betreffenden Schülern etwa aufgetragen werden, den verpassten Unterricht nachzuholen und zum Beispiel eine Diskussion zum Thema Klimaschutz zu organisieren.dpa

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8Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    2
    BlackSheep
    27.01.2019

    Na ja, ich finde trotzdem Klimaschutz ist kein Fehler, nur sollte er nicht so diletantisch wie in Deutschland und nicht nur in Deutschland angepackt werden.
    Distelblüte und Ralf haben Recht, aber ich sehe es mal optimistisch vielleicht lernt die Jugend ja dadurch das man für seine Interessen kämpfen muss und tut das auch mal, nur hoffentlich beschwert sich dann keiner über die undankbare Jugend der es doch gut geht.

  • 6
    5
    Distelblüte
    26.01.2019

    "Diese Jugend plappert doch nur das nach, was gerade in ist und das grüne Geschwafel ist nun grad mal in. "
    Genau. Das isses. Die Jugend von heute tutnur das, was ihr gesagt wird. Soweit ist es in Deutschland schon gekommen.

  • 8
    6
    ralf66
    26.01.2019

    Diese Jugend plappert doch nur das nach, was gerade in ist und das grüne Geschwafel ist nun grad mal in. Die heutige Jugend, kann doch ohne Strom aus der Steckdose gar nicht mehr existieren, die sollten erst mal an Strom sparen denken und dann versuchen lieber am Unterricht konstruktiv teilzunehmen, als auf der Straße Dinge einzufordern, von denen sie grade mal was läuten, aber nicht zusammenschlagen gehört haben! Noch nichts geleistet für die Gesellschaft, noch nichts erwirtschaftet, aber tüchtig aufmucken, dass ist heutzutage die neue Mode!

  • 4
    5
    Interessierte
    26.01.2019

    Ich hatte mich gestern auch gefragt , wie sie ihren Toaster bedienen wollen ;-)
    Und hier noch paar interessante Beiträge :

    Jänschwalde , 1979 gebaut , mußte den ´westlichen` Umweltschutznormen gerecht werden , welche man sich damals gerade ausgedacht hatte und selbst der Westen noch nicht hatte …
    https://mediathek.rbb-online.de/tv/Brandenburg-aktuell/Ein-Leben-mit-der-Kohle/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=3822126&documentId=59711854

    Diese Pläne sind eben é bissl dooof …
    Aber der Herr Althaus ist ein sehr sympathischer Mann
    https://mediathek.rbb-online.de/tv/Brandenburg-aktuell/Tauziehen-um-den-Kohleausstieg/rbb-Fernsehen/Video?bcastId=3822126&documentId=59711924

    Hier sind noch 2 Beiträge
    https://www.rbb24.de/

    Und hier laut dem „Nachwuchs der Grünen“ …......
    https://www.rbb-online.de/rbbum6/archiv/archiv.html

  • 7
    5
    Interessierte
    26.01.2019

    Ich mich gestern auch gefragt , ob sie sich auch Gedanken darum machen , woher sie mal den Strom nehmen , wenn am liebsten ´morgen` schon alles abgeschaltet wird...
    Also Strom-Heizung-Herd-Kaffeemaschine-Toster-Fernseher-Radio-Laptopp , ans Handy hatte ich da noch gar nicht gedacht .. und die Batterie fürs Auto / Moped ?

    Aber dazu hatten die ´JungenGrünen` aufgerufen , und somit wohl instrumentalisiert , und die werden es schon wissen …

    Meine Ur-Oma hatte noch Kerzen und einen Kaffeefilter und eine Zeitung und einen Holz-Kohle-Kachelofen und Gas , woher auch immer das kommt , aber ganz ohne Kohle ging es eben demnach doch nicht ...

  • 12
    4
    Hinterfragt
    26.01.2019

    Na die Schüler sollten doch mal des Test machen 1 Woche zu überstehen, ohne das Smartphone zu laden...

  • 5
    14
    Blackadder
    26.01.2019

    Lassen Sie mich zusammenfassen: 1000 Rentner in Dresden fürchten sich vor der angeblichen Islamisierung: Normale Bürger deren Ängste wir ernst nehmen müssen.

    Zehntausende Kinder in ganz Europa, die gegen den realen und schon spürbaren Klimawandel demonstrieren: die werden instrumentalisiert!

  • 14
    6
    Tokru
    25.01.2019

    Ich werde den Verdacht nicht los, das hier Kinder instrumentalisiert werden.



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