Kann man das Fahrrad neu erfinden?

Automatikschaltung, Bordcomputer und Bambusrahmen - Experten blicken voraus und klären, ob auch das klassische Zweirad eine Zukunft hat

Kann man das Fahrrad neu erfinden?

Die Zukunft wird auch am Fahrrad nicht spurlos vorübergehen. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland mehr als 73 Millionen Exemplare davon. Dem umweltfreundlichen Verkehrsmittel schreiben Experten große Chancen zu, in den kommenden Jahrzehnten eine noch wichtigere Rolle im Straßenverkehr zu spielen. Jonathan Rebmann hat den Entwicklungen nachgespürt.

Werden wir in 20 Jahren noch mit dem Rad fahren?

Davon ist auszugehen. Für Gunnar Fehlau vom Pressedienst-Fahrrad ist das Zweirad die Antwort auf Probleme wie überfüllte Straßen, Feinstaubbelastung und Bewegungsmangel des Menschen. Für die Verstopfung der Innenstädte sind vor allem parkende Autos verantwortlich, meint der 45-jährige Geschäftsführer. Studien zufolge stehen Autos durchschnittlich 23 Stunden pro Tag still. Auch Sven Lißner ist von der Zukunft des Fahrrads überzeugt. Der wissenschaftliche Mitarbeiter an der Technischen Universität Dresden forscht seit vier Jahren zu dem Thema. "Das klassische Fahrrad wird weiter neben dem Elektrofahrrad existieren", sagt der 32-Jährige. Das Rad ohne Motor punkte durch Einfachheit und vermittle ein Gefühl von Freiheit, da dessen Fahrer alles selbst reparieren könnten und keinen Akku aufladen müssten. Bei Problemen mit einem E-Bike bedürfe es dagegen eher eines Fachhändlers.

Ist das Fahrrad schon fertig entwickelt?

Hier sind sich die Experten uneins. "Das Fahrrad hat gegenüber dem Auto aufgeholt", sagt Fehlau. Fertig entwickelt sei es aber noch lange nicht. Die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte bei Schaltung, Bremsen, Licht und nicht zuletzt Antrieb zeigten, dass es weitergehe. So werde etwa auch am Design experimentiert. "Für jeden Lifestyle soll es ein Fahrrad geben", resümiert er. Während das Rad früher vor allem funktionieren musste, achteten Käufer heute mehr auf ein schönes Design oder umweltfreundliche Herstellung und Materialien. Seit einigen Jahren werden in Deutschland etwa Modelle verkauft, deren Rahmen aus Bambus hergestellt werden. Lißner dagegen erwartet keine großen Entwicklungssprünge. Seit der Erfindung von Elektroantrieb und Carbonrahmen habe es keine wesentlichen Neuerungen mehr gegeben.

Wie verändert die Digitalisierung das Zweirad?

Selbstfahrende Autos sind derzeit in aller Munde. Doch beim Fahrrad sind die Experten zurückhaltend. Ein autonom gesteuertes Fahrrad hält Lißner für abwegig. "Es ist zu sehr vom Fahrer abhängig, der das Gleichgewicht halten muss", erläutert er. Auch werde das Zweirad nicht zwangsläufig mit autonomen Fahrzeugen kommunizieren müssen, um erkannt zu werden - ebenso wenig wie Fußgänger. Fehlau hält eine automatische Schaltung der Gänge für möglich. "Vielleicht steuern wir unser Fahrrad dann teilweise mithilfe einer App", sagt er. Seiner Einschätzung nach vermittle aber auch ein analoges Fahrrad einen gewissen Charme der Freiheit in einer digitalisierten Welt. Die werde auch das Fahrrad erfassen. Denn sollte es zukünftig mehr Fahrräder auf den Straßen geben, seien mehr Regeln notwendig, erklärt Fehlau. Lißner verweist auf Entwicklungen in der Fahrradstadt Kopenhagen. Dort mussten für die vielen Radfahrer Verkehrsleittafeln installiert werden, um Staus auf den Radwegen zu verhindern.

Was sind die aktuellen Entwicklungstrends?

Das Bewusstsein für sportliche Betätigung, Gesundheit und körperliche Fitness spiele eine zunehmende Rolle, ist Tamara Winograd überzeugt. Sie leitet bei der Bosch-Abteilung E-Bikes den Bereich Marketing und Kommunikation. Um die eigene Fitness überwachen zu können, werden Fahrräder mit Bordcomputern ausgestattet. Diese sollen zukünftig etwa mit einem Pulsmesser gekoppelt werden. Außerdem dienen die Geräte der Navigation, der Telefonie, als Zugang zum Internet - und man kann damit Musik abspielen.

Haben die Akkus von E-Bikes künftig mehr Ausdauer?

"Ist das überhaupt noch nötig?", fragt Sven Lißner. Die inzwischen übliche Reichweite von etwa 70 bis 90 Kilometern sei für normale Tagestouren genug, wenn der Fahrer den Akku nachts aufladen kann. Nicht bei der Leistung, aber beim Gewicht sieht der Wissenschaftler deshalb Entwicklungspotenzial. Pedelecs seien aufgrund des Akkus im Vergleich zum klassischen Fahrrad noch recht schwer - und der Transport vom Keller zur Straße daher meist mühsam. Ein anderes Thema beim Akku ist die Ladezeit. In den Labors von Bosch wurde ein Ladegerät entwickelt, mit dessen Hilfe der Akku innerhalb von drei Stunden wieder voll aufgeladen werden kann. Auch Modelle mit zwei gekoppelten Akkus sind im Handel. Damit lässt sich die Reichweite verdoppeln.

Wie werden Zweiräder zukünftig aussehen?

Bei Bosch sind die Entwickler der Überzeugung, dass es zwei gegensätzliche Trends gibt: Zum einen werde es zukünftig Pedelecs geben, die sich kaum mehr vom traditionellen Fahrrad unterscheiden. Dazu wird der Akku in den Rahmen eingebaut, sodass er von außen nicht mehr sichtbar ist. "Andererseits wird es auch Modelle geben, die ganz klar als solche identifizierbar sind", blickt Tamara Winograd voraus. Während mancher lieber schlicht unterwegs sei, wollten andere E-Biker bewusst als solche wahrgenommen werden.

Welche Rolle spielt das Fahrrad dann auf dem täglichen Weg zur Arbeit?

Unter Pendlern gebe es den Trend, die sogenannte letzte Meile auf dem Weg zur Arbeit mit einem Faltrad zurückzulegen. Da sind sich Lißner und Fehlau einig. Das Gefährt mit meist kleineren Rädern - auch als Klapprad bekannt - kann so zusammengefaltet werden, dass es in eine Tasche passt. Das könne dann nach der Bahnfahrt ausgepackt werden, um zur Arbeitsstelle zu radeln. In der Regel seien Falträder 30 Prozent teurer, sagt Fehlau. Inzwischen würden diese auch mit Elektroantrieb ausgestattet.

Welche anderen Formen von Rädern werden bald relevant sein?

Großes Entwicklungspotenzial machen Experten beim Lastenfahrrad aus. Dieses habe durch die Ausstattung mit einem Akku deutlich mehr Möglichkeiten. Fehlau nennt ein paar Beispiele: So werde das Elektrolastenrad bereits in der Logistikbranche eingesetzt. "Auch als Familienmobil ist es geeignet", erklärt der Fahrradexperte. So könne eine Mutter etwa ihr Kind mitsamt dem Einkauf damit transportieren. Seit März dieses Jahres fördert das Bundesumweltministerium den Einsatz dieser Fahrzeuge. Auch einige Städte haben Förderprogramme aufgelegt. Manche Hersteller setzen beim Lastenrad auf den Einsatz von Brennstoffzellen, die eine höhere Reichweite haben als die klassische Lithium-Ionen-Batterie.

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