Schönheitswettbewerb für alte Autos

Werner Zinke aus Zwönitz restauriert seit Jahrzehnten Oldtimer. Am Sonntag lädt er zum "Concours d'Élégance" ins Elbtal ein.

Behutsam öffnet Werner Zinke die hinten angeschlagene "Selbstmördertür" des Horch 853 und lässt sich hinters Steuer sinken. Doch, das ist ein guter Platz fürs Interview. Während er die gestellten Fragen beantwortet, ergreift der 75-Jährige immer wieder den Lenkradkranz oder legt seine Hand auf den Knauf des Schalthebels. Sich in die Details solcher Fahrzeuge zu vertiefen, sei "spannender als jeder Krimi", sagt Zinke und lächelt.

Es gibt vermutlich wenige Menschen, die so viel über alte Horchs wissen wie der Herr im grauen Sakko. Schon zu DDR-Zeiten schraubte der gelernte Elektriker leidenschaftlich gern an schrottreifen Raritäten. "Der erste war ein Opel P4", sagt Sohn Falk, 49. "Den hat er dann in den 1960er-Jahren gegen einen Brennabor von 1923 eingetauscht." Kurz nach der Wende machte Zinke senior sein Hobby dann zum Broterwerb: Im heimischen Zwönitz gründete er eine Restaurationswerkstatt. Der Familienbetrieb hat heute 54 Beschäftigte und gilt europaweit als Top-Adresse vor allem für alte Horch-Modelle. Wartezeit für eine Komplettrestaurierung: etwa drei Jahre. Auch der blausilberne 853er, in dem Zinke gerade sitzt, hat einst im Erzgebirge gestanden, um in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengebaut zu werden.

Das Sportcabriolet von 1937 gilt als eines der Erfolgsmodelle aus dem Zwickauer Horch-Werk. Angetrieben von einem Achtzylindermotor mit fast fünf Litern Hubraum, schaffte der Koloss für damalige Verhältnisse enorme 135 Stundenkilometer. Allerdings war auch sein Preis exorbitant. "So ein Auto hat damals so viel gekostet wie eine Villa", sagt Werner Zinke. Heute gehört der Wagen zum Fuhrpark von Prof. Dr. Hans J. Naumann. Der Inhaber des in Chemnitz ansässigen Maschinenbauunternehmens Niles-Simmons hat den Oldtimer 2006 gekauft.

Wer den Wagen aus der Nähe betrachten will, kann das am Sonntag in Radebeul tun. Beim "Concours d'Élégance" auf Schloss Wackerbarth bieten die Veranstalter 50 ausgewählten, teilweise extrem seltenen und teuren Oldtimern ein Podium. Darunter seien Raritäten, nach denen sich auch die Veranstalter größerer Oldtimertreffen die Finger lecken würden, sagt Zinke. Er hat seine Kontakte spielen lassen, um spektakuläre Autos aufzutreiben. Selbst während des Interviews klingelt sein Handy. "Vielen Dank für den Rückruf", meldet er sich. "Ich wollte wissen, ob Sie am Wochenende dabei sind!?"

Wegen des 150. Geburtstages von Firmengründer August Horch werden Fahrzeuge der sächsischen Traditionsmarke stark beim 2018er Concours vertreten sein. So rollt beispielsweise der Prototyp eines 855 Special Roadster an. Von diesem Horch gibt es weltweit nur noch ein einziges Exemplar mit Werkskarosserie. Auch ein 951A, das größte und luxuriöseste Horch-Modell, ist angekündigt. Superlative bietet ein Mercedes 540 K von 1937: Roadster-Versionen dieses Typs bringen bei Auktionen Millionensummen ein.

Alte Autos als Geldanlage? Das könne, müsse aber nicht funktionieren, sagt Werner Zinke. "Bei den Vorkriegsmodellen sind die Wertzuwächse schon immer relativ klein gewesen. Dafür waren sie sicher." Anders sei es bei den Baujahren nach 1945: Dort gebe es viel Auf und Ab - je nachdem, welche Marken gerade in Mode sind. Um einige Porsches und Ferraris habe sich ein regelrechter Hype entwickelt.

Bei anderen Nachkriegsautos geht der Trend gar nicht so eindeutig aufwärts. Das bestätigt auch der Branchenverband VDA. Dessen Oldtimer-Index für gängige Klassiker aus den Jahren 1951 bis 1988 weist für 2017 eine durchschnittliche Preissteigerung von 1,4 Prozent aus - weniger als die Inflationsrate. Nur mit Blick auf die mögliche Rendite sollten Neueinsteiger dieses Hobby besser nicht betreiben, sagt Werner Zinke. "Es braucht Enthusiasmus." Ebenso wichtig sei technischer Sachverstand, ergänzt Sohn Falk. "Reinsetzen, Schlüssel drehen, losfahren - das geht bei einem Vorkriegsfahrzeug nicht." Oft müsse der Besitzer erst mal einen halben Tag auf Fehlersuche gehen, ehe das Vehikel wieder anspringt.

Auch Fahren will gelernt sein. Um den Horch 853 zu lenken, sind kräftige Arme gefragt. Zudem müsse der Fahrer notfalls mit vollem Gewicht in die Bremsen steigen, um den 2,4-Tonner zum Stehen zu bringen, sagt Hans J. Naumann. Was den 83-Jährigen aber nicht abhält, bei Rallyes wie der "Sachsen Classic" an den Start zu gehen.

Als Hobby nur für Gutbetuchte will Werner Zinke die Oldtimer-Liebhaberei trotzdem nicht verstanden wissen. Es müsse ja nicht unbedingt ein Horch sein. Talentierte Schrauber könnten sich stattdessen an einem Opel P4 versuchen, sagt er. Mit Vorliebe erzählt er die Geschichte vom "Concours" vor drei Jahren, als die Zuschauer einen T75-Roadster von Tatra zum zweitschönsten seiner Kategorie wählten. Ein Mittelklassewagen, der den Nobelschlitten die Schau stiehlt: Solche Anekdoten sind nach Zinkes Geschmack.

Fakt ist jedoch: Wer nicht selbst schraubt, sondern das Restaurieren Profis überlässt, braucht ein finanzielles Polster. Es lässt sich leicht abschätzen, wie viel Geld ein Auto verschlingt, wenn Handwerker mehrere Tausend Stunden an ihm arbeiten. Im Horch 853 von Hans J. Naumann stecken um die 3000 Arbeitsstunden. Vom Verkaufserlös des Wagens ließe sich also auch heute ein hübsches Haus kaufen. Wenn er denn zu verkaufen wäre.

Zwei Fragen solle man einem Oldtimer-Fan besser nie stellen, sagt Niles-Simmons-Fuhrparkmanager Ronny Dienelt: "Was verbraucht der?" Und: "Was kostet der?"

Der Concours d'Élégance auf Schloss Wackerbarth (01445 Radebeul, Wackerbarthstraße 1) findet am Sonntag 10-18 Uhr statt. Eintritt für Erwachsene zehn Euro, Kinder (bis 16 Jahre) frei.

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