Benutzen statt besitzen

Das Aus- und Verleihen wird immer populärer. Kleine Läden und große Händler sorgen für immer mehr Angebote.

Wer den Leihladen im Leipziger Stadtteil Plagwitz betritt, der hat zunächst den Eindruck, in einem gut bestückten Second-Hand-Shop zu stehen. Bohrmaschinen, Tennisschläger und Zelte liegen in den Regalen. Kaufen kann man diese Dinge allerdings nicht, dafür aber für einige Tage oder Wochen ausleihen. Solche Leihläden sind in den vergangenen Jahren in Städten wie Berlin, Wien, Bochum, Heidelberg oder in Eberswalde entstanden. In Dresden-Johannstadt ist ab Anfang kommenden Jahres ebenfalls ein Leihladen geplant.

Die Leipziger Dependance besteht bereits seit 2016, gegründet hat sie Lars Frost. "Unser Motto lautet ,benutzen statt besitzen'. Man kauft viel zu viele Sachen, die dann nur zu Hause rumliegen", sagt der 40-Jährige und erklärt das am Beispiel einer Bohrmaschine. "Rechnet man alle Bohrzeiten zusammen, kommt sie in ihrer gesamten Lebenszeit im Durchschnitt nur acht bis zehn Minuten zum Einsatz."

Sein ehrenamtlich geführter Laden hat momentan 55 Mitglieder, die sich insgesamt 350 Gegenstände gegenseitig ausleihen. Jeder zahlt dafür eine Jahresgebühr zwischen 24 und 36 Euro und muss einen Gegenstand einbringen. Geht beim Ausleihen etwas kaputt - was sehr selten vorkomme -, wird das Problem in einem ebenfalls ehrenamtlich betriebenen Reparaturcafé wieder in Ordnung gebracht. Lars Frost gibt aber zu, dass die bisherigen Nutzerzahlen des Leihladens noch gering sind. "Das Selber-alles-besitzen-müssen steckt noch tief in vielen Köpfen. Da sind andere Länder schon weiter", sagt er.

Die Idee für solche Ausleihstützpunkte hatte der Berliner Nikolai Wolfert, der dort einen Leihladen betreibt. "Ich habe vor zehn Jahren an der TU Berlin studiert. Dort gab es einen Umsonstladen. Mich überraschte, welche immensen Berge an Gegenständen Menschen verschenken oder einfach weitergeben", sagt er. "Da ich es nicht gut fand, dass die besten Dinge sehr schnell wieder mitgenommen wurden, entwickelte ich die Idee, dass die eingebrachten Dinge allen zur Verfügung stehen."

Um Leihläden und ähnliche Projekte zu stärken, arbeitet Nikolai Wolfert mit Partnern gerade an der App cosum.de. Damit können Haus- und Bürogemeinschaften oder Freundeskreise Teil-Plattformen im Internet aufbauen. Die App wird vom Bundesumweltministerium gefördert.

Generell ist die gemeinsame Nutzung von Gegenständen in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden - angefangen beim Ausleihen von Fahrrädern über Carsharing bis hin zum Angebot des Leihladens. Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann nennt drei Gründe, die die Kultur des Teilens vorantreiben: Durch das Medium Internet sei es wesentlich unkomplizierter geworden, eine Community dafür aufzubauen. Es sei zudem ökonomisch sinnvoll, sich nicht alles selbst kaufen zu müssen. Und drittens sei das gemeinsame Nutzen von Dingen mittlerweile ein populäres Statement.

Leihen funktioniert aber nicht nur gegenseitig. Auch Handelsketten bieten diesen Service an. Beispielsweise verschickt der Kaffeeröster Tchibo mit seinem Angebot Tchibo Share seit Anfang des Jahres Babykleidung nach ganz Deutschland. Da gibt es einen Langarm-Body für 60 Cent pro Monat oder einen Overall ab 3,60 Euro. Bestellungen ab 15 Euro sind versandkostenfrei, ansonsten fallen 1,99 Euro Porto an.

Wenn die Kleidung nach der Nutzung Schäden aufweist, ist das kein Problem. Ob kleine Löcher oder Tomatenflecke, die Sachen werden so zurückgenommen. "Das ist bei Kindern verständlich. Wir haben das versichert", sagt Sandra Croy, Sprecherin für Nachhaltigkeit und Qualität bei Tchibo. Die Stiftung Warentest hatte Tchibo Share kürzlich getestet. Der Service lohnt sich demnach eher für Eltern von Neugeborenen und für Schwangere, die Umstandsmode oder Kinderkleidung nur für wenige Monate brauchen.

Die Kunden kommen vor allem aus Städten. "Wahrscheinlich haben die Städter mehr Platzprobleme und gute Erfahrungen beispielsweise mit Flohmärkten für Kindersachen gemacht", sagt Sandra Coy. Im Unternehmen sei man mit der bisherigen Entwicklung des Verleihservices zufrieden - vor allem mit den Klickzahlen. Gesteigert werden müsse noch die Anzahl der Nutzer, die sich auch wirklich etwas ausleihen. Nach den ersten Erfahrungen wolle man die Angebotspalette ausbauen. In Zukunft soll es beispielsweise mehr größere Kindergrößen geben. Außerdem werde das Sortiment im Winter mit Skianzügen erweitert. Auch Erwachsene hat Tchibo Share stärker im Blick - unter anderem werde über den Verleih von Festagsmode diskutiert, sagt Sandra Coy.

Tchibo übernimmt das Versenden und die Rücknahme der Sachen aber nicht selbst, sondern arbeitet dafür mit dem Magdeburger Unternehmen Relenda zusammen. Relenda betreibt unter dem Namen kilenda.de bereits seit 2014 einen Online-Mietservice für Kleidung, Spielzeug und Kinderausstattung.

Im Bereich Damenmode gibt es in Deutschland bereits mehrere kommerzielle Verleiher. So verschicken Portale wie Kleiderei, Myonbelle und Mudjeans Kleiderpakete in alle Ecken der Republick. Bei Myonbelle beispielsweise kostet die Fashion-Flatrate zwischen 39 und 59 Euro im Monat. Dafür gibt es Pakete mit zwei bis drei Kleidungsstücken und bis zu zwei Accessoires. Die Boxen kann man so oft austauschen, wie man will - bei kostenlosem Hin- und Rückversand. Teure Abendkleider lassen sich dagegen bei Dresscoded oder Chic by Choice ausleihen, für hochwertige Handtaschen von Prada und Gucci gibt es die Internetseite Fashion4aday.

Aber ausgerechnet so etwas Persönliches wie Kleider ausleihen? "Es ist möglich", sagt Karin Frick vom Schweizer Gottlieb-Duttweiler-Institut, die zu den Themen Teilen und Ausleihen geforscht hat. "Wir haben bei unseren Untersuchungen erkannt, dass Stücke, die direkt auf der Haut sitzen, wie Unterwäsche, nicht geteilt werden. Aber bei Hosen, Kleidern, Schals, Jacken und Handtaschen ist das schon etwas anderes", sagt die Wissenschaftlerin.

Wenn sich nun aber immer mehr Deutsche ihre Dinge nur noch ausleihen und damit immer weniger konsumiert wird, ist das dann nicht ein gesellschaftliches Problem? Volkswirtschaftlich entsteht ziemlich sicher kein Schaden, sagt Frederik Plewnia, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre der TU Dresden. Es könne zu einer leichten Verschiebung der Wertschöpfung kommen - weg von materialintensiven Produkten hin zu ressourceneffizienten Dienstleistungen. Die Werte gingen mit dem "vermiedenen Konsum" nicht unbedingt verloren, so Plewnia. "Schließlich ist das Geld, das nicht für Dinge und Produkte ausgegeben wird, erstmal immer noch da und wird eben für andere Dinge ausgegeben. Zum Beispiel für lokale Dienstleistungen, nachhaltigere Produkte, vielleicht aber eben auch für längere Reisen."

 

Verschenken oder tauschen 

Verschenken: Wer über den Chemnitzer Kaßberg oder durch die Dresdner Neustadt spaziert, findet oft Kisten mit Geschirr oder anderen Gegenständen und einem Zettel: "Zu verschenken". In Dresden gibt es einen Umsonstladen an der Alaunstraße 68, in Chemnitz an der Leipziger Straße im "Kompott". Eine virtuelle Variante sind Facebookgruppen. In Chemnitz gibt es beispielsweise die Seite "Verschenks Chemnitz". Auch bei ebay-Kleinanzeigen findet man unter "zu Verschenken & Tauschen" für die jeweilige Postleitzahl viele Angebote.

Tauschen: In vielen Städten gibt es Kleidertauschparties/-kreisel. Ähnliche Möglichkeiten bietet das Nachbarschaftsportal www.nebenan.de

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