Hungerlöhne für unsere Schuhe

Die Zustände in der Schuhproduktion sind noch schlimmer als bei Textilien. Doch es gibt faire Kaufalternativen.

Fünf Paar Schuhe kauft jeder Bundesbürger im Schnitt pro Jahr, 13 Milliarden Euro geben die Deutschen dafür aus. Doch unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden, weiß kaum ein Konsument. Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften stoßen in den Zulieferfabriken bekannter Schuhmarken in Asien oder Osteuropa immer wieder auf schlimme Zustände. Martina Hahn sprach darüber mit Berndt Hinzmann vom Netzwerk Inkota, das sich für eine gerechtere Welt einsetzt.

Freie Presse: Herr Hinzmann, was haben Ihre Recherchen in Schuhfabriken in Asien und Osteuropa ergeben?

Berndt Hinzmann: Die Zustände dort sind teils noch schlimmer als in der Textilproduktion. Arbeiterinnen und Arbeiter schuften oft ohne offiziellen Arbeitsvertrag für einen Lohn, von dem sie nicht leben können und der mitunter sogar unter dem Mindestlohn des Landes liegt. Sie müssen unzählige Überstunden leisten, viele davon werden nicht einmal bezahlt, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Wer sich gewerkschaftlich engagiert, wird bedroht oder verliert den Job. In Indien wurden uns auch Fälle von Kinderarbeit angezeigt - vor allem bei Heimarbeit. Besonders gravierend sind die Zustände in den Gerbereien. Die heute gängige Gerbung mit Chromsalzen und die giftigen Klebstoffe gefährden die Gesundheit der Arbeiter und auch der Anwohner. Denn die hochtoxischen Stoffe - wie etwa Chrom VI - vergiften Gewässer und Böden und gelangen in Lebensmittel.

Sie kritisieren die niedrigen Löhne. Können Sie dafür Beispiele nennen?

Wer in Indien in der Schuhindustrie arbeitet, bringt im Monat umgerechnet etwa 80 Euro nach Hause - mit Überstunden und bei einer Sechs-Tage-Woche! Für ein existenzsicherndes Einkommen müsste der Lohn dreimal so hoch sein. Auch die Arbeiter, die in osteuropäischen Fabriken wie in Albanien oder Mazedonien einen Großteil unserer Schuhe herstellen, werden mit viel zu niedrigen Löhnen abgespeist. Im EU-Land Rumänien etwa liegt der staatliche Mindestlohn bei rund 400 Euro im Monat. Davon kann keine Familie leben.

Die Schuhbranche weist den Vorwurf, sie zahle Hungerlöhne, zurück - und betont, dass die Löhne dem landesüblichen Niveau entsprechen.

Ja, auf den staatlichen Mindestlohn verweist die Schuhbranche gerne. Dieser mag Investoren aus dem Ausland anlocken. Er reicht aber nicht, den Familien ein existenzsicherndes Leben zu ermöglichen. Sie bekommen trotz der anstrengenden und oft auch gefährlichen Arbeit den mit Abstand geringsten Teil vom Laden-Endpreis: Von einem 120-Euro-Schuh gehen nur etwa 2,50 Euro an die Arbeiter. 45 Euro bleiben beim Einzelhandel und 26 Euro bei der Schuhmarke. Die Branche hat scheinbar noch kein Grundverständnis, was Sorgfaltspflicht im Konkreten bedeutet.

Betrifft das alle Händler und Marken?

Ja, fast alle. Einige Unternehmen wie Adidas oder Deichmann machen zwar hier und da etwas mehr, schulen das Management und teilweise auch die Arbeiter und führen Audits vor Ort durch. Doch ich sehe keinen gesamtunternehmerischen Ansatz entlang der gesamten Lieferketten.

Was fordern Sie?

Wer gute Qualität und Nachhaltigkeit beansprucht, muss auch glaubhaft Sorgfaltspflicht nachweisen und Risiken abstellen. Dazu müssen Gewerkschaften und die betroffenen Menschen einbezogen werden. Solange das nicht der Fall ist, bleibt jede behauptete Unternehmensverantwortung, mit der sich etliche Unternehmen brüsten, reine PR. Die Schuhbranche hat da mehr Nachholbedarf als Textil und Bekleidung.

Mangels Druck?

Ja, auch mangels Druck und eines konsequenten Ansatzes. Bundesentwicklungsminister Müller fordert zwar faire Arbeitsbedingungen, die deutsche Unternehmen der gesamten Textilbranche auch im Ausland sicherstellen sollen - und droht, dies per Gesetz durchzusetzen. Doch solange der politische Rahmen erlaubt, dass Firmen externe Kosten wie etwa die Schäden durch Giftschlämme im Ausland nicht einkalkulieren müssen, werden Preisdumping und Vergiftung von Mensch und Natur weitergehen. Ein Schuh oder ein Kleid dürften nicht auf dem EU-Markt zugelassen sein, solange diese Verbrechen daran kleben!

Kann mehr Verbraucherdruck helfen?

Öffentlicher Druck kann etwas bewegen. Allerdings sind viele Verbraucher nicht bereit, den wahren Preis des Schuhs zu bezahlen. Seitens der Händler und Marken wird als Ausrede genutzt, dass die breite Masse für ein Paar Schuhe selten mehr als 20 oder 30 Euro ausgibt.

Worauf können Verbraucher achten?

Leider gibt es keine Gütezeichen für den sozial "sauberen" Schuh. Auch der Hinweis "Made in" sagt nichts aus, denn die teuren europäischen Anbieter lagern ganz viel nach Südosteuropa aus. Und dort arbeiten oftmals Einheimische und Migranten unter erbärmlichen Bedingungen.

Berndt Hinzmann ist Referent für Kleidung, Schuhe und Leder bei der Berliner Organisation Inkota. Seit Jahren beschäftigt er sich mit den Missständen in der Modeindustrie. Außerdem ist Hinzmann Mitglied der Kampagne Change Your Shoes.

Es geht auch fair

Fair erzeugte Schuhe gibt es bei: ethletic.com, fairrubber.org, veja-store.com, solerebels.com, karma-classics.de, guttasoles.com, aliceandwhittles.com, Unipolar Dresden und in ausgesuchten Weltläden.

Studien: In "Gute Güte" vergleichen die NGOs Inkota und Südwindinstitut Siegel und Business-Initiativen aus dem Schuh- und Ledersektor. Download unter: www.inkota.de

Zu unserer Serie: Fair einkaufen

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...