Umweltfrevel und Dumpinglöhne - die schmutzige Kehrseite des Smartphone-Baus

In vielen Handys steckt nicht nur moderne Sklaverei. Es werden dafür auch Wälder abgeholzt und Flüsse vergiftet.

Sauber und innovativ - so präsentieren sich Apple, Samsung, Huawei und Co. gerne. Doch das Image der Konzerne hat Kratzer bekommen. Es passt so gar nicht in das Bild, das sich Vertreter von Menschenrechtsorganisationen wie Weed, China Labor Watch oder Germanwatch in Fabrikhallen chinesischer Zulieferer seit Jahren machen: Dort bauen Arbeiter, meist junge Frauen und Männer, für Dumpinglöhne und unter harten Bedingungen täglich zehn bis zwölf Stunden Smartphones, Tablets oder Spielkonsolen für die großen Elektronikhersteller.

Beispiel Apple: In den Zulieferfabriken des wertvollsten Unternehmens der Welt machten Arbeiter 2018 in der Regel mehr als 90 Überstunden pro Monat. Einige mussten sogar bis zu 136 Überstunden leisten, viele davon blieben unbezahlt, kritisiert China Labor Watch, kurz CLW. Seit 2011 nimmt die NGO mit Sitz in New York die Lieferkette der großen Elektronikkonzerne unter die Lupe und kämpft für bessere Arbeitsbedingungen in China.

Auf Arbeitsrechtsverletzungen stößt sie bis heute. Damit Gewinnmargen nicht einbrechen, habe Apple bei den Zulieferern den Preis noch gedrückt - die ihr Minus wiederum minimierten, "indem sie ihre Arbeiter mit mehr Arbeit und weniger Lohn ausbeuteten". Letztendlich, so CLW, "müssen die Arbeiter die zurückgegangenen Gewinne der Unternehmen ausbaden." Apple widerspricht: Die Arbeitszeitvorgaben von maximal 60 Stunden pro Woche würden inzwischen zu 96 Prozent eingehalten.

Was Arbeitsrechtsverletzungen und Löhne betrifft, sieht es bei der Apple-Konkurrenz Samsung und Huawei nicht viel besser aus. Laut einem weiteren CLW-Bericht müssen Arbeiter in den chinesischen Zulieferfabriken des südkoreanischen Konzerns Samsung vielerorts ohne Schutzkleidung mit giftigen, nicht deklarierten Stoffen hantieren oder Leiterplatten mit übelriechenden Chemikalien reinigen. Auch hier sind bis zu 105 Überstunden die Regel - für einen Lohn von rund 200 US-Dollar im Monat. Der Ton sei rau: "Wir fühlen uns wie in einem Gefängnis", klagte eine junge Frau gegenüber der deutschen NGO Weed. In vielen Fabriken sind Gespräche während der Arbeitszeit verboten. Wer zur Toilette muss, hat um Erlaubnis zu fragen. Auch bei Huawei beklagen Menschenrechtsvertreter und Gewerkschaften die miesen Arbeitsbedingungen, vor allem in den Zulieferbetrieben Foxconn und Pegatron. Foxconn geriet bereits 2010 und 2011 in die Schlagzeilen, nachdem sich 14 junge Arbeiter aufgrund des Drills und der Erschöpfung umgebracht hatten. Der Konzern stellt auch Geräte für Apple, Microsoft, Acer, Sony, Nintendo und Amazon her.

Nicht nur bei der Fertigung, sondern auch bei der Gewinnung der Rohstoffe für die Geräte werden Menschenrechte verletzt - etwa in Minen. Es werden zudem Wälder abgeholzt, Flüsse vergiftet, Menschen zwangsumgesiedelt, kritisieren Menschenrechtler. Denn die Nachfrage nach Smartphones und Laptops wächst - und damit auch der Bedarf an mineralischen Rohstoffen. Und der ist enorm.

Allein in einem Handy samt Akku stecken mehr als 30 Metalle wie Kupfer, Kobalt, Coltan, Zinn, Platin oder Nickel. Ohne das seltene Erz Coltan beispielsweise, aus dem das hitze- und säurebeständige Edelmetall Tantal für Kondensatoren gewonnen wird, würde kein Handy oder PC funktionieren. Doch Coltan wird - wie auch Kobalt und Zinn - vor allem im Kongo gefördert; die Hälfte der Weltproduktion stammt von dort. Mit dem Verkauf des begehrten Rohstoffes finanzieren die Kriegsparteien - Armee, Rebellen und Milizen - dort seit Jahren ihren blutigen Bürgerkrieg.

Angesichts der Missstände geloben die Hersteller seit Jahren Besserung. "Bei allem, was wir tun, kommt der Mensch an erster Stelle", wird Jeff Williams, Chief Operating Officer von Apple, im Fortschrittsbericht 2019 des Konzerns zitiert. "Wir arbeiten daran, moderne Sklaverei in unserer Lieferkette und darüber hinaus zu beenden" - auch das steht im Bericht. Doch Selbstverpflichtungen der Elektronikkonzerne "sehen auf dem Papier gut aus", würden aber nicht immer eingehalten, kritisiert CLW. Dabei könnten Apple, Samsung & Co. mehr leisten: 2018 hat Apple im Schnitt für jedes verkaufte iPhone 796 US-Dollar kassiert. Beim iPhone X lag der Startpreis in Deutschland bei 1149 Euro. Doch davon kommt fast nichts bei den Menschen an, die das Gerät fertigen: Am Produktionswert eines Geräts machen die Arbeitskosten gerade mal zwei Prozent aus.


Fast faire Elektronik

Das 100-prozentig faire Smartphone oder den komplett fairen Computer gibt es zwar noch nicht. Doch folgende Projekte versuchen, einen anderen Weg zu gehen.

Das Fairphone: Das Smartphone von Fairphone ist nicht 100 Prozent fair, aber jeder Schritt der Lieferkette ist dokumentiert. Von den 38 verbauten Metallen stammen etliche aus konfliktfreiem Abbau. Das Fairphone II besteht zur Hälfte aus recyceltem Plastik und enthält einen Recyclinganteil bei Wolfram von 50 und bei Kupfer von 34 Prozent. Wie sich die Kosten eines Geräts zusammensetzen, steht auf der Webseite. Die Arbeiter in der chinesischen Partnerfabrik erhalten einen Lohn von umgerechnet zwischen 335 und 460 Euro. www.fairphone.org

Die Maus von NagerIT: Der deutsche Verein NagerIT hat die erste faire Computermaus auf den Markt gebracht. Zwei Drittel der Bauteile bezieht NagerIT aus Deutschland, Japan oder Israel. Der Elektrolytkondensator etwa kommt von der Firma Frolyt aus Freiberg. Den Chip liefert ein chinesisches Unternehmen. Das Kupfer für die Leiterplatte ist recycelt, das Zinn stammt aus "konfliktfreien" Quellen im Kongo. Zusammengebaut wird die Maus in einer Behindertenwerkstatt in Landshut. www.nager-it.de

Das Shiftphone: Die Shift GmbH aus Hessen verkauft modular aufgebaute Smartphones, die in einer kleinen Manufaktur in China unter familiären Bedingungen gefertigt werden - finanziert per Crowdfunding. Einzelteile sind schnell austauschbar. Shiftphone- Gründer Carsten Waldeck ist bei vielen Arbeitsschritten dabei. Beraten und überprüft wird er von der Menschenrechtsorganisation TAOS, die auch mit Fairphone zusammenarbeitet. www.shiftphones.com


Reparieren statt wegwerfen

In deutschen Schubladen schlummern laut Digitalverband Bitkom mehr als 124 Millionen gebrauchte Geräte. Dadurch gehen wertvolle Rohstoffe verloren. Viele Elektronikgeräte kann man reparieren lassen (Internetsuche unter "Handyreparatur" oder "Handy Doc") oder man macht es selbst mithilfe von Webseiten wie www.repaircafe.org/de, www.kaputt.de oder www.ifixit.com. Gute gebrauchte Geräte gibt es über www.afb-group.eu. Recycelte Computerelektronik findet sich unter www.reuse-computer.org, www.asgoodasnew.com, www.rebuy.de oder www.backmarket.de

Ein Altgerät kann man verkaufen (www.kleinanzeigen.ebay.de), verschenken (www.alles-und-umsonst.de), tauschen (www.dietauschboerse.de), dem Mobilfunkanbieter zurückgeben, gegen einen Gutschein tauschen (www.binee.com) oder spenden (www.pc-spende.de).

Zu unserer Serie: Fair einkaufen

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