Warum Palmöl in Verruf geraten ist

Das Pflanzenfett steckt in vielen Produkten. Doch sein Anbau ist ein Klimakiller, sagt Biologe Frank Nierula.

Palmöl hat tolle Eigenschaften: Es ist farb- und geruchslos, kristallisiert schnell aus, es ist billig und in großen Mengen verfügbar. Das macht es zum Liebling der Industrie - die es in unzähligen Lebensmitteln, Kosmetikprodukten, Wasch- und Reinigungsmitteln einsetzt. In welchen Waren es genau steckt, lässt sich allerdings oft nur schwer erkennen. Susanne Plecher hat den Biologen und Sachbuchautor Frank Nierula befragt, wie Konsumenten dem Öl auf die Spur kommen können.

Freie Presse: Herr Nierula, wo genau steckt Palmöl drin?

Frank Nierula: In einer Vielzahl von Dingen, die wir wie selbstverständlich jeden Tag nutzen und in denen wir oft überhaupt kein Pflanzenöl vermuten. Allein in Deutschland sind 2017 1,2 Millionen Tonnen reines Palmöl verbraucht worden. Bei uns ist es hauptsächlich im Biodiesel enthalten. Fast die Hälfte der Importmenge landet im Tank. Danach kommen Nahrungsmittel wie Frittieröle, Margarine, Fertigprodukte, Würzmischungen, Müslis, Frühstücksflocken, Kekse, Blätter- und Plunderteige. Sogar in Knäckebrot, Kaffeeweißer und Knabbergebäck ist es drin. Es steckt auch in Kosmetika, Shampoos, Körperpflegeprodukten und Waschmitteln.

Und in Schokolade. Warum eigentlich?

Weil es bei Raumtemperatur fest ist und bei Körpertemperatur schnell anfängt zu schmelzen. Dadurch bekommt man den kühlenden, cremigen Effekt im Mund, der für viele Schokoprodukte gewollt ist.

Trotzdem wird Palmöl zunehmend kritisch gesehen. Woran liegt das?

Weil Ölpalmen nur dort ertragreich angepflanzt werden können, wo tropischer Regenwald wächst. Um sie für unseren Konsum anzubauen, werden die wichtigsten Biotope zerstört, die wir auf der Erde haben. Ungefähr 15,8 Millionen Hektar Regenwald sind 2017 verloren gegangen, eine Fläche so groß wie Bangladesch. In den tropischen Regenwäldern gibt es die größte Biodiversität, hier wird das meiste CO2 aus der Atmosphäre genommen. Bei der Brandrodung wird das Treibhausgas hingegen freigesetzt. Werden dann noch Torfmoorböden gerodet, potenziert sich das, vor allem, wenn sich der Torf entzündet.

Wie sieht es auf den Palmölplantagen denn aus?

Vor allem in Indonesien gibt es noch viele Kleinbauern, die kleinere Plantagen bewirtschaften. Ich selbst war nur in Malaysia. Dort herrscht das Bild großer, zusammenhängender Plantagenkomplexe vor. Die ziehen sich teilweise kilometerweit. Man kann den ganzen Tag ohne Unterbrechung durch Palmölplantagen laufen. Oft werden sie unter heftigem Einsatz von Pestiziden, vor allem Unkrautvernichtern, bewirtschaftet. Dort gibt es fast keine anderen Pflanzen mehr. Im Gegensatz zum Regenwald, der teilweise angrenzt, ist das ein massiver Unterschied. Und natürlich eignen sich die Plantagen nicht als Ersatz für den verloren gegangenen Lebensraum der dortigen Tierwelt. Auch die Nährstoffkreisläufe funktionieren nicht so gut.

Es wird weiter gerodet. Die bereits bestehenden Plantagen reichen nicht aus?

Das könnten sie wohl, beispielsweise wenn man gerade die Kleinbauern im Anbau der Ölpalme speziell schult, wodurch man die Erträge steigern könnte. Das könnte den Druck auf die Regenwaldgebiete zunächst nehmen. Aber wenn wir weiter unseren Verbrauch steigern, dann reicht das nicht. Wir müssen unseren Konsum ändern.

Ist Palmöl aus Bio-Anbau besser?

Nicht zwangsläufig, denn die Regeln des Bio-Siegels sind auf unsere europäische Agrarwirtschaft zugeschnitten. Darin geht es größtenteils darum, was auf die Äcker gebracht wird. Es dürfen also keine mineralischen Stickstoffdünger und nur bestimmte Pestizide und Herbizide eingesetzt werden. Das Siegel besagt, dass diese Regeln eingehalten wurden, nicht aber, ob vorher Regenwald gerodet oder Torfböden trockengelegt wurden. Trotzdem ist das Bio-Siegel besser als nichts.

Gibt es eine sinnvolle Alternative zum Palmöl? Schließlich müssen auch Kokospalmen auf Plantagen angebaut werden, und Raps ist nicht so ertragreich.

Das ist wahr. Solange wir Pflanzen brauchen, um unseren Konsum zu befriedigen, müssen wir sie irgendwo anbauen. Aber es ist faktisch besser, Raps anzubauen und dafür Fläche in Europa zu verbrauchen, als einen Regenwald kaputt zu machen. Entscheidet man sich für heimische Öle, sind die Transportkosten und der Ausstoß von Klimagasen geringer. Es werden weniger artenreiche und komplexe Ökosysteme vernichtet. Außerdem hat man Arbeitsbedingungen, Umweltschutz und Einbringung von Dünger und Pestiziden besser im Blick. Dafür ist der Ertrag niedriger, was entweder größere Flächen nötig macht oder uns dazu zwingen muss, unseren Verbrauch herunterzuschrauben.

Komme ich um Palmölprodukte beim Einkauf überhaupt herum?

Das geht, aber ist mit Recherche verbunden. Beim Essen ist es noch relativ einfach, denn seit Dezember 2014 muss jedes Pflanzenöl in Lebensmitteln gekennzeichnet werden. Da steht dann zum Beispiel "Pflanzenöl, gehärtet (Palm)". Seither wird nachweislich weniger verwendet. Bei Kosmetika und Reinigungsmitteln hat der Verbraucher oft wenig Möglichkeit, herauszufinden, welches Öl verwendet wurde. Es gibt einige Bezeichnungen, die sicher auf Palmöl hinweisen, zum Beispiel der botanische Name der Ölpalme, Elaeis Guineensis. Auch Namensbestandteile wie Palm, Palmate oder Palmamide lassen darauf schließen. Und es gibt Bezeichnungen, die auf Palmöl hinweisen könnten, aber theoretisch könnte auch ein anderes Öl verwendet worden sein. Es gibt keine Eindeutigkeit in der Bezeichnung. Der Zwang, Palmöl auch in Kosmetik und Waschmitteln zu deklarieren, muss her.

Ist der in Sicht?

Leider nein.

Wobei kann man den Konsum im Alltag sinnvoll einschränken?

Bei Geschirrspül- und Waschmitteln und Körperpflegeprodukten. Da sind es vor allem Shampoo, Spülungen und Duschgele. Ich persönlich bin auf Olivenölseifen umgestiegen. Es gibt auch Hersteller, die auf Palmöl verzichten und damit werben.

Gibt es Hilfsmittel, um verstecktem Palmöl auf die Spur zu kommen?

Es gibt Listen im Internet, praktischer sind aber Apps. Mit Codecheck kann man den Barcode eines Produktes scannen und bekommt Daten über die Inhaltsstoffe angezeigt. Zeropalmöl ist eine Liste palmölfreier Produkte als App.

Palmöl soll gesundheitsschädlich sein.

Da ist man sich europaweit nicht einig. Das Bundesamt für Risikobewertung sagt, dass die 3-MCPD-Methylester, die sich bei der Raffination pflanzlicher Fette und Öle bilden, nicht krebserregend sind. Die Internationale Agentur für Krebsforschung sieht das anders und hat Palmöl auf die Liste potenziell krebserregender Stoffe gesetzt. Davon abgesehen, besteht Palmfett zum großen Teil aus kurzkettigen und gesättigten Fettsäuren. Die werden mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.


Buchtipp

Frauke Fischer, Frank Nierula: Der Palmölkompass. Hintergründe, Fakten und Tipps für den Alltag. Oekom Verlag München, 172 Seiten, 20 Euro.


Frank Nierula 

Der Biologe schloss sein Studium mit einer Studie über Folgen und Hintergründe des Ölpalmenanbaus in Südostasien ab.

Der 32-Jährige berät Firmen zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Er ist Veganer und lebt bei Frankfurt/Main.

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