Wie viel Ausbeutung steckt in diesen Teddys?

Beim Essen achten viele Eltern auf bio - beim Spielzeug aber sind ihnen Inhaltsstoffe und Arbeitsrechte oft egal.

Teddys mit knopfgroßen Augen, Märchenfiguren oder Zauberpferde - in der Galeria Kaufhof werden Kinderträume wahr - und Geschichten einer sicheren Welt gesponnen. Etwa mit dem Feuerwehrmann Sam, Held der gleichnamigen Trickfilmserie und Retter in der Not. Von ihm stehen Figuren und Löschwagen im Regal. Vier von fünf der in Deutschland verkauften Spielzeuge stammen aus Fernost und Osteuropa. Dort lassen Markenhersteller wie Disney, Mattel oder Simba Dickie billig produzieren.

Doch die Bedingungen, unter denen Spielzeug oftmals hergestellt wird, sind ein Albtraum. Das zeigt die Untersuchung "Toys Report 2018" der beiden Menschenrechtsorganisationen "China Labor Watch" (CLW) und "Christliche Initiative Romero" (CIR) in China. Während einer Recherche bei Zulieferern von Disney, Hasbro & Co. stieß CLW auf massive Verletzungen von Arbeitsrechten und auf Arbeiter, denen in den Fabriken vor Erschöpfung die Augen zufallen. Nicht viel anders sehe es bei Zulieferern deutscher Firmen wie Ravensburger, Schleich und Simba Dickie aus, dem Lizenznehmer von Sam.

Die Arbeitsbedingungen in der Spielzeugproduktion sind noch schlechter als in der Textil- oder IT-Branche, so der Report. Bei den meisten Zulieferern seien in der Hauptsaison monatliche Überstunden zwischen 80 und 140 Stunden üblich - obwohl das chinesische Gesetz maximal 36 erlaube. Die Arbeiterinnen und Arbeiter schuften in der Regel von morgens um acht bis abends um zehn Uhr. Oftmals müssen sie mit giftigen Chemikalien hantieren. Schutzhelm oder Feuerlöscher, wie sie mit der Spielzeugfigur Sam verkauft werden, sucht man in manchen Fabriken vergebens. Die Folge: Viele Arbeiter sind ständig erschöpft und krank.

Und schlecht bezahlt. Vom Erlös einer teuren Barbie finden die Fabrikarbeiter nur einen Bruchteil in ihren Lohntüten wieder. Das Grundgehalt liegt laut Studie im Schnitt bei umgerechnet 220 Euro im Monat. Zum Vergleich: Pro Kind und Jahr werden in Deutschland 287 Euro ausgegeben. Nur mit extremen Überstunden kommen sie auf 570 Euro Monatsgehalt, so der Report. Und obwohl die Branche seit Jahren Umsatzrekorde in Höhe von mehr als drei Milliarden Euro jährlich allein in Deutschland verzeichnet, werden den Beschäftigten in den Zulieferfabriken oftmals die Lohnzuschläge vorenthalten, Sozialversicherungen nicht korrekt angeboten, Schutzanzüge nicht gestellt.

Doch die Ausbeutung in der Spielzeugproduktion ist für das Gros der Konsumenten kein Thema. "Beim Essen achten viele Eltern auf bio oder fair - beim Spielzeug aber sind ihnen Inhaltsstoffe und Arbeitsrechte oftmals egal", wundert sich Maik Pflaum von der CIR. Anders als bei Mode bleibt beim Teddy der öffentliche Druck auf die Produzenten aus. Die Folge: "Andere Branchen sind bei der Kontrolle von Zulieferern aus Ländern wie China viel weiter", sagt Pflaum. "In der Spielzeugbranche hingegen herrscht Tiefschlaf". Aus diesem sind einige Hersteller durch den "Toys Report" anscheinend aufgewacht: Die Schleich Gruppe will "den Sachverhalt nochmals kurzfristig vor Ort überprüfen", und ein Sprecher von Ravensburger erklärte, man habe "Kontakt mit dem Lieferanten und den Auditorganisationen aufgenommen und erwarte eine Klärung des Sachverhalts und gegebenenfalls Verbesserungsmaßnahmen zur Behebung der Missstände". Das Unternehmen Simba Dickie hingegen lehnt eine Stellungnahme zu den Vorwürfen ab.

Dem Weltverband der Spielzeugindustrie, kurz ICTI, sind die Rechtsverletzungen bekannt. Bereits 2001 hat er einen Verhaltenskodex erarbeitet. Das sogenannte Ethical Toy Program sieht zwar Mindeststandards in Sachen Menschen- und Arbeitsrechte für China vor. Doch es ist freiwillig und "hängt weiter am Tropf der Industrie", sagt Pflaum. Bislang weigern sich die meisten Mitglieder, die Selbstverpflichtung einzugehen und nur noch bei zertifizierten Zulieferern einzukaufen. Ulrich Brobeil, Chef des Deutschen Verbands der Spielwaren Industrie, bedauert das: "Leider verschließen noch immer viele unserer Mitglieder Augen und Ohren vor den Missständen in den Zulieferfirmen" - darunter auch Unternehmen, die auf ihren Webseiten mit sozialem Engagement werben. Auch die Simba Dickie Group betont auf ihrer Homepage, "soziale Gleichheit" sowie "faire und sichere Arbeitsbedingungen" zu fördern.

Das Ethical Toy Program gebe keine existenzsichernden Löhne vor, sondern orientiere sich lediglich an den gesetzlich festgelegten Mindestlöhnen im Land, von denen kein Mensch leben könne, kritisiert auch die Berliner NGO Weed. Die Kontrollen des ICTI seien zudem "sehr anfällig für Betrug". Alle Fabriken, in denen CLW in den zurückliegenden Jahren auf Missstände stieß, konnten das ICTI-Siegel vorweisen Das zeigt, wie wenig wirksam der Standard ist. Auch CIR-Vertreter Pflaum moniert, dass die Kontrollen seit Jahren versagen: "Wer sich allein auf solche Zertifikate verlässt, trägt Mitschuld an der Ausbeutung."

Einige engagierte Hersteller sind inzwischen ernsthaft um den Ruf der Branche besorgt. "Werden Einzelne schlecht bewertet, trifft das alle", so Branchenvertreter Brobeil. Deswegen entwickeln sein Verband, einige Vorreiter-Unternehmen, die Christliche Initiative Romero und das Nürnberger Bündnis Fair Toys derzeit einen Standard für ein verlässliches "Fair Toy"-Gütezeichen. Mit diesem könnten Kunden im Spielzeugladen dann erstmals gezielt nach sozialen Kriterien einkaufen, sagt Pflaum. Bislang, so der CIR-Vertreter, "haben Eltern, die Spielzeug ohne Ausbeutung kaufen wollen, zumindest im konventionellen Spielzeughandel keine verlässliche Alternative". Dass einige Hersteller China den Rücken gekehrt haben und Teddys oder Miniautos nun in Tunesien oder Osteuropa produzieren, sei keine Lösung. Dort, so Pflaum, "sind die Löhne mitunter noch niedriger als in Fernost".

Alle Beiträge der Serie "Fair einkaufen" finden Sie in unserem Special.


Hier finden Sie Spielzeug ohne Ausbeutung

Spielzeug ohne Kinderarbeit und Ausbeutung gibt es in den Weltläden und bei Fair-Handelsanbietern wie Gepa, Colombo3, El Puente oder WeltPartner - oft mit dem WFTO-Label.

Überwiegend in Deutschland produzieren laut der NGO Weed u.a. Senger Tierpuppen, Ökonorm, Spielstabil, SINA, Bibabox, Hess Spielzeug, TicToys, Playmobil, Fagus Holzspielzeug. Ravensburger lässt nach eigenen Angaben zu 90 Prozent in Tschechien und Deutschland fertigen, zehn Prozent der Waren kommen aus China.

Nichtssagend ist "Made in Germany". Hierfür reicht die Endmontage in Deutschland. Auch CE- und GS-Zeichen verweisen nicht auf Herstellungsort oder Arbeitsbedingungen.

Die Aktion fair-spielt.de informiert Verbraucher, ob und wie deutsche Spielzeughersteller und ihre Lieferanten den Verhaltenskodex und das Ethical Toy Program der Industrie umsetzen. Von den rund 100 befragten Herstellern haben 2018 zwei Drittel nicht geantwortet.

Weitere Infos: www.ci-romero.de, www.weed-online.org, www.chinalaborwatch.org, www.ethicaltoyprogram.org, www.faireinkaufenaberwie.blogspot.de

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