Auf der Suche nach regionalen Tomaten

Eine Agrarwissenschaftlerin hat 90 alte Sorten aus Mitteldeutschland wiederentdeckt und viele davon angebaut

Auf dem heutigen Gebiet von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen wurden Tomaten bereits im 19. Jahrhundert gezüchtet. Viele Sorten sind heute vergessen. Gisela Ewe aus Aschersleben will das ändern. Gemeinsam mit Züchter Rolf Bielau hat sie 90 Sorten aus dem mitteldeutschen Raum wiederentdeckt und 66 angebaut.

"Freie Presse": Frau Ewe, was kümmern Sie alte Tomatensorten aus Mitteldeutschland?

Gisela Ewe: Das Interesse, wie sie ausgesehen und geschmeckt haben und etwas Nostalgie. Aber auch die Wiederentdeckung von Saatgutfirmen war ausschlaggebend. Viele vergessene Sorten könnten Liebhabertomaten sein. Wer kennt schon die samenechten Quedlinburger Frühe Liebe oder Harzer Kind aus den frühen 1950er-Jahren?

Was haben Ihre Forschungen ergeben?

Die Tomate wurde bis ins 19. Jahrhundert hinein noch als Liebesapfel bezeichnet. In Samen-Katalogen wurden zunächst französische und englische Sorten angeboten. Bei den Recherchen sind wir auf die wohl älteste Tomatensorte Mitteldeutschlands gestoßen, der 1879/1980 erstmals angebaute "Scharlachrote Türkenbund" von der Samenfirma Benary in Erfurt. Wir haben auch die Goldene Königin von 1884, die Frühe Liebe von 1952 und die bekannte Tomate Harzfeuer F1 von 1959 gefunden. Als Quellen halfen uns das Leibnitz-Institut IPK Gatersleben, botanische Gärten, Sammler und Firmen. Eine Reihe alter Sorten wie Lukullus von 1906 gibt es noch im Handel.

Wie kommen Gärtner an solche alten mitteldeutschen Sorten?

Zum Beispiel, indem sie unseren Tomatentag am 1. September in Aschersleben besuchen. Mitteldeutsche Tomatensorten werden auch auf Tauschbörsen und im Internet angeboten. Zudem geben Regionalverbände der Kleingärtner Auskunft. Und wer Saatgutfirmen mit der höflichen Bitte um Probemuster anschreibt, bekommt bestimmt auch eine Antwort.

Welche besonderen Eigenschaften haben solche alten Sorten?

Sie reifen in der Regel früh und haben einen hohen Ertrag. Allerdings sind diese Sorten anfälliger gegen Krankheiten als neuere Züchtungen. Aber vollständig resistent vor allem gegen die gefürchtete Braunfälle ist keine Tomate.

Warum schwören Sie dann trotzdem auf die Alten?

Weil sie Vielfalt bringen. Viele Kleingärtner lieben die Unterschiede von schwarzer bis weißer Schale, von Johannisbeergröße bis Ochsenherz. Und die Sorte Harzfeuer F1 zum Beispiel wird in vielen Gärten angebaut. Dabei hat diese Sorte seit 60 Jahren keine Resistenzen. Also, man sollte es gelassen sehen. Resistenzen sind nicht alles.

Wie lassen sich die Tomaten dann vor Krankheiten schützen?

Da helfen wie bei allen Sorten der Schutz vor Regen, das Gießen der Wurzeln, ohne die Blätter zu befeuchten. Die Pflanzen dürfen zudem nicht zu eng stehen, sodass sie ausreichen Luft und Licht bekommen. Und da Schadpilze auch in der Erde überwintern, sollten Gärtner darauf achten, dass beim Gießen keine Erde hochspritzt. Kartoffeln in unmittelbarer Nachbarschaft sind nicht zu empfehlen, weil diese anfällig für Kraut- und Braunfäule sind. Damit könnten sie die Tomaten anstecken.

Worauf legen Sie beim Anbau wert?

Die Anzucht muss rechtzeitig im Frühjahr beginnen, weil dann die Pflanzen mehr Zeit haben, sich zu entfalten, und kräftige Jungpflanzen heranwachsen. Beim Auspflanzen ins Freie muss die Bodentemperatur mindestens 15 Grad betragen. Chemischen Pflanzenschutz verwende ich nicht, halte die Tomaten aber während der Reifezeit ordentlich sauber und pflege sie. Wichtig ist auch der Standort. Tomaten bevorzugen eine sonnige, warme und geschützte Lage. Etwas Kompost sollte man bei der Pflanzung in die Erde mischen, bei Stabtomaten mehr als bei Buschtomaten. Mulchen hilft, die Bodentemperatur stabil zu halten, Feuchte zu speichern oder vor Feuchte zu schützen.

Viel Aufwand für die kleine Frucht. Lohnt sich das?

Auf jeden Fall. Tomaten können schon einen Durchmesser von zehn Zentimetern und größer haben. Der Aufwand lohnt sich nicht nur, um Altes und Seltenes zu bewahren, sondern auch, weil Tomaten sehr gesund sind. Sie sind reich an Vitamin C und E, Karotin und Kalium. Schon drei Tomaten können den Tagesbedarf decken. Zudem sollen nach neuesten Forschungen die in der Tomate enthaltenen Fruchtsäuren mit den Farbstoffen Lycopin, Karotin und Votamin C Nitrate abfangen und so die Bildung krebsauslösender Stoffe bremsen. Langjährige Beobachtungen haben zum Beispiel erwiesen, dass ein hoher Tomatenkonsum eine niedrigere Rate an Prostatakrebs bewirkt. Auch die Gefahr von Herz- oder Kreislauferkrankungen reduziert sich. Nicht zuletzt enthält eine vollreife Frucht auch den stimmungsaufhellenden Stoff Tyramin und das Glückshormon Serotonin. Die Tomate wirkt also aphrodisierend.

Wer also jemanden verführen will, sollte ein paar Tomaten essen?

Das muss jeder selbst ausprobieren. Zumindest sagt man der Tomate eine anregende Wirkung nach. Nicht umsonst wurde sie ja einst als Liebesapfel bezeichnet. Sicher sind aromatische Freilandtomaten besser geeignet als fade Wintertomaten.

Was überhaupt zeichnet eine gute Tomate aus?

Eine gesunde Frucht, eine Farbe fürs Auge, aromatischer Geschmack, festes Fleisch.

Und warum sind Tomaten aus dem Supermarkt oft so fad?

Das stimmt so nicht ganz. Leider ist es so, dass schon allein die Erwähnung der Herkunft das Geschmackserlebnis beeinträchtigt. Also Holland fad, aber Deutschland toll. Fad sind aber meist nur die Tomaten, die im Dezember angepflanzt werden und ohne Sonne im Gewächshaus reifen. Alle im Freiland gereiften Tomaten schmecken besser. Und natürlich ist die Saison entscheidend. Im Winter reifen Tomaten selbst in Spanien nicht ordentlich aus.

Worauf sollte man beim Kauf achten?

Die Früchte sollten gesund sein und fest. Meist riechen sie dann am Kelchblatt oder an der Rispe schon nach Tomate. Und fragen Sie ruhig mal nach, wie lange die Früchte im Supermarkt schon als lose Ware liegt. Das erleichtert dann die Entscheidung für oder gegen eine Tomate.

 

Der Tomatentag in Aschersleben findet am 1. September 9-13 Uhr in der Kleingartenanlage Froser Straße statt.


 

Ausgewählte mitteldeutsche Tomatensorten 

 

Lukullus: Firma Staib aus Aschersleben, erstmals um 1900, Stabtomate, rot, geflammt, kräftiger Geschmack und Geruch, normaler Boden

Bodeglut F1: Institut für Züchtungsforschung Quedlinburg, erstmals 1987, Stabtomate, rot, geflammt, leichter Tomatengeschmack, vereinzelt geriefte Früchte, für Erde und Steinwollmatten;

Balcony red F1: Saatzucht Quedlinburg, erstmals 1997, Topftomate, sehr kompakt, rote, runde, glatte kleine Früchte, aromatischer Geschmack

Ildi: VEG Eisleben, erstmals 1990, Stabtomate, lange Rispen, kleine rote, glatte, runde Früchte, intensiver aromatischer Geschmack, großer Kirschtomatentyp

Quedlinburger Frühe Liebe: Institut für Pflanzenzüchtung Quedlinburg, erstmals 1951, Stabtomate, sehr frühe Reife, leicht saurer Geschmack. Quelle: Züchter Rolf Bielau, Aschersleben

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1Kommentare
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  • 1
    0
    ralf66
    29.08.2018

    Da gibt es noch eine alte gute deutsche Sorte, die heißt Ficarazzi, auch als Geisenheimer und Johannisfeuer bekannt, entstanden 1906 in Erfurt und wurde zum Beispiel im Sudetenland, genauer dort im Saazer-Land (Region um Saaz/Zatec) um 1910 als Freilandtomate angebaut. Die Tomatenpflanzen tragen schöne große Früchte, schmecken süß mit leichter Säure, sind mal mehr, mal weniger stark gerippt, ähnlich mancher Fleischtomaten.



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