Cranberry: Das Superfood aus Sachsen

Ein Paar aus Klingenberg betreibt die einzige Cranberry-Plantage im Freistaat. Die Beeren taugen nicht nur für Marmelade.

Hermann Ilgen hat sich hingekniet. Vorsichtig biegt er zarte Zweige zur Seite. Unter ihrem Laub blitzt es in schönsten Herbstfarben: Hellrosa, Orange, Feuerrot, Weinrot. Auf der Cranberry-Plantage in Klingenberg - der einzigen in ganz Sachsen - sind die Früchte reif. "Erwarten Sie nichts Süßes", warnt Ilgen vor. Tatsächlich schmecken die Cranberries leicht bitter und angenehm säuerlich. Sie sind viel herber, als ihre warme Farbe vermuten lässt.

In Deutschland ist die Frucht als Moosbeere bekannt. Sie gilt als Superfood und ist genau wegen dieser Bitterstoffe und ihren gesundheitsfördernden Eigenschaften beliebt. Ursprünglich stammt die Cranberry aus Nordamerika. "Sie ist die Gesundheitsbeere der Indianer", sagt Ines Ilgen. Zusammen mit ihrem Mann hat sie unweit des Tharandter Waldes 2014 die ersten Sträucher gesetzt. "Ich wollte mit meinen Schülern eine Cranberry-Soße kochen, für die ich frische Beeren brauchte. Die Getrockneten enthalten zuviel Zucker. Aber es war fast unmöglich, frische aufzutreiben", sagt die Oberschullehrerin. Aus dieser Not heraus war sie auf die Idee gekommen, selbst Cranberries anzupflanzen - zunächst auf einer Versuchsfläche im eigenen Garten, inzwischen auf rund 1.000 Quadratmetern Land.

Genau wie Heidel- oder Preiselbeeren gehören die niedrigen, bodendeckenden Sträucher zur Familie der Heidekrautgewächse. Die Pflanzen sind genügsam und bevorzugen nährstoffarme, saure Böden und helle Standorte. Die Büsche wachsen kaum höher als 25 Zentimeter, aber schieben Triebe, die regelmäßig zurückgeschnitten werden müssen. Die Flachwurzler brauchen viel Wasser. Hermann Ilgen hat daher eine Bewässerungsanlage installiert, ohne die seine Pflanzen die letzten beiden Sommer wohl nicht überstanden hätten.

In Deutschland werden die Früchte getrocknet oder in Form von Kapseln, Tabletten, Pulver, Tee oder Saft verkauft. Manche Lebensmittelläden bieten in der Saison, also von September bis Ende November, frische Beeren an. 100 Gramm enthalten rund 14 Gramm Vitamin C, Vitamin A, Kalium, Natrium, Magnesium und sekundäre Pflanzenstoffe. Sie haben antiadhäsive, antimikrobielle und antioxidative Eigenschaften. Außerdem sollen sie bei Blasenentzündung und Harnwegsinfektionen helfen. Das wird auf die Proanthocyanidine zurückgeführt, die es Bakterien erschweren sollen, am Gewebe der Harnblase anzuhaften. Viele Frauen schwören darauf. "Mir hat das sehr geholfen", sagt Ines Ilgen. Auch Nadine Brose, die mit Tochter und Freundin einen Sonntagsausflug zur Cranberry-Plantage gemacht hat, hat positive Erfahrungen gemacht. Dass die Wirkung wissenschaftlich nicht nachgewiesen ist, ist der Dresdnerin egal.

"Wir verwenden die Moosbeeren traditionell bei Erkältungskrankheiten und gegen Fieber", sagt Anna Schewtschenko. Die Biochemikerin arbeitet seit 2001 am Max-Planck-Institut in Dresden. Aufgewachsen ist sie in Sankt Petersburg. Als Kind fuhr sie mit Großmutter und Mutter in die umliegenden Wälder, um die Beeren zu sammeln. "Moosbeeren gehören für mich zum Herbst", sagt sie. Die Wissenschaftlerin isst sie roh oder verarbeitet sie zu Saft. "Sehr lecker sind sie auch in Rührkuchen mit Äpfeln und Nüssen." Nadine Brose macht aus den Beeren am liebsten Marmelade. Da die Früchte das natürliche Geliermittel Pektin enthalten, reicht für das Einkochen normaler Zucker aus. Ihre Freundin Julia Stake verkocht die Cranberries mit Wasser und Zucker zu einer fruchtigen Soße und isst sie zu Wildgerichten und auf Käse. Und die Ilgens? "Meine Frau lässt sich immer neue Rezepte einfallen, die meist sehr gut sind. Und ich mag den Fruchtaufstrich sehr gern", sagt Hermann Ilgen. Dafür werden die rohen Früchte kurz eingefrostet, damit die Zellwände aufbrechen, danach püriert und mit Zucker oder Honig gesüßt. Weil sie weder Druckstellen bekommen noch faulen, können Moosbeeren an dunklen, kühlen Orten bis weit in das kommende Jahr aufbewahrt werden. "Meine Oma hat sie immer auf ein Blech unter den Küchenschrank geschoben und bei Bedarf gegessen - als natürlicher Vitamin-C-Spender für den langen Winter", sagt Anna Schewtschenko.

Die Früchte können klein sein wie wilde Heidelbeeren oder groß wie Kirschen. Ihre vier Luftkammern verleihen ihnen im Wasser Auftrieb. Das machen sich viele Cranberry-Bauern in Nordamerika zunutze: Sind die Früchte reif, setzen sie ihre Felder kurzerhand unter Wasser, schütteln die Beeren mit Spezialmaschinen locker und fischen sie ab. Wie die Bauern in Wathosen durch tiefrote Flächen laufen, sieht spektakulär aus. In Klingenberg lohnt sich ein solcher Aufwand nicht. Hier wird von Hand gepflückt. Rund 700 Kilogramm Ertrag werfen die Sträucher pro Jahr in etwa ab. Gepflückt werden kann bis in den November hinein. Doch selbst leichten Bodenfrost überstehen die Cranberries ohne Schaden. Sie erfrieren erst bei Temperaturen um minus fünf Grad. "Und selbst dann werden sie nicht schlecht, nur etwas weicher", sagt Hermann Ilgen.

Selbstpflücke mindestens bis zum ersten Novemberwochenende, samstags und sonntags jeweils von 9 bis 12 Uhr sowie von 14 bis 17 Uhr. Ein Kilogramm kostet sieben Euro.

www.cranberryfarm.de

Pikant oder süß - So schmecken Cranberrys

Ziegenkäsesalat mit warmer Cranberry-Soße

Zutaten: Für das Dressing: 3 EL Walnussöl (oder Olive/Argan/Sesam), 1 bis 2 EL Feigen- oder Himbeerbalsam, 1 EL Honig

Für den Salat: 1 bis 2 Handvoll Cranberries, 4 EL Orangensaft, 2 EL Honig oder Ahornsirup, 50 g grob gehackte Walnüsse, 150 g Ruccola (alternativ Feldsalat), 4 x 100 g Ziegenkäse, 4 EL Sesam (oder Chia)

1. Für das Dressing alle Zutaten miteinander verrühren.

2. Cranberries halbieren, mit Orangensaft, 2 EL Honig und Walnüssen köcheln, bis Beeren platzen. Reduzieren lassen.

3. Ruccola mit Dressing mischen. Käse mit Sesam panieren, in Öl anbraten, Salat auf dem Teller anrichten, mit warmer Soße benetzen.
 

Cranberry-Eierschecke ohne Boden

Zutaten: 3/8 l Milch, 2 x 200 g Zucker, 100 g Butter, 2 Päckchen Vanillinpudding, 5 Eier (getrennt) + 2 Eier, 750 g Quark, 2 bis 3 Tassen frische Cranberries

1. Pudding aus Milch, 200 g Zucker, Butter, 1 Puddingpulver kochen, unter Rühren im Wasserbad abkühlen.

2. 5 Eigelb unter den erkalteten Pudding rühren. 5 Eiweiß steif schlagen, evtl. 1 Prise Salz und 2 EL Wasser zufügen, unter Puddingmasse rühren.

3. Quark, 2 Eier, Zucker, Puddingpulver zu glatter Masse verrühren, in gefettete Springform füllen. Cranberries darüber.

4. Puddingmasse darauf verteilen. 60 bis 80 Minuten bei 160 Grad Celsius Umluft backen.

Rezepte: Ines Ilgen

Fotos: Hermann Ilgen

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