Ehrlichkeit tut weh

In der Serie Sachsens Winzer stellt "Freie Presse" Weinbauern aus dem Freistaat vor -Heute Teil 5: Jan Ulrich aus Diesbar-Seußlitz

Winzer Jan Ulrich hatte 3,8 Tonnen mit Insektenmittel vergiftete Trauben von einem Erzeuger gekauft. Er war der Erste, der sich offenbarte und 13.000 Liter seines Weines entsorgte. Olaf Kittel hat mit dem Winzer gesprochen.

Herr Ulrich, es sind jetzt fünf Monate vergangen, seit im Februar bekannt wurde, dass Sie ein Problem im Keller hatten. Wie geht es Ihnen heute?

Es könnte besser gehen. Vor allem beim Weinverkauf merke ich den Umsatzrückgang.

Wie geht es Ihnen persönlich?

Es hat mich viele Nerven gekostet, und ich habe jetzt viele graue Haare mehr. Als die Sache bekannt wurde, waren wir mit Freunden in Madrid. Dort erfuhren wir in einem Bericht aus der Zeitung, was zu Hause los war. Es stand dort, wir seien nicht erreichbar, so als wären wir auf der Flucht. Das war nicht angenehm.

Sie waren der erste sächsische Winzer der bekannte, dass es ein Problem gab mit seinem Wein. Würden Sie den Mut heute noch einmal aufbringen?

Ehrlich währt am längsten - das hat mir mein Vater schon beigebracht. Deshalb war das richtig, ich würde es auch wieder machen. Aber für diese Ehrlichkeit hat man mich ganz schön zur Schnecke gemacht. Ich stand zeitweise zweimal, dreimal in der Woche mit vollem Namen in der Zeitung. Die wirklichen Verursacher aber wurden kaum benannt. Das hat mich geärgert.

Erklären Sie bitte noch einmal, wie es zu Ihren Problemen kam.

Ich habe 3,8 Tonnen Trauben von Bauer Friede aus Gröbern geliefert bekommen. An diesem Tag war die Wein- und Lebensmittelkontrolle da und hat Proben von der Lieferung entnommen. Die Kontrolle hat das direkt mit Herrn Friede gemacht, der aber den Pflanzenschutz von einem anderen Winzer durchführen ließ. Nach sechs, acht Wochen haben wir Bescheid bekommen, dass da etwas nicht in Ordnung ist. Da war der Wein aber schon mit anderen Trauben vermischt und gegoren. Am 4. Dezember ist er gesperrt worden. Da war nichts mehr zu retten.

Was hätte denn besser laufen können?

Der Vorwurf kam, aus den Trauben hätte nie Wein werden dürfen. Das ist totaler Schwachsinn. Eine Gärung läuft etwa 14 Tage. Dann hätten die Behörden die Proben schon sehr schnell auswerten und sofort ein Rundschreiben an alle Erzeuger schicken müssen, dass es im Elbtal ein Problem mit Insektenmitteln gibt und keine Vermischungen stattfinden sollen. Aber ich will niemanden die Schuld zuschieben: Wir hatten ja alle keine Erfahrungen damit.

Und dann haben Sie 13.000 Liter Goldriesling und Müller-Thurgau entsorgt.

Ja, das tat weh. Aber ich wollte den belasteten Wein komplett loswerden. Was gar nicht so einfach war, weil die Entsorgung nicht gleich geklärt werden konnte. Ich habe den Wein dann in einem Güllewagen zur Kläranlage nach Meißen fahren lassen.

Welche Gefühle hegen Sie gegenüber dem Verursacher?

Wut. Schlimm finde ich, dass dem, der die Trauben gespritzt hat, nicht viel passiert. Eigentlich dürfte der keinen Wein mehr anbauen. Das war ja schon kriminell. Jetzt verhindert er sogar per Rechtsanwalt, dass sein Name genannt wird.

Sie wollen den Namen nicht nennen?

Nein.

Wie hoch schätzen Sie Ihren Schaden?

Etwa 100.000 Euro. Einen Teil übernimmt die Versicherung. Den Imageschaden kann ich noch nicht bewerten.

Wie haben denn Ihre Kunden reagiert?

Verständnisvoll. Keiner hat gesagt, jetzt kaufen wir hier keinen Wein mehr. Jeder konnte seinen Wein umtauschen oder sein Geld zurückbekommen. Auch die anderen Winzer haben sich sehr fair verhalten.

Das hat Mut gemacht?

Ja, viele Kunden haben gesagt: Jetzt unterstützen wir Sie erst recht. Das tat gut.

Wie gehen Sie selbst mit Insektenmitteln um? Spritzen Sie weniger?

Wir setzen schon seit 1999 keine Insektizide mehr ein. Bei den normalen Weinsorten müssen wir wie jeder andere auch aller 14 Tage den Pflanzenschutz durchführen, aber nur mit Mitteln gegen Pilzkrankheiten. Da wir aber mehrere pilzwiderstandsfähige Sorten wie Johanniter anbauen, können wir dort teilweise auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Wir sind kein Bio-Betrieb, da ist uns der Aufwand zu hoch. Aber wir versuchen schon seit 17 Jahren, pflanzenschonend zu arbeiten.

Wie würden Sie Ihre Weine charakterisieren?

Sie sind frisch, angenehm, nicht zu säurelastig. Man kann davon auch mal einen Schoppen mehr trinken. Also richtige Zechweine.

Was machen Sie mit Ihrem Wein, damit er nach Ulrich schmeckt?

Wir stimmen die Weine im Keller schon noch ein bisschen ab. Sie bekommen etwas von der Süßreserve, die jeder Winzer anlegt. Das ist eine erlaubte Methode, um den Säuregehalt und den Restzucker ausgeglichener zu gestalten. Das hat nichts mit unerlaubter Zuckerzugabe zu tun, denn es wird eigener Traubensaft zugesetzt.

Sie verkaufen in Ihrer Vinothek nahezu alle Sorten, die im Elbtal angebaut werden. Wie machen Sie das?

Ja, bis auf Bacchus und Scheurebe haben wir fast alles. Wobei unsere Spezialitäten Goldriesling und Kerner sind. In unserer Weinkelterei produzieren wir aber auch Weine aus zugekauften Trauben, wie Riesling, Weißburgunder, Spätburgunder.

Was halten Sie von Weinprämierungen?

Wir haben einige Preise gewonnen, nehmen aber schon seit einigen Jahren nicht mehr an Prämierungen teil. Nicht, weil wir uns keine Preise ausrechnen. Sondern weil diese Wettbewerbe Geld kosten und weil unsere Weißweine meistens schon Ende Oktober ausverkauft sind. Dieses Jahr reichen sie vielleicht bis Ende Dezember.

Kehrt also langsam Normalität ein?

Ich hoffe mal. Der sächsische Wein ist ja jetzt der am meisten untersuchte Wein in Deutschland - wenn nicht auf der ganzen Welt.

Am 9. August lesen Sie: Warum sind Sie Sachsens einzige Winzerin, Frau Fritz?

Jan Ulrich lädt exklusiv zur Weinbergführung ein

Am 30. und 31. Juli, also am Wochenende, öffnen Winzer Jan Ulrich und seine Mannschaft alle ihre Tore im Weingut in Diesbar. Weinbergführungen werden von 10 bis 16 Uhr angeboten. Sie dauern etwa eine Stunde. Die Führungen beginnen im Kelterhaus mit seinen großen Edelstahltanks. Dort gibt es das erste Glas Wein. Anschließend geht eine kleine Wanderung auf den Johanniterberg. Hier wird der zweite Wein probiert.

Die Tickets für 10 Euro sind im Weingut vor Ort erhältlich. Die stündlich stattfindenden Führungen sind auf jeweils 72 Personen begrenzt. Das Restaurant hat geöffnet. Hier können Sie zu Mittag essen, Kaffee trinken oder ein Glas Wein genießen.

Das Weingut hat die folgende Adresse: Diesbar-Seußlitz, An der Weinstraße 40. Auf der Straße ist Diesbar über Meißen (wegen der Sperrung der Elbstraße nur über den Dieraerweg), Riesa oder Großenhain anzusteuern. Parkplätze sind im Umkreis ausreichend vorhanden.

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