Ein Wein erinnert an die tote Anneli

Auf tragische Weise verlor der Meißner Bauunternehmen Uwe Riße seine Tochter Anneli. Nun baut er auf seinem eigenen Weingut Reben an und sammelt damit Geld für eine Stiftung für Jugendliche.

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" regelmäßig Weingüter und Winzer aus dem sächsischen Elbtal vor. Heute ist Olaf Kittel bei Uwe Riße zu Gast. Er kommt auf die Schnelle im SUV von seiner Baufirma in Meißen zum nahe gelegenen Winzerhof Golk. Hier finden wir ein schattiges Plätzchen in einer Weinberglaube mit herrlichem Blick aufs Meißner Land. Auf dem Tisch steht ein besonderer Rosé.

Freie Presse: Herr Riße, Sie sind Eigentümer der Hoch- und Tiefbau GmbH, die Ihren Namen trägt. Nun haben Sie sich noch den Winzerhof Golk mit großem Restaurant und das Weingut Herrenberg zugelegt. Geht Ihnen die Arbeit aus?

Uwe Riße: (Lacht.) Gewiss nicht. Aber ich bin jetzt seit 30 Jahren Unternehmer, seit 40 Jahren im Beruf. Da braucht jeder einen gewissen Ausgleich. Bei mir ist es eine Rückkehr zu den Wurzeln. Ich stamme von Landwirten ab, die über Jahrhunderte die Lommatzscher Pflege mitgeprägt haben. Und wer an der Scholle hängt, kommt davon nicht los. Es ergab sich Anfang des Jahrzehnts, dass der Winzerhof in Insolvenz ging und ich den Hof ersteigern konnte. Eine wichtige Rolle bei der Entscheidung hat allerdings meine Frau gespielt. Sie fand das Objekt "so schön". Womit sie ja total recht hat.

Ein Weingut neu aufzubauen, muss man sich leisten können.

Ja, Weinbau ist zunächst nicht mal kostendeckend, wenn man Investitionen und Abschreibungen einrechnet. So etwas sollten Leute machen, die ihr Geld schon verdient haben und den Weinbau nicht als Geschäft verstehen. Ich sehe das auch als Verantwortung der Region gegenüber.

Das Weingut Herrenberg wird nicht jedem etwas sagen. Stellen Sie es vor?

Das Weingut liegt in Golk bei Meißen an der Sächsischen Weinstraße. Der Weinberg wird seit 330 Jahren bewirtschaftet und gehörte zu einem Rittergut. Der Bergrücken wird den ganzen Tag von der Sonne beschienen, es strömt immer ein Wind. Beste Bedingungen also für hochwertige Weine.

Wie viel versteht der Bauunternehmer inzwischen vom Weinmachen?

Ach, ich bin schon als Kind mit Wein im Garten aufgewachsen, habe miterlebt, wie er gedeiht und wie er gemacht wird. Und sonntags gab es zum Essen einen Schluck Wein, für Kinder mit Wasser verdünnt. Später habe ich viel von Arbeitern im Berg und Keller gelernt, beobachte aufmerksam Tendenzen am Wein, lese Fachzeitschriften, nehme an Lehrgängen teil. Heute finde ich es großartig, wie man das Wachsen und Werden des Weins im Ablauf der Jahreszeiten miterleben kann.

Machen Sie den Wein selbst?

Wir haben fleißige Helfer im Weinberg und einen Kellermeister im eigenen Keller, der den Wein von unseren knapp drei Hektar auf Honorarbasis ausbaut. Er arbeitet nach unseren Vorgaben. Der Wein muss ja vor allem uns schmecken - meiner Frau und unseren Freunden und Mitarbeitern. Der Jahrgang 2018 wurde, weil so schön ausgewogen, auf das Geschmacksbild unserer Damenwelt abgestimmt: mild, fruchtig, mit sanfter Säure und feiner Süße.

Wie schmeckt Ihnen der Jahrgang 18?

Hervorragend. Ein außergewöhnlicher Jahrgang. Die Weine sind sehr dicht, sonnenverwöhnt, mit unglaublichen Oechsle-Werten. Die Mineralität stimmt, sie haben eine wunderbare Frucht.

Welche Weine stellen Sie her?

Wir haben Riesling und Spätburgunder. Grauburgunder und die Scheurebe wurden neu angepflanzt, also besonders anspruchsvolle Rebsorten. Die werden wir nächstes Jahr erstmals ernten.

Sie machen noch gar nicht lange Wein, haben aber letztes Jahr bei der Landesweinprämierung eine Goldmedaille für den Rosé abgeholt. Wie ist das denn?

Es ist eine tolle Bestätigung unserer Arbeit. Der Wein hat nicht nur den Prüfern geschmeckt, sondern auch den Kunden. Er ist ausverkauft. Die Goldmedaille müssen wir natürlich nun jedes Jahr wieder bestätigen.

Dieser Wein erinnert an Anneli. Sie haben mit Ihrer Familie durch den Verlust Ihrer Tochter schwere Zeiten durchgemacht. Bringt das Weingut wieder Sonnenschein ins Leben?

Zunächst: Hinter uns haben wir die schweren Zeiten nicht. Wir durften erfahren, wie leidensfähig Menschen sind. Es hört nie auf. Aber es ist schon so: Wir haben nach dem für uns grausamen Jahr 2015 mit der Entführung und der Ermordung unserer Tochter das Hobby Bootfahren aufgegeben, uns in die Arbeit gestürzt, das Weingut aufzubauen. Im Andenken an Anneli geben wir heute von jeder verkauften Flasche einen Obolus an die Anneli-Marie-Stiftung, die Jugend- und Kulturprojekte unterstützt. Zum anderen heißt unser Rosé "Rosa Lii". Dies war der Spitzname unserer Tochter.

Wo soll es hingehen mit dem Weingut?

Klein und fein ist unser Motto. Unsere Betriebsgröße ermöglicht jetzt ein vernünftiges Wirtschaften. In der Spitzenlage wollen wir natürlich jetzt auch Spitzenweine ausbauen. Wir bilden jeweils zum Weinjahr passend Geschmacksbilder ab.

Tauschen Sie sich mit Winzern aus?

Ja, mit Thomas Herrlich von Vincenz Richter, dem Weingut Prinz zur Lippe, mit Anja Fritz vom Weingut Mariaberg. Sie alle haben uns geholfen, obwohl sie wussten, dass da neue Konkurrenz entsteht.

Gibt es ein Vorbild?

Hab' ich noch nicht drüber nachgedacht. (Überlegt.) Ja, vielleicht der alte Herr Lehmann aus Diesbar-Seußlitz.

Was wünschen Sie sich für die Weinregion?

Die schönen Weine könnten in Sachsen schon noch ein wenig mehr Beachtung finden. Ob es der eine oder andere gern hört oder nicht: Die Region Saale/Unstrut ist dem Elbland voraus, was Vermarktung und Einbindung der Weinlandschaft in die Region betrifft. Wir können uns da ein Beispiel nehmen. Wenn also Winzer von Saale und Unstrut in Sachsen jetzt Wein produzieren, sollten wir das nicht ablehnen. Wir können von ihren Erfahrungen profitieren.

Nun haben Sie hier auch eine edle Pension und ein großes Restaurant. Ganz schön mutig in der Provinz.

Wer mal hier oben war, wird bestätigen: Der Standort ist dafür bestens geeignet, auch wenn er jwd liegt. Aber so weit ist es von Meißen auch nicht entfernt, man sieht von hier die Domtürme. Ich habe jetzt eine geeignete Pächterfamilie gefunden, die das sehr gut macht und feine italienische Küche anbietet.

Wenn Sie mit Ihrer Frau auf der Terrasse sitzen und eine Flasche eigenen Weins trinken, wie fühlt sich das an?

Super. Eigentlich habe ich mich früher gefragt, ob ich das ertragen könnte, ein Jahr lang den eigenen Wein zu trinken. Ich sage Ihnen: Es geht ganz wunderbar.


Uwe Riße 

Der Meißner Bauunternehmer ist 61 Jahre alt und Eigentümer der Hoch- und Tiefbau GmbH mit 55 Beschäftigten.

Von Beruf ist er Bauingenieur. Angefangen hat er in einer LPG, seit 1988 ist er selbstständig. 1990 gründete er seine erste Firma, danach entstand eine kleine Unternehmensgruppe.

Außerdem besitzt er Wald, nun auch den Winzerhof Golk und das Weingut Herrenberg. Das tragische Schicksal seiner Tochter Anneli bewegte 2015 ganz Sachsen.

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