Elbtalwein auf Französisch

Winzer Frederic Fourre lebt in Radebeul seinen Traum - Sein größter Erfolg wäre fast an den Behörden gescheitert

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" alle zwei Wochen interessante Weingüter aus der Region vor. Olaf Kittel hat mit Frederic Fourre, einem gebürtigen Franzosen und Elbtalwinzer, gesprochen.

"Freie Presse": Herr Fourre, Sie sind vor 20 Jahren aus Paris nach Sachsen gekommen. Mit Ihrer Erfahrung von heute: Was muss das Mini-Weinland Sachsen noch vom Wein-Giganten Frankreich lernen?

Frederic Fourre: (zögert lange) Eigentlich gar nichts.

Wie bitte?

Wir können in Sachsen heute Wein auf internationalem Niveau herstellen. Zumindest beim Weißwein halten wir locker mit. Das haben wir gerade auf der Weinmesse "ProWein" erlebt. Die klimatischen Bedingungen hier sind nicht perfekt, aber wirklich gut. Wir haben moderne Keller, die alle erst nach der Wende entstanden sind. Vielleicht sollte Sachsen noch lernen, gute Rotweine und Cuvée-Weine in größerer Vielfalt herzustellen.

Sonst fehlt nichts?

Hier und da vermisse ich Visionen, die nötig sind, um wirklich guten Wein zu machen. Die sind wichtig, ich weiß das aus meiner Sommelier-Ausbildung. Aber mir ist nicht bange: Die junge Winzer-Generation in Sachsen ist top. Sie hat Visionen.

Welche Sachsenweine haben Ihre anspruchsvollen Gäste im Hotel Taschenbergpalais, wo Sie Weine empfohlen haben, besonders gern getrunken?

Meine Gäste waren immer wieder überrascht vom sächsischen Bacchus, dem Müller-Thurgau und den weißen Burgundern. Oft habe ich auch Rotweine serviert und dabei die Herkunft nicht genannt. Die Kunden sollten raten, woher der Wein kommt. Kein einziger Gast ist in zehn Jahren auf Sachsen gekommen. Wirklich keiner. Alle fragten: Frankreich? Spanien? Neuseeland?

Warum wollte der Sommelier Fourre auch noch Winzer werden?

Das war Glück, auch Schicksal vielleicht. Ich hatte schon lange mit dem Winzer Karl Friedrich Aust zusammengearbeitet und viel von ihm gelernt. Und dann konnte ich zufällig verwilderte Weinflächen direkt unter dem Radebeuler Spitzhaus pachten. In dieser Zeit wurde mein Sohn geboren. Da wollte ich lieber am Tag arbeiten und nicht mehr jeden Abend. Seit zehn Jahren bin ich auch deshalb Vollzeit- Winzer.

Aber ein Weingut haben Sie nicht?

Mein Problem ist, dass ich kein gelernter Winzer bin und deshalb von der Bank keinen Kredit bekomme. Die Banken interessiert nicht, was im Gault Millau steht, die wollen eine Urkunde.

Das ist wie im Fußball mit dem Trainerschein?

Genau das. Winzer ist in Deutschland ein geschützter Beruf. In jedem anderen Land wäre das kein Problem.

So ist das in Deutschland.

Deshalb muss ich warten, bis meine Lebensgefährtin, die noch Weinbau studiert, mit der Ausbildung fertig ist. Dann wollen wir einen eigenen Keller aufbauen. Ein eigenes Weingut hätten wir natürlich auch gern. Dafür suchen wir noch einen Sponsor, der am Wein interessiert ist.

Wie träumen Sie sich das Weingut?

Ich hätte gern einen Keller, eine Vinothek und möchte da wohnen. Fertig. Ich will nicht das große Geld verdienen, sondern schönen Wein machen und das Leben genießen. Mehr brauche ich nicht.

Französischer Lebensstil.

Genau. Und dann hoffe ich, auch wieder ein bisschen regelmäßiger Urlaub machen zu können.

Ihren Wein stellen Sie nach französischer Art her. Was darf man sich darunter vorstellen?

Ich arbeite den Terroir-Geschmack, den Geschmack des Bodens, vielleicht etwas intensiver heraus als es andere tun. Mein Weißburgunder erinnert deshalb an den elsässischen Wein mit seiner frischen Säure und seiner Fruchtigkeit, aber wenig Schmelz. Ich verkaufe ihn als Pinot Blanc. Oder: Ich stelle einen trockenen Traminer her, wie ihn die Sachsen mögen, und einen süßen, wie er im Elsass üblich ist. Ich gestehe: Die französische Art ist auch ein bisschen Legende, die ich durchaus bewusst forciert habe.

Ihr bekanntester Wein ist der Chimäre de Saxe.

Ich hatte mal meinem Grauburgunder weiß gekelterten Spätburgunder zugesetzt. 15 Prozent darf man zugeben, damit der Wein noch als sortenrein gilt. Aber die Weinbau-Kontrolleure hatten ein Problem damit. Die erklärten, ich hätte Rotwein in den Grauburgunder getan, und dies sei verboten. Aber er ist doch weiß! Den Streit würde in Frankreich kein Mensch verstehen. Ich habe ihn Chimäre de Saxe genannt. Chimäre ist im Weinbau eine Rückmutation. Und "de Saxe" heißt er, weil die Kontrolleure darauf bestanden, dass ich für meine Erfindung Sachsen nicht als Herkunftsland angebe. Tja, nun ist es mein erfolgreichster Wein, ein schöner Cuvée. Einen Sekt gibt es jetzt auch davon.

Sie arbeiten eng mit anderen Winzern zusammen - in der "Gemischten Bude". Was ist das denn?

Das ist ein Klub von fünf Winzern und einem Weinhändler. Wir wollen zunächst durch Gespräche miteinander die Qualität unserer Weine nach oben bringen. Im zeitigen Frühjahr zum Beispiel machen wir zusammen eine Jungweinprobe, wo wir unsere schwierigen Kandidaten vorstellen und uns Rat der Kollegen erhoffen. Wir haben auch eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns direkt im Weinberg Rat holen können. Klappt prima. Und wir vermarkten unsere Weine gemeinsam. So veranstalten wir für Sommeliers, die immer wenig Zeit haben, eine Jungweinprobe. Zu fünf Winzern kommen die eher als nur zu einem. Und wenn einer meinen Müller-Thurgau nicht mag, dann vielleicht den von Andreas Kretschko. Oder die Scheurebe von Stefan Bönsch. Oder den Riesling von Kastler/Friedland. Oder den Kerner von Haus Steinbach. Wir machen uns keine Konkurrenz, wir werden so alle stärker. Und wir haben auch noch viel Spaß dabei.

Betreiben Sie gemeinsam Marketing?

Wir haben zusammen eine Website und einen Facebook-Auftritt. Beim Weinhändler in Radebeul wird jetzt eine Vinothek der "Gemischten Bude" eingerichtet.

Wo sind die Grenzen der Kooperation?

Die Winzer müssen sich vertragen. Aber bisher klappt das gut. Wir haben uns vorgenommen, immer offen zu reden.

Ihr Wein wird in einer Straußwirtschaft neben dem Spitzhaus in Radebeul ausgeschenkt. Auch eine Form der Kooperation?

Durchaus. Ich bewirtschafte die Flächen ringsherum, direkt dort wird mein Wein ausgeschenkt.

Sie sind auch noch Schatzmeister im sächsischen Weinbauverband. Sie müssen es wissen: Sind die sächsischen Winzer wirklich kooperativ?

Gute Frage. Ich sag mal so: Der Weinbauverband bietet sehr gute Möglichkeiten, die längst nicht alle genutzt werden. Wir könnten viel mehr erreichen, wenn uns mehr Winzer unterstützen würden. Dann hätten wir mehr Mittel, um uns national viel bekannter zu machen.

Ist Sachsen für Sie eine Entscheidung fürs Leben?

Definitiv. Die Leute haben vielleicht am Anfang ein bisschen komisch geguckt, aber dann waren sie alle extrem neugierig auf mich. Und einen so schönen Weinberg wie hier in Radebeul bekomme ich nirgendwo in Frankreich.

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