Fast jedes sechste Lebensmittel in Sachsen beanstandet

Neben Hunderten Kennzeichnungsverstößen fanden amtliche Kontrolleure auch viel Unappetitliches. 61 Produkte waren sogar eine Gesundheitsgefahr.

Leipzig.

Krankmachende Keime im Hackfleisch, zu viel Aluminium im Tee und Pestizide in Obst und Gemüse: Amtliche Kontrolleure fanden im Freistaat im vergangenen Jahr wieder jede Menge Verbotenes. "Von 21.534 überprüften Lebens- und kosmetischen Mitteln mussten wir 3442 beanstanden", sagte Gerlinde Schneider, Präsidentin der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen am Freitag in Leipzig. "Die Mängelquote ist damit im Vergleich zum Vorjahr von 14,9 auf 16 Prozent gestiegen." 2013 lag sie noch bei 12,3 Prozent.

Ursache sind überwiegend Verstöße bei der Kennzeichnung und Aufmachung. Schneider: "Verbraucher werden nicht vollständig, fehlerhaft oder irreführend informiert." Besonders negativ fielen hierbei Diätprodukte und Nahrungsergänzungsmittel auf, die mit unzulässigen Wirkversprechen warben. Vor allem bei unverpackten Lebensmitteln stellten die Kontrolleure falsche oder fehlende Allergen-Angaben fest. Auch Zusatzstoffe wurden nicht immer ausgewiesen.

226 Lebensmittel haben sich als nicht zum Verzehr geeignet erwiesen - zumeist, weil sie mikrobiologisch nicht in Ordnung beziehungsweise verdorben waren. Dabei handelte es sich vor allem um Fleisch, Wurst und Käse. Außerdem mussten 57 Lebens- und 4 Tätowiermittel als gesundheitsschädlich oder -gefährdend eingestuft werden. "Das entspricht 0,28 Prozent aller Proben und liegt auf dem Niveau der Vorjahre", sagte Gesundheitsministerin Barbara Klepsch (CDU) bei der Vorstellung des Jahresberichts. Damit sei die Sicherheit von Lebensmitteln und Kosmetika trotz mehr Beanstandungen nicht gesunken.

Neben zwölf Proben Hackfleisch, die Salmonellen enthielten, wurden krankmachende Keime auch in Käse, Räucherfisch sowie in Rohwurst, Nudel- und Feinkostsalaten nachgewiesen. Fünf Nahrungsergänzungsmittel mussten aufgrund hoher Blei- und Aluminiumgehalte als nicht sicher eingestuft werden. Probleme gab es auch mit sogenannten Kanisterwässern, die mobile Stände auf Märkten oder Festen nutzen. 60 Prozent der Proben entsprachen nicht den mikrobiologischen Anforderungen. Konkrete Hersteller nennt die Behörde nicht.

Im Labor konnten zudem mehrere Fälle von Verbrauchertäuschung aufgedeckt werden. So war im Schafskäse Kuhmilch, in Kalbsleberwurst und Pferdebockwurst Schwein. In einer Wildschweinbratwurst steckte gar kein Wildschwein. Besonders oft stellte sich Döner Kebab als Mogelpackung heraus. Statt Rind und/oder Schaf enthielten die Spieße Pute, Huhn oder Schwein. Auf den Originaletiketten der Hersteller waren sie meist noch korrekt als Kebab-Art ausgewiesen.

Neben Lebensmitteln wurden auch 759 kosmetische Mittel untersucht. "Mehr als 200 davon mussten wir beanstanden, die meisten wegen fehlerhafter Kennzeichnung oder irreführender Werbung", so Schneider. Vielfach versprachen Produkte eine aufbauende, pflegende oder schützende Wirkung von Vitaminen. Diese waren aber bestenfalls in Spuren und nicht in wirksamen Konzentrationen nachweisbar. Im Trend liegt zudem, Kosmetik als konservierungsmittelfrei zu bewerben. Oft taten das Hersteller auch für Produkte, die gar keiner Konservierung bedürften wie zum Beispiel Badesalze oder Pflegeöle.

Elf Prozent der beanstandeten Kosmetikartikel enthielten verbotene Stoffe oder überschritten gesetzliche Höchstkonzentrationen. Sie wurden aus dem Verkehr gezogen.

Die Mängel-Top-5

1. Diätische Lebensmittel: 60,8 % der Proben beanstandet.

2. Nahrungsergänzungsmittel: 54%

3. Säuglingsnahrung: 32,6 %

4. Honig und Brotaufstriche: 31,4 %

5. Würzmittel: 31,3 %

Die fünf dreistesten Lebensmittel-Tricks

Amtliche Kontrolleure haben 2017 wieder jede Menge Verbotenes aufgedeckt. Das reicht von Täuschung bis hin zum Betrug.

Wer Lebensmittel kauft, muss sich auf die Angaben des Herstellers oder Anbieters verlassen. Denn er kann sie oft nicht überprüfen. Doch das ist nicht immer der Fall, wie die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen bei ihren Kontrollen im vergangenen Jahr feststellen musste.

1. Der Schweinedöner: Ein Döner Kebab besteht nach Deutschem Lebensmittelbuch aus Rind- und/oder Schaffleisch. Bei 15 Döner-Proben stellte sich jedoch heraus, dass auch andere Tiere mitverarbeitet wurden - zumeist billigeres Hühner- oder Putenfleisch und sogar Schwein, das sich für eine Spezialität aus einem islamischen Kulturkreis verbietet. Außerdem wurden erhöhte Anteile Hackfleisch, Wasser, Pflanzeneiweiß und Bindemittel in Dönern gefunden. Die meisten Imbissbetriebe beziehen ihre Drehspieße von Spezialherstellern. "Auf den Originaletiketten waren die Abweichungen korrekt gekennzeichnet", sagt Gerlinde Schneider, Präsidentin der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen. "Die Erzeugnisse hießen dann Hackfleischdrehspieße oder nach Döner-Kebab-Art." Diese Information werde jedoch oft nicht an Kunden weitergegeben.

2. Die Wildschweinbratwurst ohne Wildschwein: Bei Fleisch- und Wurstwaren wird besonders häufig gemogelt. Die Landesuntersuchungsanstalt hat deshalb neue Nachweisverfahren eingeführt. Dabei kam zum Beispiel heraus, dass eine Wildschweinbratwurst gar kein Wildschwein enthielt. Gern wird auch das billigere Schweinefleisch in Produkten verarbeitet, in denen der Verbraucher andere Tierarten erwartet. So beispielsweise steckte Schwein in Pferdebockwurst und in Kalbsleberwurst, im Steak und im Beefsteak. Von elf untersuchten Gulasch-Proben wurden fünf aus der Gastronomie beanstandet, weil statt Rind Schweinefleisch verarbeitet war. Damit hätte das Gericht als Schweine-Gulasch ausgewiesen werden müssen. "In zwei Proben Ragout fin konnten wir nur Huhn statt Kalb nachweisen", sagt Schneider. Die Produkte hätten damit Würzfleisch heißen müssen.

Auffällig war auch diesmal wieder, dass in Fleisch und Wurst oft zu viel Bindegewebe, Wasser oder Speck mitverarbeitet wurde, was die Qualität mindert, aber meist nicht korrekt im Zutatenverzeichnis angegeben war. "In 54 Fällen fehlte die Kenntlichmachung von Zusatzstoffen", sagt Schneider. In drei Rohschinken und einer Blutwurst sei zu viel Kochsalz gewesen.

3. Der Wasserfisch: Fisch wird gern mit Wasser versetzt, damit er mehr Volumen hat und mehr Geld an der Theke bringt. Auch in Sachsen konnte die Landesuntersuchungsanstalt solche Praktiken nachweisen: "In zwei Proben Pangasiusfilet, einem Rotbarsch- und einem Zanderfilet wurden deutlich erhöhte Wasser-Eiweiß-Verhältnisse ermittelt", sagt Präsidentin Schneider. Verboten ist der Wasserzusatz nicht, er muss aber gekennzeichnet sein, was nicht der Fall war.

4. Die Supersmoothies: Smoothies sind als schnelle Extraportion Obst oder Gemüse beliebt. Doch Vorsicht vor den Versprechen auf der Flasche. "Im Zuge des Detox-Trends werden sie gern mit entgiftenden Eigenschaften beworben", sagt Schneider. "Doch weil die wissenschaftlichen Nachweise unzureichend sind, dürfen keine gesundheitsbezogenen Angaben zum Entgiften gemacht werden." Ein weiteres Problem sei, dass Zutaten ausgelobt würden, die nur in verschwindend geringer Menge enthalten seien. So wurden bei einem Smoothie für die Zutat Matcha der hohe Gehalt an Antioxidantien, Vitaminen, Mineralstoffen und die Wirkung auf den Stoffwechsel gepriesen. Tatsächlich enthielt das Produkt aber nur 0,1 Prozent Matcha. Positiv: mikrobiologisch und chemisch waren alle untersuchten Smoothies einwandfrei - auch frisch zubereitete.

5. Der antibiotische Honig: Honig wird auf der Verpackung oft als besonders gut für die Gesundheit beworben: Er soll das Immunsystem stärken, antiseptisch, antioxidativ und wundheilend wirken. Er soll unterstützend bei Erkältung, Bronchitis, Magen-/Darmbeschwerden und Entzündungen im Mund-/Rachenraum sein. All diese Angaben jedoch sind verboten. Der Grund: Lebensmittel dürfen nur mit gesundheitlichen Vorteilen beworben werden, wenn diese sogenannten Health Claims zugelassen sind. Bei Honig jedoch sah die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit keinen ausreichenden, wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass es einen Zusammenhang von Honig und Gesundheit gibt.

Besonders eine Sorte fiel im vergangenen Jahr auf: Manukahonig, der eine antibiotische Wirkung verspricht. Der Manukabaum ist sehr selten und kommt in Neuseeland vor. Die Importe kosten mit bis zu 25 Euro pro 100 Gramm dann auch entsprechend viel. Das nutzen Betrüger, gewinnen aus der ähnlichen, weniger wirkungsvollen Pflanze Kanuka Honig und verkaufen ihn als Manukaprodukt. Die Landesuntersuchungsanstalt will eine neue Nachweismethode etablieren, um einen solchen Lebensmittelbetrug künftig ahnden zu können.

Fazit: Wer den Jahresbericht der Lebensmittelkontrolleure am Stück liest, könnte zu dem Schluss kommen, keinem mehr trauen zu können. Tatsächlich aber arbeitet die Mehrzahl der Hersteller und Anbieter in Sachsen sauber und korrekt.

Und es gibt auch gute Nachrichten: Alle 88 Proben Rohmilch zum Beispiel, die zur Weiterverarbeitung in Tanks transportiert wurden, waren mikrobiologisch einwandfrei. Zudem hat die Landesuntersuchungsanstalt Sachsen von 2012 bis 2017 über 4000 geschlachtete Tiere auf Antibiotikarückstände untersucht. Positiv waren weniger als ein Prozent.

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