In welchem Fleisch steckt Tierwohl?

Selbst Discounter geben sich jetzt mit neuen Labels tierfreundlich. Doch einige versprechen mehr als sie halten - und verwirren mehr als sie helfen

Bei Fleisch aus konventioneller Haltung - immerhin 98 Prozent aller Steaks, Schnitzel oder Würstchen - können Kunden kaum erkennen, wie es den Tieren im Stall ergangen ist. Daran ändern auch die neuen Tierhaltungslabels der Discounter wenig: Aldi kennzeichnet das Frischfleisch seiner Eigenmarke seit Kurzem mit einem "Haltungstransparenz"-Label, und Lidl hat einen "Haltungskompass" eingeführt. Die Verwirrung ist perfekt, da es noch weitere Labels gibt. Katrin Wenz, Agrarexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND, fordert deshalb eine verbindliche staatliche Kennzeichnung für Fleisch, die auch Transport und Schlachtung abdeckt - und die den Namen "Tierwohl" auch verdient. Martina Hahn hat mit ihr gesprochen.

 

"Freie Presse": Frau Wenz, sind Aldi und Lidl jetzt mit ihrem eigenen Tierhaltungslabel unter die Tierschützer gegangen?

Katrin Wenz: Dazu sind die Kriterien in ihrer ersten und zweiten Stufe des Labels viel zu schwach. Echtes Tierwohl sieht anders aus. Und solange die Lebensmittelhändler Fleisch immer wieder mit Billigpreisen bewerben, kann man definitiv nicht davon sprechen, dass sie auf Tierschutz setzen. Aber der Handel spürt den Druck der Verbraucher. Er weiß, dass immer weniger Konsumenten Fleisch aus Massentierhaltung essen wollen. Die neue Kennzeichnung der Discounter ist zumindest der erste kleine Schritt in die richtige Richtung. Sie ersetzt jedoch keine staatliche verbindliche Haltungskennzeichnung.

Helfen mir die neuen Fleischlabels beim Einkauf?

Nur bedingt. Verbraucher können sich beim Discounter meist noch immer nicht darauf verlassen, dass es dem Tier vor der Schlachtung gut ging. Ich habe eine Stichprobe gemacht: Das meiste Fleisch ist dort mit der Stufe 1 und 2 gekennzeichnet. Eins ist der gesetzliche Standard, zwei ist Fleisch von der brancheneigenen Initiative Tierwohl. Das heißt: Es kommt aus Haltungen, die nicht oder kaum über die ohnehin gesetzlichen Anforderungen hinausgehen. Es stammt noch immer aus Massentierhaltung. Die Zustände dort sind bekannt. Damit loben Discounter mit Einstiegsstufe 2 etwas als Tierwohl aus, wo kein Tierwohl drin ist. Da ist viel Augenwischerei im Spiel - zumal ich im Discounter kaum Fleisch der strengeren Stufen 3 und 4 finden konnte, die für artgerechte Haltung stehen.

Es gibt noch weitere Fleischlabels, und auch die Bundesregierung plant ein staatliches Tierwohl-Siegel. Blicken Verbraucher da noch durch?

Nein - wie auch? Die verschiedenen Initiativen setzen unterschiedliche Standards und sind kaum vergleichbar. Meist sind sie unbekannt und selten verfügbar. Mal haben die Labels zwei oder wie bei den Discountern vier unterschiedliche Strenge-Stufen: von Stallhaltung über Stallhaltung Plus zu Auslauf und Bio oder dem höchsten konventionellen Standard. Mal sind die Kriterien freiwillig, und der Auslobende kann sich aus einem Strauß Kriterien die ihm beliebtesten aussuchen, mal sind sie verpflichtend wie bei Bio. Es fehlen eine einheitliche Regelung und verlässliche Informationen.

Welche Labels im Supermarkt stehen für artgerechte Haltung?

Ich empfehle die Labels von Neuland, Vier Pfoten, die Premiumstufe des Labels des Deutschen Tierschutzbundes oder Bio. Dem staatlichen Biosiegel liegen klare verbindliche Kriterien zugrunde, die die EU-Ökoverordnung vorschreibt und die auch von Dritten überprüft werden. Die Öko-Anbauverbände wie etwa Bioland, Naturland oder in Sachsen die Gäa sind sogar noch strenger. Bei Bio kann ich mir als Verbraucher ganz leicht die Kriterien erschließen. Solche klaren Vorgaben benötigen wir auch für die Haltungskennzeichnung.

Apropos Bio-Siegel: Warum braucht es bei Discountern trotzdem die Kennzeichnungsstufe 4?

Nicht jeder Kunde möchte Bio-Fleisch kaufen. Manchen ist das zu teuer. Anderen ist zwar das Tierwohl wichtig, nicht aber, ob das Tier Öko-Futter im Trog hatte.

Muss Fleisch aus artgerechter Haltung teurer sein?

Ja, es wird teurer sein als der Euro, den wir an der Theke für ein Schnitzel aus Massentierhaltung bezahlen. Aber es muss nicht so teuer sein wie Bio. Wer Tiere artgerecht hält, hat höhere Ausgaben.

Laut Tierschutzbund verhindert der Bauernverband, dass die gesetzlichen Standards angehoben werden. Sehen Sie das auch so?

Die Fleischindustrie steht mit dem Rücken zur Wand. Wegen des veränderten Fleischkonsums und der massiven Umweltschäden durch die Massentierhaltung ist sie inzwischen zwar zu Änderungen bereit, aber leider nur zu ganz kleinen. Damit Tiermäster Investitionen - wie weniger enge Ställe - planen können, brauchen sie die Sicherheit, dass das Geld wieder reinkommt.

Braucht es ein staatliches Tierwohlsiegel?

Ja. Das von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner geplante gesetzliche Tierwohl-Siegel wird nach jetzigem Stand aber wohl ein freiwilliges bleiben. Das geht uns nicht weit genug. Wir haben zusammen mit Tierschutz- und Umweltverbänden Kriterien definiert, wie ein staatliches Tierwohlsiegel aussehen muss, um den Namen zu verdienen. Dazu zählen mindestens Stroh als Beschäftigungsmaterial und keine Neuzulassung von Spaltenböden. Auch der Ringelschwanz muss dranbleiben. Das ist für uns die rote Linie.

Wie sieht diese rote Linie beim Platz im Stall aus?

Wir fordern, dass beim staatlichen Tierwohl-Label in der Einstiegsstufe ein Schwein im Stall mindestens 40 Prozent mehr Platz zur Verfügung hat, als derzeit laut Gesetz oder eben auch in der Eingangsstufe 1 der Discounter-Labels vorgegeben ist. 40 Prozent klingt viel, ist es aber nicht. Derzeit hat ein 110-Kilo-Schwein in der konventionellen Haltung 0,75 Quadratmeter Platz. 40 Prozent mehr wären 1,05 Quadratmeter. Das ist immer noch wenig.

 

Diese Haltungs-Labels gibt es im Supermarkt 

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