Kein Ende der Fleischeslust

Die Produktion sinkt, aber der Fleischhunger wächst. Das ist nur eine Erkenntnis des neuen Fleischatlas.

Schweinepest, Tönnies oder ein Fischmarkt in Wuhan: Die Fleischindustrie war letztes Jahr mehrfach negativ in den Schlagzeilen. Zumindest in Deutschland macht sich das beim Fleischkonsum bemerkbar - Ersatzprodukte boomen. Trotzdem kommen immer noch rund 60 Kilo Fleisch pro Jahr und pro Person auf den Teller. Welche Auswirkungen das hat und welche Ernährungstrends es gibt, zeigt der am Mittwoch vorgestellte Fleischatlas von BUND und Heinrich Böll Stiftung.

Junge Deutsche essen weniger Fleisch: Deutschland ist innerhalb der EU der größte Fleischproduzent, und die afrikanische Schweinepest wurde so zum besonderen Verhängnis. Aufgrund des Exportverbotes gab es auf einmal mehr Fleisch auf dem deutschen Markt. Unter dem damit verbundenen Preisverfall litten vor allem kleine Betriebe, die teurer produzieren.

Seit 2013 beleuchtet der Fleischatlas das Konsumverhalten. Zumindest für Deutschland lasse sich ein leichter Rückgang im Fleischverbrauch feststellen, bilanziert Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung. "Das hat mit gesundheitlichen, ökologischen und Tierschutzbedenken zu tun." Vor allem junge Menschen treiben diese Entwicklung voran: Laut einer Umfrage unter jungen Deutschen zwischen 15 und 29Jahren ernähren sich mehr als zehn Prozent vegetarisch - zwei Prozent verzichten ganz auf tierische Produkte. Das seien mehr als doppelt so viele wie im Rest der Bevölkerung. Vor allem im Vergleich zu Männern; die würden nämlich doppelt so viel Fleisch und Wurst essen wie Frauen. Global gesehen wird der Fleischhunger allerdings größer.

China treibt Fleischkonsum nach oben: Zum ersten Mal seit über 50 Jahren ist die weltweite Fleischproduktion gesunken: Mit einem veränderten Konsumverhalten hat das nichts zu tun. Stattdessen hat die Afrikanische Schweinepest die weltweite Produktion unweigerlich gehemmt. Mitte 2019 waren mit 150 bis 200 Millionen Schweinen mindestens 30 Prozent der chinesischen Schweinepopulation infiziert und die Produktion auf dem niedrigsten Niveau seit 2003.

Mit Blick auf die letzten 20 Jahre hat sich der weltweite Fleischkonsum - getrieben durch Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum - mehr als verdoppelt. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist regional und sozial sehr ungleich verteilt und reicht von mehr als 100 Kilogramm in den USA oder Australien bis zu 17 Kilo auf dem afrikanischen Kontinent - und wird in den nächsten zehn Jahren auch nicht besonders schnell ansteigen. Anders sieht es in Asien aus. Allein auf China entfällt fast ein Drittel unseres heutigen Fleischverzehrs: Nirgends sonst stieg der Konsum so schnell an - und trotzdem liegt der Pro-Kopf-Verbrauch noch unter der Hälfte der USA.

Auf dem Teller landet immer mehr Schwein und Geflügel. Der Anteil von Rind und Schaf am Gesamtkonsum nimmt ab. In den kommenden zehn Jahren wird allein der Anteil an Geflügel rund die Hälfte des globalen Zuwachses ausmachen. Das liegt unter anderem am Preisvorteil sowie am niedrigeren Fettanteil.

Dieser anhaltende Hunger hat Folgen: "Tausende Menschen werden durch den Futtermittelanbau von ihrem Land vertrieben und Arbeiter in den Schlachthöfen werden ausgebeutet und zu inhumanen Bedingungen untergebracht", führt Unmüßig die Konsequenzen vor Augen. Im Sommer sei durch die Ausbrüche bei Tönnies klar geworden, dass unser Fleischkonsum auch eine "Bedrohung für die globale Gesundheit" darstellt.

Fleischindustrie ohne Klimastrategie: Laut der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft ist unser Fleischkonsum zu rund 14,5 Prozent für die globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Allein die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne blasen genauso viele klimaschädliche Gase in die Luft wie der weltgrößte Ölkonzern Exxon. "Der Unterschied: Exxon hat eine Klimastrategie - die Fleischindustrie nicht", sagt Unmüßig. Ausschlaggebend: Etwa 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche - Grasland als Weiden sowie Äcker für den Anbau von mehr Futter - werden für die Viehzucht genutzt. "Für den Hunger nach Fleisch opfern wir die artenreichsten Flächen der Welt", sagt Unmüßig und unterstreicht damit die Forderung des Fleischatlas, den Konsum der Industrienationen um die Hälfte zu halbieren.

Verbraucher in der Verantwortung: Positiv heben die Autoren die Entwicklung auf dem Markt für Fleischersatzprodukte hervor. Längst sei auch die konventionelle Fleischindustrie auf diesen Trend aufgesprungen. Die Herstellung von Fleischersatzprodukten gilt als umweltfreundlicher als die von Fleisch: Denn im Unterschied zu Futtersoja beziehen deutsche Handelsmarken Soja für Ersatzprodukte überwiegend aus europäischem Anbau. Für einen nachhaltigen Wandel, der auch Geringverdiener mitnimmt, müssten die Steuern für Fleisch angepasst werden.

Das Buch

51 Seiten dick - der neue Fleischatlas. Online gibt es ihn auf der Webseite des BUND.

Fleischkonsum als Pandemietreiber

Einkäufe auf Wochenmärkten waren dieses Jahr kaum drin. Dass viele Märkte aufgrund der Pandemie schließen mussten, könnte ein Fischmarkt in Wuhan ausgelöst haben. Dort wurden nicht nur frischer Fisch, sondern auch lebendige Tiere verkauft: Neben zusammengepferchten Schlangen und Babykrokodilen reihten sich vollgestopfte Hühnerkäfige.

Ziemlich riskant, gerade mit Blick auf die Epidemien der letzten Jahre: Egal ob Covid, Zika oder Ebola, alles Krankheiten, die vom Tier auf den übergesprungen sind, sogenannte Zoonosen. Die internationale Organisation für Tiergesundheit schätzt, dass 60 Prozent aller beim Menschen existierenden Infektionskrankheiten von Tieren ausgehen.

Die Übertragung ist äußerst vielfältig. Das kann beim Kuscheln mit Haustieren oder engem Kontakt mit Nutztieren passieren. In den letzten Jahren sind solche Ausbrüche angestiegen - auch, weil immer mehr Menschen in abgelegene Lebensräume vordringen, um neue Teile des Regenwaldes abzuholzen. Die Tiere werden aus dem Wald und in die Fänge von Jägern und Wilderern gedrängt, um vielleicht auf einem Wildtiermarkt zu enden.

So kommen auf einmal ganze Menschenmassen mit scheinbar neuartigen Infektionskrankheiten in Kontakt. Die Chefin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, Inger Andersen, warnt vor einer solchen Entwicklung: "Wenn wir die Tierwelt weiterhin ausbeuten und unsere Ökosysteme zerstören, werden wir in den kommenden Jahren einen weiteren Anstieg dieser Krankheiten erwarten." Ob das Coronavirus tatsächlich auf dem Fischmarkt oder in einem Labor ausgebrochen ist, lässt sich noch nicht beweisen. Allerdings ist davon auszugehen, dass der erste Covidpatient zwei Flügel hatte.

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