Macht Milch wirklich krank?

Milch galt früher als gesund, ist heute aber umstritten. Was dran ist an der Kritik, wollte die "Freie Presse" von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung wissen.

"Freie Presse": Frau Gahl, ein Kollege trinkt täglich ein Liter Milch, und eine vegane Kollegin gibt ihrer kleinen Tochter gar keine Milch. Wer hat recht?

Antje Gahl: Wenn der Mann keine Gewichtsprobleme hat und die Mutter darauf achtet, dass das Kind genug Kalzium aus anderen Produkten erhält, muss beides nicht krank machen. Dennoch rate ich von Extremen ab.

Warum beim Mann?

Weil Milch kein Durstlöscher ist, sondern ein sehr nahrhaftes Lebensmittel. Ein Liter Vollmilch enthält 650 Kalorien, so viele wie eine Tafel Schokolade. Hinzu kommt, dass bei einem sehr hohen Milchverzehr von mehr als 1,2 Liter pro Tag ein erhöhtes Erkrankungsrisiko für Prostatakrebs beobachtet wurde.

Wie viel Milch pro Tag empfehlen Sie Erwachsenen?

Etwa 200 bis 250 Gramm Milch oder Milchprodukte sowie 30 bis 60 Gramm Käse sind bei Erwachsenen ok. Das wären etwa ein Glas Milch oder ein großer Kaffee Latte oder ein Becher Joghurt sowie zwei Scheiben Käse. Kinder brauchen etwas mehr, sie sind noch im Wachstum und können 350 bis 400 Gramm Milch und Milchprodukte verzehren. Grob bedeutet das: ein Glas Milch, eine Scheibe Käse und einen Becher Joghurt am Tag - am besten in drei Portionen über den Tag verteilt.

Milchkritiker warnen aber vor Milch jenseits des Kindesalters.

Milch und Milchprodukte sind in jedem Alter gute Kalziumlieferanten. Erwachsene wachsen nicht mehr, bei ihnen geht es aber um den Erhalt der Knochenmasse sowie den Schutz vor Osteoporose und Hüftfrakturen. Eine unzureichende Knochenstruktur im Alter erhöht die Wahrscheinlichkeit von Brüchen. Senioren sollten 57 bis 67 Gramm Eiweiß am Tag zu sich nehmen; ein Glas Milch bringt 6 Gramm. Wer sich vegan ernährt, kann Proteine, Vitamin B12 und Kalzium über Spinat, Brokkoli, Beeren, Hülsenfrüchte oder Nüsse auf- nehmen. Oder er trinkt Mineralwasser mit mindestens 150 mg Kalzium pro Liter.

Im Handel gibt es auch angereicherte Milch. Braucht es die?

Nein. In den USA wird Milch mit Vitamin A und D angereichert. Dabei enthält Milch sowieso beide Vitamine. Ein weiteres Beispiel ist Kindermilch. Sie wird oft mit Vanille aromatisiert und ist sehr süß. Sie darf ja bis zu 30 Prozent Zucker und Aromen enthalten. Abgesehen von den Kalorien ist das auch für die Geschmacksbildung ungünstig: Kinder werden auf süß geeicht.

Sie empfehlen Milch, obwohl Studien belegt haben, dass Milch Krebs befördern kann?

Eine Analyse des Max-Rubner-Instituts, des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel, ergab, dass der Verzehr von Milchprodukten das Risiko eines Schlaganfalls reduziert. Zum Thema Krebs: Der Verzehr von Milch und Milchprodukten geht mit einem leicht verringerten Risiko für Dickdarmkrebs einher. Für Prostatakrebs gilt das zum Mann Gesagte.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, Milch sei für Kälber gedacht - und damit für Menschen ungeeignet?

Ich entgegne ihnen, dass "artfremde" Milch bereits seit 8000 Jahren als Lebensmittel genutzt wird, weit verbreitet und ein wertvoller Nährstofflieferant ist und wir uns im Laufe der Evolution an den Milchkonsum auch im Erwachsenenalter angepasst haben.

Aber weltweit kann nur eine Minderheit artfremde Milch verdauen.
Das stimmt. Ausnahmen gibt es natürlich, denn nicht jeder Mensch verträgt jedes Lebensmittel. Etwa 70 bis 90 Prozent der Menschen - vor allem in Südeuropa, Asien und Afrika - fehlt das Enzym Lactase. Es spaltet im Körper die Lactose, den Milchzucker, in Einzelzucker, damit diese durch die Darmwand ins Blut übergehen können. Die Menschen auf der Nordhalbkugel haben über genetische Mutation "gelernt", körpereigene Lactase zu produzieren, um Lactose verwerten und verdauen zu können. Doch auch bei uns bildet jeder Fünfte nicht genügend von dem Enzym und verträgt daher den Milchzucker nicht!

Wie äußert sich das?

Die Beschwerden sind individuell sehr unterschiedlich. Betroffenen wird gleich oder auch erst Stunden nach dem Verzehr von Milch, Joghurt, Sahne oder Käse unwohl, sie bekommen davon Blähungen, Bauchkrämpfe oder sogar Durchfall. Gelangt unverdaute Lactose in den Dickdarm, wird sie von dortigen Bakterien genutzt und abgebaut. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren und Gase wie Wasserstoff und Kohlendioxid, also Bauchkrämpfe.

Laut Max-Rubner-Institut haben Bauchschmerzen nach dem Milchkonsum bei jedem Dritten andere Ursachen. Wie erfahre ich, ob ich an einer Laktoseintoleranz leide?

Das kann ein Arzt oder Allergologe per Wasserstoff-Atemtest abklären. Das Ergebnis ist auch wichtig, weil Milchzucker oft in verschiedensten Produkten wie Suppen, Eis, Desserts, Back- und Wurstwaren, Kaffeemischgetränken und Fertigprodukten versteckt ist. Auf der Zutatenliste steht dann häufig Trockenmilch, Magermilch- oder Molkepulver. Von Allround-Tests aus der Apotheke oder Bluttests raten wir ab.

Fällt der Test positiv aus, ist dann Milch für den Betroffenen auf ewig ein Tabu?

Ja und nein. Eine Lactoseintoleranz verwächst sich nicht. In den meisten Fällen tritt sie erst im Erwachsenenalter auf. Die Produktion des Enzyms nimmt im Laufe des Lebens ab, sodass es mit den Jahren oftmals schlimmer wird. Ein völliger Verzicht auf Milchprodukte ist aber nur selten nötig. Die meisten vertragen ohne Probleme bis zu zwölf Gramm Lactose - das entspricht etwa einem Glas Milch oder 100 Gramm Milch- oder Joghurteis. Wichtig ist, dass Patienten ihre Toleranzgrenze herausfinden. Sie können zudem zu lactosefreier Milch greifen: Hier wird das Laktase-Enzym schon während der Herstellung zugesetzt, die Lactose direkt gespalten, so dass sie nicht mehr als Milchzucker vorliegt.

Und Käse?

Viele Lactoseintolerante vertragen gereiften Käse wie Gouda, Edamer, Bergkäse, Parmesan oder Emmentaler. Je reifer der Käse, desto weniger Milchzucker enthält er. Betroffene können - nach Absprache mit ihrem Arzt - vor oder zum Essen auch Laktase-Tabletten einnehmen, die den Milchzucker spalten.

Alternativen zu Milch sind sehr gefragt

Drinks aus Soja, Reis oder Mandeln nicht immer gut

Weltweit hat sich der Absatz von Pflanzenmilch seit 2010 mehr als verdoppelt. Auch in Sachsen gehen die Verkaufszahlen steil nach oben: Eine steigende Nachfrage verzeichnen Rewe und Penny und Edeka. Galeria Kaufhof in Chemnitz verkauft Pflanzendrinks aus Kokos oder Haselnuss, allerdings ohne Bio-Siegel. Selbst Aldi, Lidl & Co. haben Bio Soja-Reis-, Mandel- oder die gut zu Kaffee schmeckenden Haferdrinks im Sortiment, teils sogar als Eigenmarke. Bei Netto gibt's das Ganze in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Angeboten werden zudem Milchalternativen aus Cashew, Dinkel, Roggen, Hanf und Süßlupine.

Verantwortlich für den Boom sind nicht nur Menschen, die keine Milch vertragen, sondern vor allem Vegetarier, Veganer und Flexitarier - also Menschen, die den Konsum von Tierprodukten bewusst reduzieren. Sie setzen auf die Pflanzendrinks als Eiweißlieferanten. Will man täglich pro Kilo Körpergewicht 0,8 Gramm Eiweiß zu sich nehmen, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, muss man sich anstrengen. Was die Nährstoffbilanz angeht, ist Sojamilch die beste Alternative, ergab eine Studie der McGill- Universität in Montréal. Milch aus Sojabohnen kommt Kuhmilch am nächsten, enthält Folsäure und kein Cholesterin und lässt sich gut aufschäumen. Reis-, Mandel- und Kokosnussmilch hingegen enthalten weniger Nährstoffe oder Eiweiß.

Hier setzt die Kritik von Ernährungsexperten an. Weil sie sehr nährstoff- und proteinarm sind, werden Pflanzendrinks, vor allem die Getreidemilch- und Nusssorten, in der Regel mit Kalzium, Vitaminen oder Proteinen angereichert sowie mit Aromen wie Vanille oder Schoko versetzt und gesüßt. "Das sind hoch aufbereitete Lebensmittel", so Verbraucherschützerin Birgit Brendel. Hinzu komme, dass Soja-, Mandeldrinks, auch Dinkel- und Hafergetränke (Stichwort Gluten) Allergien auslösen können. Da Pflanzenmilch (Ausnahme Kokosmilch) wenig Fett und damit wenig Kalorien haben, wird außerdem häufig Zucker zugesetzt. (mha)

Die Fakten

Inhaltsstoffe Milch: Wasser: 87,2 g, Kohlenhydrate: 4,5 g, Eiweiß: 3,3 g, Fett: 3,5 g, Mineralstoffe/Spurenelemente: Kalzium 120 mg, Phosphat 92 mg, Magnesium 12 mg, Zink 400 µg, Jode 3,3 µg, Fluorid 17 µg, Vitamine: A 31 µg, B2 180 µg, B12 0,4 µg, D 0,06 µg, Folsäure 5 µg. Quelle: www.meine-milch.de

Laut einer Studie der Uni Uppsala erhöhen drei Gläser Milch pro Tag bei Frauen das Risiko, früher zu sterben um 50 Prozent. Auch Bodo Melnik von der Uni Osnabrück sagt: Milch ist für Erwachsene schädlich. Sie fördere das Wachstum von Neugeborenen. Nach dem Abstillen müsse Schluss sein. Stimulatoren in der Milch förderten Akne, Demenz, auch Tumore.

Fazit: Auf Studien können beide Seiten verweisen. Denn für die Gesundheitsgefahr gibt es - mit Ausnahme von Prostatakrebs - keine Belege, so das Max-Rubner-Institut.

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1Kommentare
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  • 2
    2
    1304589
    11.07.2018

    das neue "Sommerlochthema" Milch? ...kaum noch Milch aus der eigenen Region, ... die Biomasse braucht nicht die Kuh sondern die Energiewende, ... Milch in Flasche oder Karton wird für Bürger rangekart .... CO2 neutral... ... und nun mus Man(n) sich vorsehen ... gehts noch?



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