Vom Schlosser zum Winzer

Steffen Schabehorn hat ungewöhnlich Karriere gemacht - Nicht immer zur Freude seiner Nachbarn

In der Serie "Sachsens Winzer" stellt die "Freie Presse" regelmäßig Winzer aus dem sächsischen Elbtal vor. Kurz vor dem Tag des offenen Weingutes am Wochenende war Olaf Kittel bei Winzer Steffen Schabehorn in Sörnewitz.

Freie Presse: Herr Schabehorn, Sie haben in der DDR als Schlosser gearbeitet. Wie kamen Sie zum Wein?

Steffen Schabehorn: Da ist die Geschichte schuld. Ich habe früher in Radebeul als jüngstes Gründungsmitglied im Verein Heimatgeschichte erforscht. Dabei habe ich entdeckt, dass schon mein Ururgroßvater hier als Königlicher Hofgärtner und Reblaus-Inspektor gewirkt hat. Das hat mich angeregt, erste Reben anzubauen. Diese Entwicklung wurde allerdings unterbrochen, weil ich 1989 mit meiner Familie über Ungarn und Österreich abgehauen bin.

Wie lief das ab?

Als meine Frau und ich hörten, dass Genscher in der Prager Botschaft grünes Licht gab, schnappten wir unseren Sohn, damals ein halbes Jahr alt, und fuhren mit unserem Skoda MB 1000 schwer beladen von unserer Urlaubsunterkunft im Riesengebirge nach Ungarn. An der Grenze stand ein Soldat mit MPi, der winkte uns einfach durch. In Bayern habe ich wieder als Schlosser gearbeitet. Aber irgendwann rief die Heimat. Wir legten uns gleich einen ersten Weinberg zu.

Und wie kamen Sie zum Weingut?

Wir haben lange gesucht und dann den schönen Dreiseithof an der Weinstraße in Sörnewitz gefunden, etwas abseits wegen der Preise. Hier habe ich dann auch das einzige Geschäft für Winzerbedarf in Sachsen eröffnet. Bis 1999 arbeitete ich noch als Schlosser. Dann gab es in der Firma Probleme, weil ich mich zu sehr für die Arbeitnehmer eingesetzt hatte. Ich kündigte selbst fristlos, war ein Jahr arbeitslos und baute das Weingut in der Zeit auf. Noch 1999 kam unser erster Wein auf den Markt. Mit null Wissen.

Streiten Sie gern?

Eher weniger. Ich wehre mich nur. Ich hatte schon immer das Problem, dass ich angefeindet wurde. Vielleicht wegen des Erfolgs. Auch von Nachbarn, die mit den Grundstücksgrenzen nicht einverstanden waren.

Sie hatten ziemlichen Ärger, als Sie erklärten, Waschbären erschlagen zu haben.

Vor zwei Jahren stellten wir mit Schrecken fest, dass auf einem Weinberg in der Nähe der Gauernitzer Elbinsel die Hälfte der Trauben abgefressen waren. Waschbären, die sich auf der Insel stark vermehrten, hatten unsere Schutznetze aufgerissen und 10.000 Euro Schaden angerichtet. 2018 war die Lage ähnlich. Wir baten überall um Hilfe, bekamen aber keine. Ich sollte mir nur einen Jäger holen und bezahlen.

Und dann haben Sie fünf Waschbären eigenhändig erschlagen?

Das ist strittig und wird erneut vor Gericht behandelt. Es geht jetzt um eine Strafe von 2000 Euro.

Aber Sie hatten das zugegeben.

Ich hab die Aussage widerrufen. Und ich bin in die Gegenoffensive gegangen und klage gegen die Jäger und den Landrat, weil sie nicht verhindern, dass Waschbären auf der Insel geschützte Tierarten vernichten, Eulen und Graureiher zum Beispiel.

Sie streiten also doch gern.

Ich bin Naturfreund und töte nicht gern Tiere, glauben Sie mir. Aber die Politik tut ja nichts.

Okay. Sie führen immerhin seit 20 Jahren ihr eigenes Weingut.

Ja, zusammen mit meinem Sohn, er ist ausgebildeter Winzer, betreibe ich seit sieben Jahren biologischen Weinbau ohne Zertifikation, seit 2017 gibt es veganen Wein ohne Gelatine und Eiweiß-Schönungen. Nächstes Jahr wollen wir noch jemanden einstellen. Wir bewirtschaften etwa vier Hektar Rebfläche, davon einen Hektar Steillage am Proschwitzer Katzensprung. Das ist ein gutes Verhältnis. Ich kann so die Gewinne, die auf den flachen Rebflächen entstehen, in die teuren Steillagen stecken.

Welche Weine gibt es bei Ihnen?

Unsere Hauptsorten sind Müller-Thurgau, Bacchus, Kerner und Riesling sowie Regent, Dornfelder und Spätburgunder. Wir haben die Mengen deutlich reduziert, um die Qualität zu verbessern. Die Preise liegen zwischen sieben und 18 Euro, im Schnitt so 8,50 bis neun Euro.

Das ist günstig. Wie machen Sie das?

Das frage ich mich auch jeden Tag. Aber wir werden die Preise erhöhen und uns den anderen Erzeugern anpassen müssen. Wir bieten Qualität und nicht Massenware aus dem Tankwagen, wie das etwa Anbieter aus der Pfalz tun.

Was geht denn bei Ihnen am Sonnabend und Sonntag ab auf dem Hof?

Bei uns gibt es Livemusik mit Tanz bis in die Nacht. Denn wir verbinden diesmal den 20. Tag des offenen Weingutes mit dem 20. Jahrestag unseres Weingutes. Dazu gibt es unseren Wein und Sekt - wir wurden 2018 zu einem der zehn besten Sekterzeuger Deutschlands gekürt. Wir freuen uns sehr, dass immer mehr Gäste aus der Chemnitzer Ecke kommen, seit wir dort auf dem Weinfest vertreten sind.

Viele Besucher werden am Wochenende mehrere Weingüter besuchen wollen.

Wir haben drei Weingüter in Sörnewitz, es gibt noch die Winzer Schuh und Henke. Aber es ist ratsam, sich Zeit für ein Gut zu nehmen, die Winzer eingehend zu befragen und die Weine zu verkosten.

Das klingt zurückhaltend. Sind die beiden anderen Winzer Konkurrenten?

Ich würde sagen, es sind Mitbewerber. Allerdings hat es mit dem Senior vom Weingut Schuh massive Probleme gegeben. Er hat mich verklagt, wollte mein Weingut verhindern, ist gegen meine Etiketten vorgegangen. Das hat mich viel Geld gekostet. Aber diese Zeiten sind vorbei. Mit den meisten Winzern in Sachsen komme ich gut zurecht.

Tag des offenen Weingutes

46 Weingüter, Weinbaubetriebe und Straußwirtschaften entlang der Sächsischen Weinstraße öffnen am Sonnabend und Sonntag für Besucher.

Kellerführungen, Schlenderweinproben und Weinbergswanderungen werden angeboten, in 30 Höfen gibt es Livemusik - und natürlich Wein sowie allerlei Leckeres zum Essen.

Dreier-Weinproben für den Einheitspreis von sieben Euro (0,1 l je Glas) bietet jedes Weingut an.

Einen Shuttle-Service für Weingutbesucher bietet die Verkehrsgesellschaft Meißen an. Die Busse pendeln rechtselbisch im 20-Minuten-Takt zwischen Diesbar-Seußlitz, Meißen und Radebeul, linkselbisch stündlich zwischen Radebeul, Cossebaude und Weisstropp. Im Ticketpreis von sieben Euro ist ein Glas Wein inklusive.

Fahrplan: www.vg-meissen.de

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