Warum müssen Obst und Gemüse in Plastik verpackt sein?

Selbst Bio-Ware ist oft eingeschweißt - und daran sollen auch die Kunden eine Mitschuld tragen

Unsere Ozeane versinken im Plastikmüll. Rund 37 Kilogramm erzeugt jeder Bundesbürger pro Jahr, hat das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft errechnet - 30Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. EU-weit werden nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe jedes Jahr 49 Millionen Tonnen Kunststoff in den Verkehr gebracht. Tendenz steigend. Doch Verbraucher können im Supermarkt Plastikmüll vermeiden, sagt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale in Hamburg. Martina Hahn hat mit ihr gesprochen.

"Freie Presse": Frau Schwartau, Obst und Gemüse sind im Supermarkt oft eingeschweißt - warum eigentlich?

Silke Schwartau: Plastik hält Obst und Gemüse länger frisch, weil dadurch kein Wasser verdunstet. Die Plastikschalen schützen Tomaten, Beeren oder anderes Obst und Gemüse auch vor Stößen und Zerquetschungen beim Transport nach Hause. Eingefärbtes Plastik schützt zudem vor Licht, beispielsweise werden Kartoffeln in dunkler Folie nicht grün.

Selbst frische Bio-Ware wird oft in Plastik eingepackt - muss das sein?

Nicht unbedingt - aber leider wird Bioware im Supermarkt häufig mit konventioneller Ware verwechselt. Plastik schützt Bio vor einer eventuellen Kontamination mit Pestiziden; die Bio-Banane und die konventionelle Banane liegen ja meist nebeneinander. Aber der Handel forscht an innovativen Methoden: In einigen Geschäften werden Melonen, Süßkartoffeln oder Mangos auf der Schale bereits mit einem Laser gekennzeichnet.

Warum ist dann auch im Biomarkt frisches Obst und Gemüse oft eingepackt? Dort droht ja keine Verunreinigung durch konventionelle Ware.

Manchmal geht es vor allem um Frische, Hygiene und Lebensmittelsicherheit. Aber aus unserer Sicht ist das kein überzeugendes Argument, denn Plastik und Bio passen nicht zusammen. Viele Öko-Anbieter arbeiten an Alternativen, etwa Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Hanf oder bestimmten Palmblättern.

Im Biomarkt liegen Plastiktüten oft schneller auffindbar aus als Papiertüten. Soll ich mich da als Verbraucher beim Filialleiter beschweren?

Ja, das würde ich machen. Wir müssen alle etwas gegen die Plastikflut tun, und insbesondere Bio steht doch eigentlich für Nachhaltigkeit! Mehrwegnetze oder andere Transportbehälter gegen Pfand würden bei den häufig sehr umweltbewussten Kunden bestimmt gut ankommen. Und natürlich müssen Papiertüten eher auffindbar sein als Plastiktüten, keine Frage!

Auch Salate sind oft eingeschweißt, bleiben tagelang frisch - und welken sofort, wenn sie ausgepackt werden. Wie kommt das?

Sobald Luft an die Salate kommt, setzt der Prozess des Welkens ein. Einige Anbieter setzen bei geschlossenen Verpackungen auch Schutzgase ein, etwa in Form von Stickstoff oder Kohlendioxid.

Was können Verbraucher tun, die beim Kauf von frischem Obst und Gemüse keine Lust auf Plastik haben?

Sie können auf dem Wochenmarkt einkaufen. Manche Supermärkte bieten Mehrwegbeutel an, oder sie bringen Ihren eigenen Mehrwegbehälter mit. Wir beobachten, dass Obst und Gemüse mehr und mehr ohne Umverpackung angeboten werden. Bei einer aktuellen Umfrage haben uns viele Supermarktketten geschrieben, es gebe noch zu wenig Konsumenten, die das nutzen. Und eigentlich seien alle dran am Thema, bei der gesamten Lieferkette Plastikmüll einzusparen.

Manche Verkäufer an Frischetheken sagen, sie dürfen die Ware - Beeren, aber eben auch Käse und Wurst - nur verpackt rausgeben. Was erwidern Sie?

Die Hygienevorschriften sind unterschiedlich streng, aber es gibt einen gewissen Ermessensspielraum für Supermarktinhaber. In früheren Zeiten, als es noch nicht so viel Plastik gab, wurden ja auch Wurst und Käse verkauft. Angesichts der dramatischen Lage in den Weltmeeren sollten alle nochmal neu denken und nach innovativen Lösungen suchen. Und wenn mir nur etwas in Plastik angeboten wird: Dann würde ich anderswo einkaufen gehen.

Darf ich die bereits abgewogenen und eingepackten Möhren im Laden auch auspacken und das Plastik dort lassen? Oder bekomme ich dann Probleme an der Kasse? Ich könnte zu den Möhren aus der Verpackung ja ein paar weitere hinzugefügt haben.

Das geht leider nicht. Es gäbe ein zu großes Durcheinander, etwa beim Abwiegen an der Kasse. Aber in vielen Supermärkten oder auf dem Wochenmarkt kann man auch lose Möhren kaufen.

Wer trägt die Verantwortung für den vielen Verpackungsmüll im Frischeregal - Handel oder Verbraucher?

Im Handel findet inzwischen ein Umdenken statt. Es wäre schön, wenn die Verbraucher diese Angebote, Plastik zu vermeiden, auch annehmen und im Supermarkt verstärkt einfordern würden. Viele Anbieter beklagen, dass zwar viel über Plastikmüll geredet wird, das Kaufverhalten sich aber noch nicht entscheidend geändert hat.

 

Silke Schwartau 

Die studierte Ökotrophologin ist Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie arbeitet seit 38 Jahren als Verbraucherschützerin. Schwartau ist eine der Autoren des Buchs "Vorsicht Supermarkt! Wie wir verführt und betrogen werden" und zudem häufig im Fernsehen zu Gast.

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