Wie gut ist unsere Milch?

Der Chef der Lebensmittelüberwachung im Landkreis Zwickau über Kontrollergebnisse in Sachsen, das Gesundheitsrisiko von Rohmilch und entzündete Kuheuter.

Freie Presse: Seit 30 Jahren kontrollieren Sie Milch, kennen also auch alle Schmuddeleien. Schmeckt Ihnen Milch überhaupt noch?

Toby Pintscher: Ja, denn Milch ist eines der sichersten und am besten kontrollierten Lebensmittel. Bei Konsummilch - also der erhitzten Milch aus der Molkerei - geht das Risiko für Konsumenten gegen null.

Tatsächlich hat die Lebensmittelüberwachung im Jahr 2017 nur drei Prozent aller Milchproben und aller untersuchten Milch verarbeitenden Betriebe beanstandet. Wie ist das möglich - Milch ist doch extrem empfindlich?

Über die Jahrzehnte wurden Technologien entwickelt, um die Gefahren beim Milchverzehr in den Griff zu bekommen.

Welche Gefahren meinen Sie?

Hauptsächlich Bakterien und Viren, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können. Ein Beispiel: Noch Anfang der 50er-Jahre war die Rindertuberkulose weit verbreitet. Viele Kinder haben sich damit infiziert, weil ihre Eltern die Rohmilch nach dem Krieg nicht abgekocht haben, weil der Hunger so groß war oder sie keine Möglichkeit hatten, die Milch zu erhitzen. Heute ist Rindertuberkulose kein Problem mehr. Bei der Tiergesundheit und der Milchhygiene hat sich inzwischen sehr viel getan.

Schneidet Milch vielleicht auch deswegen so gut ab, weil längst nicht jeder Betrieb kontrolliert wird? Im Jahr 2017 etwa bekamen nur zwei von fünf Milchviehhaltern, drei von fünf Supermärkten und manche Molkerei sogar nur einmal Besuch von einem Tierarzt oder Lebensmittelkontrolleur.

Nein, das ist nicht der Grund für gutes Abschneiden. Die Milch erzeugenden und verarbeitenden Betriebe werden von uns ausreichend unter die Lupe genommen, und zwar risikoorientiert. Das bedeutet: Ein Betrieb, bei dem wir einmal Mängel festgestellt haben, wird gezielt und öfter - mitunter monatlich - kontrolliert als ein Betrieb, der nie oder lange nicht mehr auffällig geworden ist. Hinzu kommen die regelmäßigen Checks des Landeskontrollverbands sowie die jeweiligen Eigenkontrollen der Milcherzeuger, Molkereien und des Einzelhandels. Molkereien nehmen bei jeder Milchabholung vor Ort die ersten Proben. Die Sammelwagen sind mit Technik und Schnelltests ausgestattet. Auch der Einzelhändler prüft täglich seine Milchprodukte in den Kühlregalen und achtet darauf, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum nicht überschritten wird oder die Tüte nicht leckt. Wer nicht sauber liefert, ist schnell weg vom Markt. Das wissen alle Beteiligten.

Thema Mängel: Viele Hochleistungskühe leiden an entzündeten Eutern. Ist es ungesund, deren Milch zu trinken?

Ja. Deswegen dürfen die Halter die Milch euterkranker Kühe nicht als Lebensmittel verkaufen. Vor jedem Melken werden Euter und die Milch einer Kontrolle unterzogen und wenn nötig mittels eines Schnelltests untersucht.

Wie lange gilt der Verkaufsstopp?

Das hängt von der Stärke der Entzündung und dem Medikament ab. Bei Antibiotika kann die Sperrzeit mal eine, mal drei Wochen betragen, je nach Vorgabe des Arzneimittelherstellers. Daher versuchen die meisten Milchbauern, alternative Mittel statt Antibiotika einzusetzen. In der Sperrzeit verdienen sie ja kein Geld mit der Milch.

Bleiben wir bei der kranken Kuh: Sie schicken die Milchprobe an die Landesuntersuchungsanstalt, doch bis das Ergebnis vorliegt, vergehen Tage. Da habe ich als Käufer die Milch längst getrunken. Kontrollieren Sie vielleicht zu spät?

Nein. Denn selbst wenn in der Milch zu viele Keime waren, ist das für Sie unbedenklich. Die Molkerei hat die Milch inzwischen ja behandelt und erhitzt, die Keime also abgetötet. Auch verdorbene Milch aus dem Supermarkt würden Sie wegschütten, ohne davon zu trinken. Sie riechen und schmecken das ja.

Gilt Ihre Null-Risiko-Aussage auch für Milchtankstellen, aus denen ich selbst Rohmilch abzapfen kann?

Nein, sie bezieht sich definitiv nicht auf Rohmilchautomaten mit nicht pasteurisierter Milch. Frischmilch ab Hof boomt, weil Konsumenten die Frische suchen und die Betriebe in Zeiten niedriger Milchpreise ihre Milch so zu einem besseren Preis verkaufen können. Das ist soweit okay. Das Problem ist, dass bei unbehandelter Rohmilch ab Hof die Verantwortung für die Risikominimierung an den Konsumenten abgegeben wird. Und viele Verbraucher meinen nun mal, Rohmilch schmecke ohne Erhitzen besser.

Was sicherlich stimmt.

Das mag sein. Abgekochte Milch hat einen Kochgeschmack. Aber das muss man mit den Risiken abwägen. Für die ganz Kleinen, die ganz Alten, für Menschen mit geschwächtem Immunsystem und Schwangere ist der Verzehr von Rohmilch schlichtweg gefährlich. In der Milch können Erreger wie Salmonellen, E. coli und Listerien enthalten sein. Deswegen mein Appell: vor Verzehr die Milch unbedingt abkochen! Darminfektionen, die von Keimen und Bakterien in der Rohmilch verursacht werden, sind nämlich mitunter sehr schmerzhaft. Wer einmal blutigen Durchfall hatte, vergisst das nicht mehr!

Sind Sie schon mal vom Hof geflogen?

Nein. In der Regel arbeiten Kontrolleure und Kontrollierte immer gut zusammen. Wir sind den Landwirten gegenüber ja transparent und beraten Betriebe und Molkereien auch, wie sie aufgetretene Mängel beheben oder die Hygiene auf dem Hof verbessern können. Natürlich gibt es immer einzelne Milcherzeuger, die das Thema Lebensmittelsicherheit anders sehen. Hinzu kommt, dass unsere Forderungen, nachzubessern, mitunter Geld kosten, weil der Betrieb hierfür in Maschinen oder Personal investieren muss. Und es freut sich auch nicht Jeder zu hören, dass er nicht geeignet ist, Rohmilch im Automaten zu verkaufen.

Sehen Sie nach 30 Jahren Erfahrung auf den ersten Blick, ob einer schmuddelt?

Der erste Eindruck trügt oft nicht. Man weiß schnell, in welche Richtung die Überprüfung geht.

Haben Sie auch schon einmal einen Betrieb dicht gemacht?

Ja, zweimal in den zurückliegenden Jahren. Gegen den Willen der beiden Landwirte. Wir haben ihnen die Milchkühe dennoch weggenommen. Es war unsäglich, wie sie die Tiere vernachlässigt und damit massiv gegen den Tierschutz verstoßen haben.

Stichwort Tierschutz: In Sachsen geben Kühe heute doppelt so viel Milch wie kurz nach der Wende. Dadurch leiden sie öfter an Infektionen, sagt die Verbraucherorganisation Foodwatch. Macht die Intensivhaltung die Tiere krank?

Fakt ist: Es gibt viele Probleme mit der Tiergesundheit. Früher waren die Rinder robuster. Mit 800 Kilogramm sind sie heute fast doppelt so schwer wie vor 100 Jahren. Doch wegen der extrem niedrigen Milchpreise können nur noch Landwirte von der Milcherzeugung leben, die derartige Hochleistungstiere halten. Aber Milchkühe, die mehr als 10.000 Liter Milch im Jahr liefern, haben einen enormen Energiestoffwechsel, der am oberen Limit ankommt. Sie fressen dann Futter, das sie nur schwer verdauen können. Das alles macht die Tiere anfällig für Krankheiten. Inzwischen sind Hochleistungsrassen auf dem Markt, die nicht jeder Landwirt mehr beherrschen kann. Es ist ein bisschen wie auf der Straße: Einen Porsche kann auch nicht Jeder fahren.


Antibiotika im Kuhstall

In Milchproben aus Sachsen wurden 2017 keine Rückstände von Antibiotika gefunden - trotz Behandlung vieler Tiere mit diesem Medikament. Denn auch Milchkühe werden krank. Am häufigsten sind Infektionen an Eutern und Klauen. Etliche Tiere leiden aber auch unter Fruchtbarkeits- und Stoffwechselstörungen.

In konventionellen Milchbetrieben können Halter mehrmals im Jahr Antibiotika einsetzen.

Bei Bio-Betrieben sind laut Ökoverordnung der Europäischen Union nur drei Antibiotika-Behandlungen pro Jahr möglich, sonst kann die Milch nicht mehr als Bio verkauft werden. Manche Öko-Anbauverbände erlauben sogar nur eine Behandlung. Homöopathische Mittel werden vorgezogen und viel Kraft in die Krankheitsvorsorge gesteckt.

Werden Antibiotika eingesetzt, dürfen alle Betriebe die Milch der erkrankten Kühe nicht als Lebensmittel an Molkereien oder über Ab-Hof-Milchautomaten verkaufen. In der Regel landet die Milch in der Gülle, mit der die Landwirte die Felder düngen. Die Milch der erkrankten Tiere über das Abwasser zu entsorgen, ist verboten. Wie lange die Sperrfrist dauert, hängt vom Medikament ab. (mh)


Keime in der Rohmilch

In Sachsen wurden im Jahr 2017 rund 60 Prozent der etwa 19.000 Betriebe kontrolliert, die Milch erzeugen und verkaufen.

Nur drei Prozent der 573 untersuchten Proben der Warengruppe Milch waren auffällig: die einen wegen Keimen und Bakterien, die anderen wegen Kennzeichnungsmängeln und irreführender Aufmachungen: Mal gab der Hersteller den Fettgehalt falsch an, mal wurde eine Packung mit dem Hinweis Weidemilch ausgelobt, obwohl keine drin war.

Alle Proben aus Milchtanks landwirtschaftlicher Betriebe, deren Milch noch weiterverarbeitet wird, waren unauffällig.

Problematischer waren sogenannte Milchtankstellen: In 21 von 70 der Milch-ab-Hof-Proben fanden sich Keime - zwar keine Salmonellen, aber E. coli- und Campylobacter-Bakterien. Was Keime und Sensorik betrifft, schnitt Bio-Milch nicht besser ab als konventionell erzeugte. H-Milch wurde, da ultrahocherhitzt, seltener beanstandet als Frischmilch.

Ob die Milch aus dem Biomarkt oder dem Discounter kommt, ist lebensmittelhygienisch nicht so entscheidend.

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