84 Prozent der Mütter würden Geburtsklinik weiterempfehlen

Eine große Umfrage bescheinigt den Ärzten und Hebammen in Sachsen eine gute Arbeit. Doch hinter den Kulissen gibt es zunehmend Probleme.

Chemnitz. In der übergroßen Mehrheit der 42 Geburtskliniken in Sachsen dürfen werdende Mütter mit professioneller und freundlicher Betreuung rechnen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die die Krankenkassen AOK Plus und Barmer unter mehr als 30.000 Müttern im Freistaat durchgeführt haben. Demnach würden 84 Prozent der Befragten ihre Klinik auch ihrer besten Freundin weiterempfehlen. Auch dem Klinikpersonal wird eine gute Arbeit bescheinigt. 87 Prozent waren mit der Leistung der Ärzte und 86 Prozent mit der der Hebammen zufrieden.

Während Krankenhäuser regelmäßig über die Behandlungsqualität berichten müssen, sind Informationen zur Patientenzufriedenheit eher rar. Die "Freie Presse" hatte zuletzt 2014 im Rahmen ihres Krankenhausführers Mütter zu ihrer Zufriedenheit mit der Behandlung befragen lassen. Die drei Kliniken, die diesmal die höchsten Weiterempfehlungsraten erhielten, gehörten bereits vor drei Jahren zu den Patientenfavoriten: die Kliniken Erlabrunn in Südwestsachsen sowie der St. Joseph Stift und das Diakonissenkrankenhaus in Dresden.

Bei der Wahl der Geburtsklinik komme es den meisten Frauen heute nicht allein auf die Nähe zum Wohnort an. "Sie legen Wert auf moderne Ausstattung, wollen aber auch eine wohnliche Atmosphäre, alle Möglichkeiten der Schmerzlinderung und erfahrenes Personal", sagt Dr. Sören Funck, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Frauenärzte.

Vielen Kliniken fehlt es aktuell allerdings an Personal - vor allem an Hebammen und Kinderärzten. Andere können dagegen nicht mehr kostendeckend arbeiten, wie Berechnungen der TU Dresden belegen. Die Folge: Seit 2014 mussten fünf Geburtskliniken im Freistaat schließen. "Es braucht mindestens 500 Geburten im Jahr, um die Personalkosten decken zu können", erklärt Professor Joachim Kugler von der TU Dresden. Etwa ein Viertel der Kliniken in Sachsen schaffe diese Zahl nicht - trotz des anhaltenden Babybooms.

Mehr als 1000 Geburten pro Jahr werden seit den Schließungen von anderen Kliniken mit übernommen, obwohl auch sie oft am Limit arbeiten. "Dass die Frauen von alldem offenbar nichts mitbekommen haben, überrascht mich", sagt Grit Kretschmar-Zimmer, Vorsitzende des Sächsischen Hebammenverbandes. Sie höre oft von Kolleginnen, die nicht mehr können und Angst haben, Fehler zu machen." Doch trotz der Probleme hat die Geburtshilfe in Deutschland und in Sachsen eine sehr gute Qualität, sagt Dr. Sören Funck: "Nie war die Müttersterblichkeit so niedrig wie heute.

Die Umfrage

AOK und Barmer befragten bundesweit mehr als 300.000 Mütter etwa zwei Monate nach ihrer Entlassung aus der Geburtsklinik. In Sachsen wurden rund 30.000 Frauen befragt. Mit einer Antwortquote von 42 Prozent war die Beteiligung hier am höchsten. Neben der Arbeit von Hebammen und Ärzten sollten die Mütter die Sauberkeit in der Klinik, den Umgang des Personals mit ihrem neugeborenen Kind, die Schmerzbehandlung und die Organisation der Entlassung aus der Klinik bewerten.

Grafik: Die Umfrageergebnisse im Detail

 

Wohlfühllandschaft statt Kreißsaal         

Geburtskliniken haben sich gewandelt. Doch den Frauen ist nicht nur das Ambiente wichtig, zeigt eine Umfrage.

Eine Schaukelliege in Rot, Gymnastikball und Bänder zum Festhalten - erst auf den zweiten Blick wird erkennbar, dass es ein Kreißsaal in einem Krankenhaus ist. "Das gehört zum Standard in sächsischen Kliniken. Den Saal, in dem mehrere Frauen gleichzeitig gebären, gibt es nicht mehr", sagt Grit Kretschmar-Zimmer, Vorsitzende des Hebammenverbandes Sachsen. Individualität und Privatsphäre sollen das Gefühl vermitteln, zu Hause oder im Geburtshaus zu entbinden.

"Nestwärme kombiniert mit Hightechmedizin", nennt es Dr. Sören Funck, stellvertretender Vorsitzender der Frauenärzte in Sachsen. Doch wichtiger als die Ausstattung sei das Personal. So müssten Geburtskliniken rund um die Uhr neben erfahrenen Geburtshelfern und Hebammen auch Anästhesisten, ein OP-Team und einen Kinderarzt vorhalten, den Kinderarzt notfalls nur im Bereitschaftsdienst. Doch selbst das konnten einige Kliniken in Sachsen nicht mehr sicherstellen und mussten deshalb schließen.

Frauen treffen laut Sören Funck heute eine sehr überlegte Entscheidung bei der Klinikwahl. Sie haben im Normalfall auch genügend Zeit, sich mehrere anzuschauen. "Die Infoveranstaltungen für werdende Eltern sind immer gut besucht", sagt er. Sicherheit habe für sie Priorität. Die Nähe zur Kinderklinik sei wichtiger als die Nähe zum Wohnort.

Von den sogenannten Gebärlandschaften und Themenzimmern in Kliniken können sich die Familien heute per Internet schnell ein Bild machen. Bei der Qualität der Betreuung und der Erfahrung des Personals sei es schon schwieriger. Das war Anlass für die beiden größten Krankenkassen in Sachsen, den Frauen bei der Orientierung zu helfen. "Wir wollten wissen, wie sich unsere Versicherten versorgt und behandelt fühlen", sagt Rainer Striebel, Vorstandsvorsitzender der AOK Plus. Deshalb habe man überall in Sachsen Frauen nach ihren Erfahrungen mit Geburtskliniken befragt. Fabian Magerl, Barmer-Landesgeschäftsführer in Sachsen, ergänzt: "Die Geburt eines Kindes bleibt ewig im Gedächtnis." Diese Erfahrungen könnten anderen nützlich sein.

Mehr als 30.000 Frauen aus Sachsen beteiligten sich an der Umfrage. Ergebnis: 84 Prozent der Mütter würden ihre Klinik weiterempfehlen. Die Bewertungen seien gut, aber natürlich differenziert, so die Krankenkassen. Und diese Unterschiede gibt es bereits seit Jahren: So hatte die "Freie Presse" mit Unterstützung von Krankenkassen und der TU Dresden im Jahr 2014 die Behandlungsqualität und die Zufriedenheit in sächsischen Kliniken verglichen. Die Favoriten von damals sind die Favoriten von heute: Die Kliniken Erlabrunn mit 96 Prozent Weiterempfehlung sowie die Dresdner Klinik St. Joseph Stift und das Diakonissenkrankenhaus Dresden mit jeweils 94 Prozent. Und Personalnot kennen sie in der Regel nicht.

"Entgegen dem Trend anderer Geburtskliniken können wir auf ein großes Hebammenteam und eine Beleghebamme zurückgreifen. Kinderärzte, Gynäkologen und Anästhesisten sind ebenso vor Ort", sagt Mandy Knoch, Sprecherin der Kliniken Erlabrunn. Julia Mirtschink, Sprecherin des St. Joseph-Stifts Dresden, fügt hinzu: "Wir haben unseren Personalbestand an Hebammen noch aufgestockt. Damit sind rund um die Uhr mindestens zwei Hebammen für die Frauen da." Und Michael Junge, Pflegedirektor am Diakonissenkrankenhaus Dresden: "Seit 2010 haben wir unseren Bestand an Hebammen fast verdoppelt, während sich die Geburtenzahlen nur leicht erhöhten."

Die Befragung wurde von der "Weissen Liste" begleitet, einem Kliniksuche-Projekt der Bertelsmann Stiftung. Deren Geschäftsführer Roland Rischer betont, dass bei den Erfahrungen der Mütter nicht nur weiche Kriterien eingeflossen sind: "Die Frauen haben ein gutes Gespür für das Geschehen in der Klinik."

www.krankenhausnavi.barmer.de

www.aok.de/krankenhausnavigator

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