Aus dem Leben einer Alleinerziehenden

Auch ohne Coronakrise ist der Tag einer Alleinerziehenden mit drei Kindern anstrengend. Jeder Tag ist straff geplant. Nicht genug für Kathleen Bölke (39) aus Döbeln. Sie engagiert sich zudem politisch.

Döbeln.

Kathleen Bölke hat einen Traum: "Meine Kinder sollen später einmal sagen: Es fehlte uns an nichts. Wir mussten weder auf Kuscheln, Aufmerksamkeit, noch auf Kino, Sport oder Ferienlager verzichten. Sie sollen glücklich werden und selbstbewusst ihren Weg gehen." Damit das so kommt, strengt sich Kathleen Bölke jeden Tag aufs Neue an. Die 39-jährige Arzthelferin aus Döbeln ist alleinerziehend mit drei Kindern: Henrik (11), Richard (8) und Fredrik (eineinhalb).

Da sie in einem systemrelevanten Beruf arbeitet, war es vor drei Wochen kein Problem, eine Notbetreuung für die beiden Jüngeren zu organisieren. Nur für den großen Sohn gab es keine Betreuung mehr, da er schon die Oberschule besucht. Doch weil ein Sohn kränkelte, ist die alleinerziehende Mutter nun doch mit den drei Jungs zu Hause isoliert.

Streng hält sie die Tagesstruktur aufrecht. Das ist auch notwendig: Hausaufgaben sind umfangreich. Parallel will der Jüngste bespaßt und muss Essen gekocht werden. Manche Dinge im Haushalt stellt sie auch mal zurück. Denn mit ihren drei Jungs zu plaudern und zu kuscheln ist ihr wichtig. "Insgesamt genieße ich gerade, trotz wiederkehrender Lagerkoller, den relativ entspannten Alltag: Keine Termine, weniger Stress. Alles ist derzeit zum Stillstand gekommen. So viel in Ruhe mit den Kindern gemacht habe ich seit Jahren nicht", gesteht sie.

Nach Ostern geht sie allerdings wieder in Teilzeit in der Arztpraxis arbeiten. Dann sorgt sie sich um den Großen. Wenn die Schulen noch geschlossen bleiben, muss der Elfjährige tagsüber größtenteils allein klarkommen. Die Großeltern sind nicht ständig einsetzbar, Freunde oder Nachbarn bei den Kontaktregelungen gerade keine Option.

Doch auch ohne Coronakrise ist der Tag einer Alleinerziehenden mit drei Kindern anstrengend. Vor allem ist jeder Tag straff geplant. Dann steht Kathleen Bölke kurz nach fünf Uhr auf und hofft, dass der Kleinste weiterschläft, während sie im Bad ist und dann das Frühstück vorbereitet. Denn mit Kleinkind auf dem Arm ist alles anstrengender. Sie weckt die größeren Jungs, macht Brotdosen fertig. Am Frühstückstisch ist meist der erste kleine Morgenstreit zu schlichten. Während der Große zum Schulbus geht, wird der Kleinste noch einmal umgezogen, weil der Trinkbecher umgefallen ist oder er sich mit dem Essen bekleckert hat. Ein bisschen aufräumen - dann geht es kurz vor sieben auf Tour: zur Grundschule, in die Kinderkrippe, dann zur Arztpraxis. Wenn sie dort 7.30 Uhr beginnt, hat sie die erste Schicht schon hinter sich. 14.30 Uhr verlässt sie die Praxis, kauft kurz ein, holt den Kleinsten ab. Die größeren Jungs kommen mit dem Bus heim und haben bestenfalls schon den Hund ausgeführt und die Spülmaschine ausgeräumt. 16.15 Uhr: Nach einer Tasse Kaffee beginnt die Abendschicht. 18.20 Uhr liegt der Kleinste im Bett, gegen 20 Uhr die Großen. Es ist 20.30 Uhr, wenn Kathleen Bölke sich Haushalt, Schreibkram und Wäschebergen widmet. Sie selbst kommt meist erst gegen Mitternacht zum Schlafen.

Ausgesucht hat sich die 39-Jährige das so nicht. Nach der Ausbildung als Arzthelferin geht sie 2004 zur Bundeswehr, lebt und arbeitet in Berlin, macht in Weißenfels eine weitere Ausbildung zu MTA-Laborantin. Sie heiratet bekommt die ersten beiden Kinder. Die Bundeswehr versetzt sie wieder nach Berlin. Am dortigen Bundeswehrkrankenhaus arbeitet die zweifache Mutter im Labor. Doch die Versetzungen und Umzüge sind Beziehungskiller. Die Familie zerbricht. Hochschwanger mit Kind Nummer drei kehrt sie 2018 der Bundeswehr den Rücken. Ihr zwölfter Umzug führt sie zurück in ihre Heimatstadt Döbeln.

Hier gründet Kathleen Bölke eine Selbsthilfegruppe für Alleinerziehende und tritt bei der Kommunalwahl für die Wählergemeinschaft "Wir für Döbeln" an. Ihre Themen sind eine gute Familienpolitik für Döbeln und flexible Kinderbetreuung nach den Bedürfnissen berufstätiger Eltern. Sie knüpft Kontakte zur AWO Familienbildung Döbeln, der aufsuchenden Familienbegleitung und trifft sich mit ihrer Gruppe "Eineltern-Familien in Döbeln" regelmäßig im Aktivtreff eines großen Wohnungsvermieters. "Wir planen derzeit ein neues Projekt mit dem Landesfamilienverband SHIA e.v.", erzählt sie.

Als Alleinerziehende wünschte sie sich mehr Möglichkeiten, am ganz normalen gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können. Eine Stadtratssitzung mit dem Thema Elternbeiträge kann sie mit drei Kindern nicht besuchen, weil das als störend empfunden wird. Ein Livestream der Sitzungen wäre eine Lösung. Auch bessere öffentliche Nahverkehrsverbindungen und weniger Abhängigkeit vom eigenen Auto wünschte sie sich. Als Alleinerziehende möchte sie keinesfalls am Tropf des Staates hängen, sondern selbst Geld für ihre Familie verdienen. "Doch unflexible Kita-Öffnungszeiten schränken berufliche Ambitionen Alleinerziehender deutlich ein", sagt die 39-Jährige, die nebenbei noch eine Ausbildung zur Heilpraktikerin begonnen hat.

Trotz vieler Hürden freut sich Kathleen Bölke, dass es ihre Kinder gibt, sie freut sich über deren Träume und Erfolge. "Ich bin gern Mama, mit all den dazugehörenden Aufgaben und gebe mein ganzes Herzblut dafür."lvz

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