Befruchtet im Reagenzglas

Mia ist im Kinderwunschzentrum Leipzig entstanden. Ihre Eltern haben sich für die In-vitro-Fertilisation entschieden, der bei Frauen häufigsten Methode.

Retortenbaby! Mandy mag den Begriff nicht. "Er klingt irgendwie brutal, technisiert, unmenschlich", sagt sie. Nicht nach dem jedenfalls, was sie mit ihrer Tochter verbinden würde. Mia ist im Dezember 2008 in der Pleißentalklinik im westsächsischen Werdau geboren worden. Mandy geht offen damit um, dass es Mia nur gibt, weil ihre Eizellen und die Samenzellen ihres Mannes im Reagenzglas zusammengebracht wurden. Aber hausieren geht sie damit nicht. "Das Thema ist für viele ein Tabu", sagt sie. "Den meisten Betroffenen fällt es auch heute schwer, darüber zu sprechen", sagt Dr. Maren Goeckenjan, Oberärztin am Universitätsklinikum Dresden. In vielen Fällen können Reproduktionsmediziner wie sie helfen.

Bei Mandy war eine apfelgroße Zyste komplett über ihren rechten Eileiter gewuchert, der linke war nach einer Chlamydieninfektion verklebt. Anderthalb Jahre hatten René und sie vergeblich versucht, schwanger zu werden, bis eine gezielte Untersuchung dem ein Ende setzte. Mandys Gynäkologin zerstörte den Traum vom natürlich gezeugten Kind und empfahl ihr, über Alternativen nachzudenken. "Das war schlimm. Vor allem, weil um uns herum alle schwanger wurden", erinnert sich die junge Frau. Auf den Schock folgte die Entscheidung, es mit einer künstlichen Befruchtung zu probieren.

Das Verfahren, bei dem Mia gezeugt wurde, heißt In-vitro-Fertilisation (IVF). Aufbereitete Eizellen werden dabei im Labor in einem Reagenzglas mit Spermazellen zusammengebracht. Die IVF ist die häufigste Methode der künstlichen Befruchtung. Reicht die Qualität des Spermas dafür nicht aus, kann es zusätzlich mit Injektionsnädelchen direkt in die Eizelle übertragen werden. "Die Methodik ist nicht mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko für die Kinder verbunden", sagt Gynäkologin Goeckenjan. Weltweit sind nach Angaben des Deutschen IVF-Registers seit 1978 mehr als fünf Millionen Kinder auf diese Weise gezeugt worden. Die Zahlen steigen. Im Jahr von Mias Geburt gab es deutschlandweit 11.264 Geburten, im Jahr ihrer Einschulung 2015 waren es schon 14.900.

Dennoch zögern Paare eine Kinderwunschbehandlung meist hinaus, weil sie hoffen, es würde sich auch ohne medizinische Hilfe eine Schwangerschaft einstellen. Sie versuchen es mit gesünderem Essen, verzichten auf Alkohol und Zigaretten, nehmen ab, schlafen mehr. Andere bereiten sich Tees oder Tinkturen aus fruchtbarkeitsanregenden Pflanzen zu. Im Internet kursieren Rezepte für Kindermachertee, Misteltropfen oder Frauenmanteltinktur. Liegen keine organischen Beschwerden vor, sind zumindest Abnehmversuche nicht von der Hand zu weisen. Denn übergewichtige Frauen leiden vermehrt unter Zyklusstörungen. Bei ihnen tritt das PCO, das Polyzystische Ovarsyndrom, gehäuft auf. Unter dieser hormonellen Störung der Eierstöcke leiden rund eine Million Deutsche. "Dann kann es schon helfen, dass die Frauen ihr Leben umstellen", so Maren Goeckenjan. Allerdings nicht in jedem Fall. Häufig behindern gleich mehrere Ursachen eine natürliche Empfängnis. Viele Frauen haben durch Entzündungen, Operationen oder Wucherungen verklebte oder verschlossene Eileiter. Manche leiden unter Vernarbungen des Gebärmutterhalses. Bei Endometriose wächst die Gebärmutterschleimhaut außerhalb der Gebärmutterhöhle.

Als Mandy und René einen Termin im Kinderwunschzentrum Leipzig vereinbarten, war sie 26 Jahre alt, er 28 - weit jünger als andere Betroffene. Frauen sind durchschnittlich 35,2, Männer 38,6 Jahre alt, wenn sie sich künstlich befruchten lassen. Fakt ist, dass die Fruchtbarkeit bei Frauen ab 30 Jahren rapide abnimmt. "Das wird massiv unterschätzt", sagt der Dresdner Gynäkologe Dr. Hans-Jürgen Held. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine gesunde 30-Jährige schwanger wird, liegt laut Deutschem IVF-Register bei 40 Prozent. Eine 44-Jährige hat noch eine zehnprozentige Chance. Deshalb raten Ärzte zur Eile: Klappt es bei einem Paar trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs ein Jahr lang nicht, sollte es sich untersuchen lassen. Ist die Frau 35, gilt die Empfehlung schon nach einem halben Jahr.

Tina war 32, als sie sich für eine IVF entschied. Anders als Mandy und René wandte sie sich an ein Kinderwunschzentrum im tschechischen Teplice. "Ich hatte gehört, dass die Erfolgsraten dort höher sind", sagt sie. Das stimme nicht ganz, sagt Gynäkologe Held, der auch Vorsitzender der Kommission "Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung" der Sächsischen Landesärztekammer ist. Die Schwangerschaftsraten seien nicht höher als in Deutschland, dafür aber das Risiko einer Mehrlingsgeburt kleiner. In Tschechien dürfen Ärzte die befruchtete Eizelle bis zum fünften Tag im Reagenzglas beobachten, um nur die besten in die Gebärmutter einzusetzen. Für Sachsen gibt die Kommission "Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung" hingegen vor, dass der Embryotransfer am zweiten oder dritten Tag nach der Befruchtung erfolgen muss.

Tina wollte keine Zeit mehr verschwenden. Ihr Mann und sie hatten zwei Jahre versucht, schwanger zu werden, bevor sie sich eingehend untersuchen ließ. Eine Endometriose hatte ihren linken Eileiter verklebt. Zweimal ließ sie das Gewebe entfernen. Dann wurde sie schwanger. Allerdings nistete sich der Embryo im rechten Eileiter ein und musste operativ entfernt werden. "Danach sagten mir die Ärzte, dass unsere Chancen auf ein Kind bei Null lägen. Das war niederschmetternd. Ich war am Boden zerstört."

Beide Frauen mussten zur Vorbereitung der IVF nach umfangreichen Untersuchungen eine Hormonbehandlung vornehmen lassen. "Die dauert vier Wochen. In der ersten Hälfte nehmen sie zwei bis dreimal täglich ein Nasenspray, das hormonell den Zyklus herunterreguliert und sie langfristig künstlich in die Wechseljahre versetzen könnte", sagt Maren Goeckenjan. Das sei nötig, um in der zweiten Hälfte mit einer täglichen Spritze die Funktion der Eierstöcke kontrolliert überstimulieren zu können. Im besten Fall reifen dadurch zehn bis zwölf Eizellen heran. Ohne Hormonbehandlung sind es ein bis maximal zwei. "Die letzte Spritze kam in die Pobacke", erinnert sich Mandy. "Sie enthält das Schwangerschaftshormon HCG und löst den Eisprung aus", so Gynäkologin Goekenjan.

Danach müssen Ärzte und IVF-Labor schnell und präzise arbeiten. 35 Stunden nach der Injektion werden die reifen Eizellen unter Vollnarkose entnommen. Dafür wird unter Ultraschallsicht eine Punktionsnadel über die Scheide in die Bauchhöhle eingeführt, die Follikel punktiert und in eine Nährlösung gegeben. In einem Brutschrank dürfen sie einige Stunden ruhen, bevor sie im Reagenzglas befruchtet werden.

24 Stunden später wurden Mandy die beiden erfolgversprechendsten Embryonen eingesetzt. Dieses Mal war sie wach. "Ich habe die kleinen Punkte auf dem Ultraschall gesehen", sagt sie. Der eine ist jetzt acht Jahre alt, hat lange braune Haare und plagt sich mit Rechtschreibung. Der andere ging irgendwann unbemerkt ab. Rund 20 Prozent ereilt dieses traurige Schicksal.

Auch Tina wurde nach der ersten IVF schwanger, Verständigungsprobleme gab es dank eines Übersetzers nicht. Die beiden Frauen sind befreundet. Fragt man sie nach Leidensgenossinnen, fallen ihnen allein in ihrem Umfeld zehn Paare ein, die durch die IVF zu Familien wurden.

Alle Namen der Betroffenen geändert.

Zum 1. Teil unserer Serie.

Teil 3 Baum gepflanzt, Haus gebaut, kein Kind gezeugt - Lesen Sie am Sonnabend, warum Männer unfruchtbar sind und wie sie behandelt werden können.

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