Bindungsorientierte Erziehung: Das Eltern-Urteil

Junge Familien aus Sachsen haben 20 Tage die Erziehungsmethode Attachment Parenting getestet. Die Kurzregeln: Kind am Körper tragen, nicht schreien lassen, alle in ein Bett, füttern nach Bedarf. Stephanie Wesely erklärt, was es gebracht hat.

Es gibt nun mehr kuschlige Momente

Lydia Nickoleit und Andreas Kühn mit Sohn Julian (8 Monate) aus Dresden.

Die Erwartungen: Wir sind eine Patchworkfamilie mit insgesamt fünf Kindern. Julian ist unser Bindungskind. Wir wollten testen, ob sich der Zusammenhalt in der Familie dadurch verstärkt.

Das Ergebnis: Das konsequente Tragen hat uns sehr gut getan. Durch die ständige Nähe haben wir viele kuschlige Momente erlebt, wenn Julian unser Gesicht erkundet, mit uns Blickkontakt hält, das ist einfach wunderbar. Das Stillen im Bett ist bequem, ich muss nicht aufstehen und bin selbst viel ruhiger. Sogar unsere Große hält gern mit Julian in einem Bett Mittagsruhe. In unserer Familie geht es jetzt ruhiger zu. Es gibt weniger Stress, als wenn dauernd ein Kind schreit.

Der neue Umgang ist einfacher als gedacht

Aga und Daniel Becker mit Tochter Matilda (6 Monate) aus Dresden.

Die Erwartungen: Auf jeden Mucks von Matilda zu reagieren, stellten wir uns stressig vor und waren gespannt. Wir wollten aber auch gleichgesinnte Eltern kennenlernen, weil wir neu in Sachsen sind.

Das Ergebnis: Ja, wir haben auf jeden Mucks reagiert, und es war einfacher als gedacht, denn Matilda wurde ausgeglichener. Offensichtlich wusste sie, dass wir immer für sie da sind. Sie schläft bei uns im Beistellbett, da kann ich nachts schnell reagieren und dann bald wieder schlafen. Wir tauschen uns über unsere Facebookgruppe viel mit anderen Eltern aus, posten Bilder und wollen uns regelmäßig treffen. Das ist schön, wir sind eine richtige verschworene Gemeinschaft.

Ich kenne jetzt viele stillfreundliche Orte

Eva Zessin mit Sohn Tom-Noah (3 Monate) aus Ottendorf- Okrilla.

Die Erwartungen: Ich bin in der Woche oft allein mit meinen beiden Kindern, wenn mein Mann arbeitet. Da mein "Großer" knapp drei Jahre alt ist, hatte ich Bedenken, wie das mit dem Tragen des einen Kindes und dem Führen des zweiten klappt.

Das Ergebnis: Tom-Noah im Tragetuch zu haben, hat sich erst kürzlich als sehr sinnvoll herausgestellt. Max-Elias hat sich losgerissen und ist auf die Straße gerannt. Da konnte ich schnell hinterher, ohne den Kinderwagen stehen lassen zu müssen. Das Stillen nach Bedarf war anfangs schwierig, aber jetzt kenne ich viele stillfreundliche Orte. Tom-Noah hatte bisher abends immer seine Schreiphase. Das ist jetzt weg.

Endlich keine Babyschale mehr schleppen

Isabelle und Michael Beyer mit Sohn Casey Jay (6 Monate) aus Pirna.

Die Erwartungen: Ich habe Casey Jay abgestillt, weil er nicht mehr richtig satt geworden ist. Doch auch mit der Flasche hat er oft gejammert. Jetzt wollen wir bedarfsgerecht füttern.

Das Ergebnis: Seitdem wir Casey Jay nur noch tragen und ihn nach seinem Bedarf füttern, ist er ein sehr entspanntes Baby. Wir tragen ihn sehr gern. Vor allem bin ich froh, nicht mehr die schwere Babyschale aus dem Auto zum Einkaufswagen schleppen zu müssen. Er kommt aus dem Auto in die Trage und ist sehr friedlich. Unseren "Großen" (4 Jahre) haben wir nicht so oft getragen. Er war viel unruhiger. Wir waren uns mit dem Tragetuch damals noch zu unsicher. Jetzt nicht mehr.

Nachts muss ich nicht mehr so oft aufstehen

Janette und Lars Böhme mit ihren Söhnen Emil (18 Monate) und Anton (1 Monat) aus Freital.

Die Erwartungen: Ein so kleines Baby im Tragetuch zu haben, davor hatten wir Angst. Die wollten wir abbauen. Wir wollten uns auch rückversichern, unsere Kinder durch viel Nähe nicht zu verwöhnen.

Das Ergebnis: Am Anfang hätten wir jeder drei Hände gebraucht, um das Tuch richtig zu binden. Aber jetzt sind wir gut trainiert und es klappt mit wenigen Handgriffen. Von der Umwelt bekommen wir oft Kopfschütteln, weil der Kleine so im Tuch hängt. Aber wenn wir es dann erklären, was wir im Kurs erfahren haben, verstehen das die meisten. Wir hören oft, ein sehr entspanntes Baby zu haben. Das freut uns.

Anfängliche Rückenschmerzen sind vergessen

Stefanie Schäfer und André Parron mit Sohn Timo (4 Monate) aus Dresden.

Die Erwartungen: Wir hatten Zweifel, ob wir es aushalten, Timo nur noch zu tragen und nicht im Wagen zu fahren. Auch das Schlafen in einem Bett wollten wir testen.

Das Ergebnis: "An den ersten beiden Tagen hatte ich Rückenschmerzen", sagt Stefanie Schäfer. Ich dachte schon, das Tragen ist nichts für mich, doch ich habe mich gut daran gewöhnt. Es war auch eine Umstellung mit dem Anziehen: nicht jede Kleidung eignet sich fürs Tragetuch. Jetzt haben wir eine spezielle Tragejacke, wo Timo gleich mit drinsteckt. Wir genießen den Blickkontakt mit ihm beim Tragen. Dadurch wissen wir viel eher, was er will oder was ihn stört und können darauf reagieren.

Ich bin jetzt viel fitter als vorher

Steffi Kunze mit Sohn Fabian (5 Monate) aus Dresden.

Die Erwartungen: Mit unserem großen Sohn haben wir das Prinzip schon intuitiv praktiziert. Wir wollten Sicherheit haben, ob das richtig ist. Denn es gab in unserem Umfeld viele Vorurteile.

Das Ergebnis: Seitdem ich Fabian nur noch trage, verzichte ich aufs Auto, um ihn nicht ständig aus- und einpacken zu müssen. Wir laufen sehr viel. In zwei Wochen 140 Kilometer - das weiß ich, weil ich mir einen Schrittzähler gekauft habe. Dadurch bin ich viel fitter als vorher. In der Trage beruhigt er sich ganz schnell, schläft viel und ist einfach entspannt. Fabian lässt sich aber auch mal auf die Spieldecke legen, ohne dass er mich sieht. Die viele Nähe schadet ihm also nicht. Das behaupten viele.

Mein Kind ist nicht zu dick geworden

Kathleen Berthold und Tochter Mathilda (7 Monate) aus Dresden.

Die Erwartungen: Ich habe Mathilda immer noch nach den vier Stunden gestillt. Wenn sie ganz nach ihrem Bedarf Milch bekommt, hatte ich Angst, dass sie zu sehr zunimmt. Das wollte ich testen.

Das Ergebnis: Beim Stillen nach Bedarf trinkt Mathilda, so viel sie braucht. Oft nuckelt sie auch nur. Meine Befürchtungen wegen des Gewichts haben sich nicht bestätigt. Sie schläft im Beistellbett und ich hole sie bei Bedarf zu mir. Das klappt prima.

Service

Kontakt: Elterncafés und Kursangebote zur bindungsorientierten Erziehung gibt es im Internet unter  » www.einfach-eltern.de


Teil 1 und 2 der Serie sind erschienen am 12. und 19. Oktober. Die Serie ist online abrufbar unter  » www.freiepresse.de/elternserie

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