Breifreie Babys

Beikost nach Bedarf ist ein Trend, bei dem das Baby bestimmt, was es isst. Eltern müssen nicht füttern. Doch reicht das?

Die ganze Familie sitzt zusammen. Jacob, gerade sechs Monate alt, greift nach einem Apfelstück, probiert Brot, mümmelt, stopft, kaut und lutscht. Alle sind entspannt, weil keiner mit dem Essen warten muss, um das Baby zu füttern, denn Jacob versorgt sich selbst. Im Moment zumindest, denn nach dem Essen wird er zum "Nachtisch" gestillt. So funktioniert "Babyled weaning", was so viel bedeutet wie eine "vom Baby gesteuerte Entwöhnung von der Muttermilch" oder vielleicht treffender "Beikost nach Bedarf".

Etwa ab dem sechsten Lebensmonat können Babys neben der Milch auch feste Nahrung aufnehmen. Sichere Zeichen dafür sind, dass der Zungenstreck-Reflex, mit dem Festes automatisch wieder aus dem Mund befördert wird, abgeschwächt oder ganz verschwunden ist, dass das Kind mit wenig Unterstützung aufrecht sitzt, Interesse am Essen der Großen zeigt, danach greifen und es zum Mund führen kann. Der Trend Babyled weaning fasziniert immer mehr junge Eltern. Doch sie sind oft unsicher, ob ihr Kind damit ausreichend versorgt wird.

Gefördert werden diese Zweifel meist durch die Großeltern, die ihren Kindern früher ganz selbstverständlich Brei gefüttert haben. Aber auch Kinderärzte und Ernährungswissenschaftler, etwa vom Forschungsinstitut für Kinderernährung, sehen den Trend skeptisch.

Viele internationale Studien untersuchten schon das Babyled weaning. Gesundheitliche Nachteile fand man nicht. "Aber es gibt auch keine sauberen Daten über Kinder, die ausschließlich mit Fingerfood ernährt wurden", sagt Professorin Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsinstituts. Die Eltern in den Studiengruppen kombinierten meist Brei und Fingerfood. "Mit dieser gemischten Form können wir Wissenschaftler gut leben, denn die Neugier der Kinder wird befriedigt, und sie bekommen genug von dem wichtigen Eisen, weil sie auch Fleischbrei essen", sagt die Professorin. Hinsichtlich der Eisenaufnahme sei es nämlich ein großer Unterschied, ob ein Kind nur an einem gegarten Fleischstück lutscht oder es in pürierter Form isst.

Von komplett breifreier Ernährung rät Mathilde Kersting aber ab: "Babys in diesem Alter können noch gar nicht einschätzen, was für sie bedarfsgerecht ist. Wollten Eltern ihr Kind ausschließlich nach dem Prinzip ernähren, brauche es einen Wochenplan, um den Nährstoffbedarf abzudecken. "Und dann muss man noch hoffen, dass das Baby alles so mitmacht", sagt sie. Die sicherste Nährstoffversorgung sei ihr zufolge nach wie vor der Brei.

Lysann Redeker aus Leipzig ist Hebamme, Stillberaterin und Expertin für Kinderernährung im sächsischen Hebammenverband. Auch ihr Sohn Jacob wächst nahezu breifrei auf. Sie freut sich zwar über das allmähliche Umdenken der Wissenschaftler, kann aber einige ihrer Ansichten nicht teilen. "Babyled weaning ist eine Fortsetzung des Stillens nach Bedarf. Damit wird die Selbstbestimmtheit des Kindes erhalten. Beim Breifüttern wird sie ihm wieder genommen. Warum?"

Brei werde zudem oft viel zu schnell gefüttert. Obwohl das Kind kaum geschluckt hat, wartet der nächste gefüllte Löffel vor dem Mund. "Die Eltern können so leicht die Sättigungssignale ihres Kindes übersehen", sagt sie. Es wundert sie daher nicht, wenn es in einer 2012 im British Medical Journal veröffentlichten Studie heißt, dass Kinder, die mit dem Löffel gefüttert werden, später eher eine Adipositas entwickeln. Die Gefahr sei beim Babyled weaning geringer.

Hauptnahrungsmittel im ersten Lebensjahr ist ihr zufolge die Milch, entweder als Muttermilch oder als Säuglingsfertignahrung. Die Beikost sei nur Zusatz, kein Ersatz. "Beim Babyled weaning steht anfangs das Kennenlernen der Nahrung im Mittelpunkt, nicht die Sättigung oder gar eine vollwertige Mahlzeit", sagt Lysann Redeker. Das Baby sitzt dabei auf dem Schoß oder später aufrecht im Hochstuhl und wählt selbst aus, was es probieren möchte. "Niemand steckt ihm Essen in den Mund."

Für die Eltern sei das eine gute Gelegenheit, auch selbst mehr auf gesunde Ernährung zu achten, um dem Kind die richtigen Angebote zu machen. "Kinder lernen durch Vorbild und Nachahmung. Sie sind später auch weniger mäklig." Von einer Mischung aus Brei und Fingerfood während einer Mahlzeit, wie es Wissenschaftler empfehlen, hält sie nichts. "Aus Sicherheitsgründen. Hat das Kind vielleicht noch ein Stück im Mund, was die Eltern nicht bemerken, schieben sie es mit dem vollen Löffel nach hinten, das Kind kann sich sehr leicht verschlucken."

Grundsätzlich gebe es bei Babyled weaning keine Vorgaben, welche Nahrungsmittel in welcher Menge zu geben sind. Beim Kochen wird auf Salz und scharfe Gewürze verzichtet. Am Tisch können Erwachsene dann selbst nachwürzen. Es gilt auch hier, dass eine vollwertige und abwechslungsreiche Ernährung am gesündesten ist. Saisonale und regionale Produkte, am besten aus biologischem Anbau, sind in der Regel optimal reif und weniger mit Schadstoffen belastet. "Um Babys mit Eisen zu versorgen, braucht es keinen fleischhaltigen Brei. Fleisch lässt sich sehr gut in der Küchenmaschine durchdrehen und als Bällchen dünsten oder sanft anbraten. Die Kleinen mögen das", sagt sie.

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