Das Leiden der Bettnässer

Der Chef des Leipziger Kontinenzzentrums erklärt, ab wann Einpullern krankhaft ist und was Eltern tun können

Es setzt oft der ganzen Familie zu, wenn das Kinderbett am Morgen vollgepieselt ist - vor allem, wenn das Kind schon in die Schule geht. Dabei passiert das etwa jedem zwanzigsten Grundschüler. Oft merken die Kinder aus unterschiedlichen Gründen nicht rechtzeitig, dass sie aufs Klo müssen. Viele haben mit seelischen Nöten zu kämpfen. Manchmal sind die Ursachen aber auch anatomisch bedingt. Susanne Plecher sprach mit Professor Martin Lacher, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig, darüber, warum Kinder inkontinent sind und wie man ihnen helfen kann.

Herr Lacher, bis zu welchem Alter ist es normal, dass ein Kind einpullert?

Einnässen kann noch im Kindergartenalter tagsüber relativ häufig vorkommen. Wenn es zusätzlich auch nachts passiert, ist es abklärungsbedürftig. Ab einem Alter von fünf Jahren ist es als nichtorganische, funktionelle Harninkontinenz zu bezeichnen. Spätestens dann sollte das Kind einem Arzt vorgestellt werden.

Welche Ursachen hat das Einpullern?

Viele Kinder nehmen den Harndrang nicht aktiv wahr und verspielen ihn, weil andere Dinge für sie wichtiger sind. Andere schlafen nachts tief und fest und werden durch die volle Blase einfach nicht wach. Auch eine Dyskoordination zwischen Harnblase und Schließmuskel tritt oft auf. Dann ist zwar häufig anatomisch alles in Ordnung, aber die Koordination stimmt nicht. Oder es gibt eine anatomische Störung zwischen Blase und Harnleiter. Er kann in einem schlechten Winkel in die Blase einmünden, was zu Harnweginfekten führen kann. Die begünstigen das Einpullern.

Manchmal machen Kinder ein, wenn sich in ihrem Umfeld etwas ändert, wenn sie Angst haben oder etwas Schlimmes erleben mussten. Welche Rolle spielt die Psyche?

Psychische Ursachen müssen immer abgeklärt werden. Wir müssen uns fragen, woher das Problem rührt: Gibt es eine schwierige psychosoziale Situation der Eltern, eine Trennung vielleicht, die sich auf das Kind auswirkt? War es schon einmal kontinent und fängt wieder an einzunässen oder einzukoten? Das wäre ein Anzeichen für eine psychische Ursache. Wenn wir denken, dass das Problem interdisziplinär angegangen werden muss, schicken wir das Kind in unsere interdisziplinäre Kontinenztherapie. Daran nehmen die Familie mit Geschwistern, ein Psychiater, ein Kinderchirurg und ein Physiotherapeut teil.

Wie gehen Sie bei der Behandlung vor?

Unsere Aufgabe ist es, herauszufinden, ob eine Fehlbildung der Harnwege oder eine Anomalie im Genitaltrakt vorliegt. Daran entscheidet sich die weitere Behandlung. Das ist ein schrittweiser Prozess, in den zunächst bei der Vorgeschichte und dann mit der am wenigsten invasiven Diagnosemethode eingestiegen wird. Oft haben die Eltern als Kinder oder ältere Geschwisterkinder eingenässt. Zudem müssen wir herausfinden, ob es Harnweginfektionen gegeben hat. Alle Kinder bekommen einen Ultraschall der Harnwege und pullern auf einer Spezialtoilette, die den Harnstrahl und die Beckenbodenaktivität misst. Es wird ein Miktions- oder Puller-Tagebuch geführt, das über die Einnässfrequenz Auskunft gibt: Wenn das Kind vier- oder mehrmals pro Woche einnässt, liegt eine schwere Harninkontinenz vor. Gegebenenfalls muss eine Blasendruckmessung oder eine Harnblasenspiegelung erfolgen. Wenn wir operieren, dann nur minimalinvasiv.

Wie können Eltern ihren Kindern helfen, trocken zu werden?

Einnässen ist nicht gleich Einnässen. Es gibt verschiedene Störungen und entsprechend individuelle Therapien. Eltern können sich vor allem beim Kinderarzt Hilfe holen. Pauschal gibt es keine Regeln, die sie einhalten müssen. Bei manchen Kindern kann man das nächtliche Einnässen schon stoppen, wenn sie nach 19 Uhr nicht mehr trinken und vor dem Schlafengehen noch einmal auf Toilette gehen. Außerdem sollte die Trinkmenge gut über den Tag verteilt und die Kinder regelmäßig auf die Toilette geschickt werden. Das trainiert den Blasenmuskel.

Wie viele Kinder sind stuhlinkontinent und wie kann man das erkennen?

Das betrifft rund drei Prozent der Kinder. Ihre Unterhose bleibt vor allem tagsüber nicht ganz sauber. Meist liegt das an der Überlaufenkopresis. Der Darm ist dabei primär gesund, und wir können mit einer Umstellung der Ernährungsgewohnheiten, psychosozialen Ansätzen oder Medikamenten helfen. Andere Erkrankungen sind organisch bedingt, wie der Morbus Hirschsprung. Bei diesen Kindern fehlen Nervenzellen im Mastdarm. Der Darm ist eng gestellt. Sie leiden unter Verstopfungen und können nur sehr schwer regelmäßig geformten Stuhl absetzen. In unser Zentrum werden aber auch regelmäßig Kinder überwiesen, die mit einem fehlenden oder fehlgebildeten Poloch geboren werden.

Aber es kann doch mal passieren, dass es ein Kind nicht rechtzeitig auf die Toilette schafft.

Natürlich! Wenn das nur ein bis zweimal pro Jahr geschieht, ist es nicht schlimm. Problematisch wird es, wenn es regelmäßig vorkommt. Wenn ein Kind jede Woche an zwei Tagen eine dreckige Unterhose hat und zu selten auf die Toilette geht, dann wird es immer chronischer. Diese Kinder sollten mit vier Jahren einem Arzt vorgestellt werden.

Was kann man in diesem Fall tun?

Auch hier gibt es unterschiedliche Therapiewege. Selbst wer ohne analen Schließmuskel geboren wurde, kann das Ziel erreichen, wenigstens in der Schule kontinent zu sein und keine Windel tragen zu müssen. Das erspart den Kindern die psychische Traumatisierung durch Mitschüler.

Wie stark belastet das die Kinder?

Sie leiden - egal, ob sie stuhl- oder urininkontinent sind. Wer inkontinent ist, lebt ein bisschen außerhalb der Gesellschaft. Kommen die Kinder mit fünf Jahren zu uns, haben wir für die Therapie noch ein Jahr Zeit bis zur Einschulung. Haben sie das Problem noch in der Schule, wächst der Druck auf sie enorm.

Prof. Dr. Martin Lacher

Er leitet seit Oktober 2015 die Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am Uniklinikum Leipzig und das Kinder-Kontinenzzentrum. Er hat sich auf minimalinvasive Chirurgie und Urologie für Kinder spezialisiert. Seit 2013 bildet er Kinderchirurgen in China, Vietnam und Nordkorea aus.

Haben Sie Fragen?

Am Mittwoch beraten Sie unsere Experten von 15 bis 17 Uhr telefonisch unter folgenden Rufnummern:

0351 48642805: Prof. Dr. Martin Lacher Chirurg, Uniklinikum Leipzig,

0351 48642806: Dr. Ulrike Heberling, Urologin, Uniklinikum Dresden

0351 48642807: Prof. Dr. Veit Rößner, Psychiater, Uniklinikum Dresden,

Sie können Ihre Fragen auch bis Mittwoch, 14 Uhr, mailen an:

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