Das Leiden der überzüchteten Haustiere

Manche Tiere können ohne OP nicht überleben. Doch der illegale Markt ist groß. Tierärzte fordern Konsequenzen.

Große Kulleraugen, treuherziger Blick, eingedrückte Nase: Genau diese Eigenschaften sind es, von denen viele Menschen schwärmen. So wie Nadine Geier aus Dresden. Das "Kindchenschema", wie es Tierarzt Dr. Jan Land von der Tagesklinik für Kleintiere in Dresden nennt, hatte die 29-Jährige überzeugt, als sie sich ihre Französische Bulldogge Balu aussuchte - bei einem zugelassenen Züchter. Sie folgte damit einem Trend, der zugenommen hat, wie Tierarzt Land sagt. Sehr zum Leidwesen der Tiere. Nur aus Modegründen zielt die Zucht auf eine Verkürzung des Schädels, der sogenannten Brachyzephalie, wie sie bei Bulldoggen, Möpsen, aber auch bei Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen oder Vögeln zu finden ist. Krankheiten wie Atemnot, Augen- Ohren- und Hautprobleme sind häufig die Folge.

Professor Dr. Gerhard Oechtering, Direktor der Klinik für Kleintiere an der Universität Leipzig, ist davon überzeugt, dass diese Qualzucht bereits vor 150 Jahren mit den ersten Zuchtvereinen begann. Rassestandards bei Hundeschauen würden krankmachende äußere Merkmale fördern und so der Gesundheit schaden. Um die Atemprobleme der Französischen Bulldogge wusste Nadine Geier, aber auch um die Möglichkeit von Operationen. "Tiere, die der Mensch mit dem Ziel besonderer und extremer Formen und Farben züchtet, leiden meist", sagt Heidemarie Ratsch, Präsidentin der Tierärztekammer Berlin. Die Kammer war es auch, die 2018 eine Kampagne gegen diese Qualzucht startete.

Plakate, Karten und Flyer sollen sensibilisieren, sich vor dem Kauf Gedanken zu machen. Ein Anliegen, das Tierarzt Land unterstützt. In seine Praxis kommen immer mehr Modehunde: "Wir müssen die Haustiere, meist Bulldoggen und Möpse, in Narkose legen und haben in der Aufwachphase oft Probleme mit ihrer Atemnot." Manchmal helfe nur ein Luftröhrenschnitt. "Wenn ich diese Tiere mit langschnauzigen Hunden vergleiche, wird mir die Bedeutung der Qualzucht jedes Mal bewusst", sagt Land.

Auch der vierjährige Balu hatte viel zu kleine Nasenlöcher, ein zu langes Gaumensegel, geschwollene Mandeln und Stimmritzen. Er bekam kaum Luft. Schon zwei Operationen hat der Rüde in seinem jungen Leben deshalb hinter sich. Selbst wenn er sich jetzt scheinbar wohlfühlt und Nadine Geier ihn gut umsorgt, zu langes Herumtollen macht ihm zu schaffen. "Da müssen wir ihn bremsen, bevor er einen Kollaps bekommt", sagt sie. Balu schnarcht, immer und immer wieder. Aber nicht nur, weil er gekrault wird. Selbst wenn seine Nasenlöcher geweitet sind, alle angezüchteten Mängel können mit chirurgischen Eingriffen nicht beseitigt werden.

Jan Land sieht noch ein anderes Problem: "Die Gefahr bei Modehunden ist es, dass seriöse Züchter die hohe Nachfrage nicht mehr decken können. So entsteht vor allem über das Internet ein illegaler Welpenhandel - häufig aus dem Ausland." Die strenge Zuchtkontrolle des Verbandes für das Deutsche Hundewesen (VDH) werde somit umgangen. Offiziell beim Verband registriert seien viel weniger Welpen als es tatsächlich gibt: "Die Französischen Bulldoggen tauchen beim VDH nicht unter den Top 50 auf", sagt Land. "Bei den Versicherungen waren sie dagegen im Vergleichsportal Check 24 2018 auf Platz 2 gelistet."

Solange aber die schwarz gezüchteten Hunde gekauft würden, verschwinde das Problem nicht, sagt auch Karl Schulze. Der Stollberger hat bis vor acht Jahren Französische Bulldoggen gezüchtet, 33 Jahre lang. Zu DDR-Zeiten sei das eine Rarität gewesen, sagt er. Dabei hätten seine Doggen noch längere Schnauzen und Nasen gehabt: "Jetzt wird es immer extremer. Das tut den Hunden nicht gut." Leider entscheide bei vielen der Preis. Während Nadine Geier beim Züchter 1400 Euro für ihren Balu bezahlt hat, ist eine Französische Bulldogge aus der Schwarzzucht schon für einige Hundert Euro zu haben. Zudem gebe es in Sachsen keine Landesgruppe des VDH mehr, sagt Schulze. Das würde auch verleiten, zu Schwarzzüchtern zu gehen.

Viele Modehunde könnten ohne Operationen nicht überleben. Dafür werden horrende Tierarztkosten fällig. "Die liegen für Spezialeingriffe und Notfälle bei akuter Atemnot oder Bandscheibenvorfällen zwischen 1000 und 2000 Euro", sagt Land. Ohne Tierkranken- oder OP-Kostenversicherung geht es meist nicht. Auch Nadine Geier hat für Balu eine OP-Versicherung abgeschlossen. 26 Euro pro Monat zahlt sie dafür. "Ich wünschte, dass es gar nicht zu diesen Operationen kommt", sagt Kleintierchirurg Dr. Land, obwohl er dafür ausgebildet ist.

Auch wenn ihn der Vierbeiner treu anschaut, weiterempfehlen würde er überzüchtete Hunde nie. Er klärt Tierhalter über Risiken auf. Viele wüssten nicht, wie krank ihr Liebling ist. Land stellt sich hinter die Forderungen, die der Deutsche Tierärztetag schon 2015 aufgestellt hat: Aufklärung, Ausstellungs- und Werbeverbot, strenge Zuchtauflagen, Fachkundenachweis für Züchter, strengere Gesetze, Verfolgung illegalen Tierhandels, Einschränkung des Handels auf Internetplattformen, Verzicht auf positive Bewertung von Extremmerkmalen.

Extreme Züchtungen sind zwar laut Tierschutzgesetz verboten, wenn bei den Tieren Schmerzen auftreten, aber die Formulierungen seien zu schwammig, sagt Lisa Hoth vom Deutschen Tierschutzbund. Behörden hätten Schwierigkeiten, Qualzuchten zu verfolgen. Deshalb fordert der Bund eine rechtlich verbindliche Verordnung mit klarer Definition. Würde sie sich mit dem Wissen um das Leid der Tiere wieder für eine Französische Bulldogge entscheiden? Nadine Geier überlegt: "Vielleicht nicht", sagt sie zögernd und schaut auf Balu. "Aber hergeben würde ich ihn nie."

 

 

Trifft irgendetwas hiervon zu, erwerben Sie diesen Hund nicht:

 

Der Hund ist bei einem kurzen Sprint mehr aus der Puste als ich.

Der Hund schnauft, röchelt oder schnarcht im Ruhezustand.

Der Hund atmet sehr schnell.

Der Hund hechelt schon bei mäßigen Temperaturen stark.

Der Hund hat extrem hervorstehende Augen.

Der Hund schielt.

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