Der alltägliche Wahnsinn

Es sind immer wieder die gleichen Dinge, die Eltern in Rage bringen. Die Ordnung im Jugendzimmer steht dabei ganz oben. Auch bei Alexandra und Moritz Rak.

Genervt hebt Alexandra Rak die Jeans ihres Sohnes vom Boden auf: "Ist die dreckig oder willst du die heute anziehen?" Warum Jungen wie ihrem Sohn Moritz permanent alles aus der Hand fällt und dann nicht wieder aufgehoben wird, ist ihr ein Rätsel. Und es ist häufiges Streitthema in der Familie.

Sein Zimmer sauber zu machen, findet der 13-Jährige nervig. Überhaupt sei der Ordnungssinn seiner Mutter übertrieben, wie er sagt. Moritz ist in der Pubertät. Bei seinem 16-jährigen Bruder sei die schlimme Phase gerade im Abklingen, sagt die Mutter. Nun die Neuauflage bei Moritz. "Ich räume den beiden nichts mehr nach, dann müssen sie eben ewig suchen, bis sie alles beisammen haben, oder blamieren sich, wenn Freunde zu Besuch kommen", hat die 49-Jährige beschlossen. Auch Tischdecken und -abräumen sei Aufgabe der Kinder. Sie lasse das Geschirr stehen, und wenn es ihr noch so in den Fingern kribbelt.

Besonders, wenn es um die Ordnung geht, haben Mutter und Sohn unterschiedliche Ansichten. "In grundsätzlichen Dingen stimmen wir aber überein", sagt Alexandra Rak. Deshalb komme es auch immer wieder vor, dass er sie spontan umarmt. "Das genieße ich."

Moritz habe eine sehr gute Auffassungsgabe. Deshalb sieht sie auch positiv in die Zukunft. Das Ordnungsproblem löse sich schon irgendwann. Beim Großen klappe es ja auch immer besser.

"Wenn die beiden Jungs sich so weiterentwickeln, müssten sie einigermaßen gut durchs Leben kommen." Das Abnabeln und der Auszug seien ja auch wichtig, damit sie noch selbstständiger werden. "Manche Sachen will man als Eltern dann auch gar nicht mehr mitbekommen, beispielsweise wie gut sie sich in der Ausbildung selbst organisieren können, Dinge immer wieder auf den letzten Drücker erledigen oder auch mal durchfeiern", sagt sie. Würden die Kinder dann noch zu Hause wohnen, müsste sie das dann natürlich irgendwie kommentieren. "Aber war es bei uns denn anders? Wir wollten uns ja auch ausprobieren." Falls Moritz aber irgendwo Probleme hat, weiß er immer wo er hingehen kann.

Wie groß die Übereinstimmung zwischen Mutter und Sohn wirklich ist, hat die "Freie Presse" in einer Befragung der beiden ermittelt. Zu bestimmten Alltagssituationen und Problemfällen haben Sie getrennt voneinander ihre Meinung gesagt.

Das sagt die Mutter         

"Mich stören endlose Diskussionen über Nichtigkeiten"         

Ordnung: Wenn Moritz will, kann er sehr ordentlich sein. Zum Beispiel wenn es ans Umgestalten seines Zimmers geht und mal wieder Regale verschoben werden. Aber aufräumen? Nein, da gibt es gaaanz viele andere Dinge, die wichtiger, spannender, sinnvoller für ihn sind.

Verantwortung: Wenn er die Abendrunde mit dem Hund übernehmen muss, dann macht er das. Einen Hund zu haben, war ein großer Wunsch von ihm. Dass danach automatisch ins Bett gegangen wird, ist nicht mehr so selbstverständlich, auch wenn ihn am nächsten Morgen seine Augenringe verraten.

Gesundes Essen: Wir kochen selber, werden vom Nachbarn mit frischem Gemüse aus dem Garten verwöhnt. Die Gesundheitswochen in der Schule fand Moritz spannend und da stellt er sich auch schon mal hin und braut sich mit dem Mixer ein Himbeer-Quark-Joghurt-Getränk. Wobei der Zucker aber nicht fehlen darf. Wenn aber ein Freund zum Übernachten kommt, werden sich Chips oder irgendwelche Gummischlangen reingezogen.

Alkohol/Drogen: An Alkohol ist er überhaupt nicht interessiert. Kontakt mit anderen Drogen hatte er noch nicht.

Pünktlichkeit: In der Woche muss Moritz spätestens 19.30 Uhr zu Hause sein, weil wir nach Möglichkeit zusammen essen wollen. Am Wochenende ist gegen 21 Uhr Schluss. Wenn er sich verabredet hat und etwas Besonderes ansteht, können wir über die Zeiten verhandeln. Punktgenaue Ankunftszeiten am Abend gelingen nicht immer, aber mehr als eine Viertelstunde wird der Spielraum selten ausgereizt.

Hilfe im Haushalt: Ja, so Kleinigkeiten wie Tischabräumen klappen sogar. Beim Bad putzen, durchsaugen oder Meerschweinkäfig säubern ist die Überraschung immer wieder groß, dass eine Woche vergangen ist. Das funktioniert nicht ohne Ansage, und dann wird genauestens darauf geachtet, dass der Bruder gleichviel erledigt.

Freizeit: Neben festen wöchentlichen Terminen wie Schlagzeug und Sport, chillt er nach der Schule vor dem Computer. Im Sommer ist er viel mit dem Fahrrad unterwegs und trifft sich mit Freunden. Hausaufgaben und Lernen macht er nach dem Abendessen. Das war bis vor einem halben Jahr noch ein Problem. Ich wollte, dass er die Aufgaben direkt nach der Schule erledigt, was immer zu Streit geführt hat, weil er seine Freizeit im Kopf hatte. Der Vorschlag, es so zu machen wie jetzt, kam von ihm. Ich war sehr skeptisch, aber die Noten im zweiten Halbjahr haben ihm recht gegeben. Familienaktionen am Wochenende findet er nur mäßig spannend.

Medien: Moritz daddelt viel, oft zu viel. Oft bekommt er dann aber selbst den Rappel und schafft sich einen sportlichen Ausgleich.

Aussehen: Er ist mit seinem Aussehen zwar zufrieden, aber wäre gerne größer, vielleicht auch etwas kräftiger. Die glatten Haare stören ihn.

Was stört Sie an Ihrem Sohn? Seine manchmal sehr zur Schau getragenen Launen, wenn er die ganze Welt als ungerecht empfindet, und endlose Diskussionen über Nichtigkeiten.

Was lieben Sie an Ihrem Sohn? Seine manchmal sehr zur Schau getragenen Launen (lacht), wenn er von der Haarwurzel bis zu den Zehenspitzen strahlt und mich spontan umarmt. Ich liebe auch seine schnelle Auffassungsgabe.

Das sagt Moritz         

"Verbote meiner Eltern missachte ich auch gern mal."         

Ordnung: Ich bin nicht sehr ordentlich, da ich sehr faul bin und deswegen zum Beispiel mein Zimmer nicht selbstständig aufräume. Aber wenn Besuch kommt oder meine Eltern ausdrücklich sagen, ich soll es sauber machen, dann mache ich es, wenn auch widerwillig.

Verantwortung: Es kommt drauf an, bei was ich verantwortungsbewusst bin. Wenn es um irgendwelche Zeiten geht, die ich einhalten soll, bin ich so gut wie immer pünktlich da. Aber wenn es darum geht, dass man auf irgendwas nicht hochklettern darf, dann ist mir das relativ egal und ich klettere einfach los.

Gesundes Essen: Wenn ich bei Freunden bin oder selber was einkaufe, dann sind es meistens ungesunde Sachen. Aber Zuhause esse ich meistens, was auf den Tisch kommt. Und das ist gesund.

Alkohol/Drogen: Ich habe noch nie Drogen konsumiert und Alkohol trinke ich auch nicht, habe aber mal einen kleinen Schluck probiert.

Pünktlichkeit: Ich finde, ich könnte ruhig später nach Hause kommen. Da sind meine Eltern aber leider meistens anderer Meinung.

Hilfe im Haushalt: Ja, ich muss mit meinem Bruder jedes Wochenende das Bad machen oder saugen, aber ich mache das nicht gerne, und es gibt auch immer Diskussionen. Wir müssen auch entweder den Tisch decken oder abräumen und dazu noch die Spülmaschine ausräumen. Das nervt ganz schön.

Freizeit: Mir reicht meine Freizeit. Manchmal weiß ich gar nicht, was ich machen soll. Am liebsten mache ich Parkour mit meinen Freunden.

Medien: Ich muss zugeben, dass ich viel zu lange an den Dingern hänge, aber es macht mir Spaß. Deswegen spiele oder gucke ich immer weiter.

Aussehen: Ich finde mein Äußeres gut bis auf meine Haare. Sie sind so dünn und fallen ziemlich blöd.

Was stört dich an deiner Mutter? Sie kann manchmal ein bisschen streng sein oder nimmt etwas zu ernst, das nervt dann.

Was liebst du an deiner Mutter? Sie hilft mir bei allen Sachen, zum Beispiel, wenn ich Probleme habe, und steht immer zu mir.

Das Fazit des Familientherapeuten         

Ekkehardt Vogel von der Stadtmission Chemnitz hat sich anhand der Standpunkte von Mutter und Sohn ein Bild von Familie Rak gemacht         

Der Familientherapeut leitet einen Elternkurs zur Pubertät. Bei Familie Rak kommt er zu folgendem Schluss: Es ist zu spüren, dass die Kinder bestimmte Werte der Eltern akzeptiert und verinnerlicht haben, sie auch nicht in Zweifel ziehen - das wird deutlich in der Einstellung zu Alkohol und Drogen oder in der Verantwortung für das Haustier.

Die kleinen Versuche der Rebellion von Moritz, die beim leidigen Thema Ordnung sichtbar werden, sind wichtig für Kinder auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Auch das Kräftemessen der Brüder bei der Verteilung der Arbeiten im Haushalt. Ich empfehle, für das Aufräumen einen festen Rhythmus zu vereinbaren, zum Beispiel einmal monatlich, vor der Taschengeldzahlung. Denn Eltern sollten ihren Pubertierenden nicht mehr auf- oder nachräumen. Das hat sogar etwas Übergriffiges. Denn die Kinder haben in ihrem Zimmer auch Dinge aufbewahrt, die vielleicht nicht für die Augen der Eltern bestimmt sind.

Deshalb gefällt mir die Einstellung der Mutter, die sagt, dass man als Eltern auch nicht alles wissen muss. Dass sie Parallelen zu ihrer eigenen Jugendzeit zieht, ist anzuerkennen. Viele Eltern müssen in der Ablösephase einen regelrechten Lernprozess durchlaufen.

Zweifel am eigenen Äußeren hat wahrscheinlich jeder Jugendliche in irgendeiner Form. Gut, dass die Eltern Moritz' Sorgen in dieser Beziehung respektieren, aber etwas realistischer einordnen. Äußerlichkeiten werden oft verbunden mit Anerkennung in der Gruppe.

Wie erfolgreich es sein kann, Kinder eigene Lösungsvorschläge machen zu lassen, zeigt sich beim Thema Hausaufgaben. Moritz hat abends nach der Freizeit mehr Ruhe dafür. Die Mutter schaffte ihm den Freiraum, sich auszuprobieren, und es geht gut. Wenn nicht, muss Moritz auch die Konsequenzen tragen. Also nicht nachts ihm schnell die Hausaufgaben machen, sondern Mut, die Verantwortung beim Jugendlichen zu lassen. Aus den Antworten von Moritz ist ein starker Wunsch nach Feedback und Lob durch die Eltern zu lesen. Das dürfen Sie ihm gerne geben.

Nächsten Montag: Buchautor Jan Weiler spricht über Minenfelder zwischen Eltern und Pubertieren, aber auch über viel Gefühl.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...